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Zürcher Männerchöre kämpfen ums Überleben

Die Männerchöre im Kanton Zürich sind wegen Überalterung und Nachwuchsmangel – teils akut – vom Aussterben bedroht. In rund dreissig Jahren werden die meisten verschwunden sein, sagt der Präsident des Zürcher Dachverbandes.

Nicht wenige sind über 150 Jahre alt – und waren einst ein unverzichtbarer Pfeiler für die kulturelle Belebung und den Zusammenhalt der dörflichen Gemeinschaft: Die Zürcher Männerchöre. Doch seit geraumer Zeit verstummt ein Chor nach dem andern. Und viele weitere stehen unmittelbar vor dem Aus. Die Chöre sind überaltert, leiden unter Mitgliederschwund und finden kaum noch junge Stimmen. «Wir kämpfen ums Überleben», sagt Otti Wegmann, Präsident des Männerchors Meilen, dem ältesten Männerchor der Schweiz (Gründungsjahr: 1821). Gerade mal noch 15 aktive Mitglieder weist der Verein heute auf. Durchschnittsalter: 77 Jahre. Trotz modernem Liedgut – so gibt man unter anderem auch den Song «Mit 66 Jahren» von Udo Jürgens zum Besten – und vielen persönlichen Werbeaktionen, fand sich in den letzten Jahren kaum Nachwuchs.

Auflösung verzögern

Diesen Frühling lud der Männerchor Meilen dann zur Krisensitzung ein. Aufhören kam nicht in Frage. Deshalb entschied man sich schliesslich bis Ende dieses Jahres in der Lokalpresse verschiedene Werbeinserate zu publizieren. Unter anderem mit folgendem Inhalt: «Männerchor Meilen: 1. Tenöre gesucht – auch Bässe willkommen.» Und – oh Wunder – die Inserate trugen selbst zur Überraschung des Präsidenten tatsächlich Früchte: Drei Männer im Alter von «50 plus» meldeten sich und machen heute im Chor verbindlich mit. «Doch wir sind realistisch genug, um zu wissen, dass wir damit das Ende des Chores lediglich hinauszögern können», sagt Wegmann. Ganz ähnlich präsentiert sich die Situation auch beim Männerchor Bülach. «Der jüngste Sänger in unserem Chor ist 64 Jahre alt, der älteste ist 84», sagt Co-Präsident Anton Giger. Eine grosse Zukunft sieht auch er für seinen Chor nicht mehr. «Wir können die Auflösung nur noch hinausschieben – zum Beispiel mittels einer Fusion mit anderen Männerchören aus den Region», erklärt Giger.

Sang- und klanglos

Für mindestens zwei Zürcher Männerchöre waren im vergangenen Sommer selbst solche lebensverlängernden Massnahmen keine Option mehr. Mitte Juli hatte sich der Männerchor Kemptthal-Winterberg dazu entschieden «wegen Überalterung und zu wenigen aktiven Sängern», sich aufzulösen. Und Ende August verstummte auch der traditionsreiche Männerchor Schwamendingen (1873) aus den gleichen Gründen für immer. Der frühere Präsident des Männerchores Schwamendingen, Willi Keller, sieht vor allem zwei Gründe für das Chorsterben im Kanton Zürich: «Einerseits wollen die Jungen schlicht und einfach nicht mehr verbindlich in einem Chor mitmachen und andererseits ist heute das konkurrenzierende Freizeitangebote riesig.» Peter Meier, früheres Mitglied beim Männerchor Kemptthal-Winterberg, fragt seinerseits rhetorisch: «Was ist mit den Männern los, wo sind sie geblieben?» Um sich sogleich die Antwort zu geben: «Sie sind bequem geworden und hocken abends nur noch vor dem PC.»

Frauenchöre mitbetroffen

Kaum viel Hoffnung hinsichtlich der Zukunft der Männerchöre macht Christian Theilkäs, Präsident des Dachverbandes der Zürcher Sängerinnen und Sänger, dem Kantonal-Gesangverein. «Wir müssen die Realität anerkennen: In zwanzig bis dreissig Jahren werden die meisten traditionellen Männerchöre verschwunden sein.» Im Unterschied zur Einschätzung vieler Mitglieder der Männerchöre ist Theilkäs zudem überzeugt, dass auch viele Frauenchöre «ein ähnliches Schicksal ereilen dürfte». Letztlich sei das ganze Chorwesen von einem drastischen Mitgliederschwund betroffen. «Allein in den letzten acht Jahren ist unser Bestand an Chor-Mitgliedern im Kanton Zürich von nicht ganz 8000 auf 6000 gesunken.»

Wer überlebt?

Für viele Männerchöre sei es heute zu spät, um noch das Steuer rumzureissen, glaubt Theilkäs. «Man hätte vor zwanzig oder dreissig Jahren reagieren sollen.» In Sachen Mitgliederwerbung sei in den letzten Jahrzehnten einfach viel zu wenig passiert. Obschon man als Verband seit langer Zeit ein Seminar zur Mitgliederwerbung anbiete, «erhalten wir praktisch kein Echo». Zudem hätten es viele Chöre schlicht verpasst das eigene, nicht selten antiquierte Liedgut zu hinterfragen. «Überleben werden einzig jene besonders engagierten und ambitionierten Chöre, die sich schon früh mit Fragen zur Nachwuchsförderung und Mitgliederwerbung auseinandergesetzt haben», sagt Theilkäs. Entscheidend für die Zukunft viele Chöre sei zudem, dass sie ein Repertoire aufweisen, «das sich Zeitgenössischem nicht verschliesst». Und: «Dass sie offen sind für Experimente.»

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