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Zürcher streiten wieder mit ihrem Bischof

Der Zürcher Synodalrat äussert sein Bedauern über den Zwist, den der Zürcher Justizdirektor Martin Graf und der Bischof von Chur öffentlich austragen. Bischof Vitus Huonder wird dafür kritisiert, dass er demokratische Einrichtungen in Frage stelle.

«Wir sind überrascht von der Schärfe und der Tonalität der Auseinandersetzung», heisst es im Communiqué, das der Zürcher Synodalrat und das Generalvikariat Zürich gestern verschickt haben. Auslöser des Disputs waren Äusserungen des Zürcher Regierungsrats Martin Graf (Grüne) letzten Freitag an einer Medienkonferenz zum Jubiläum 50 Jahre öffentlich-rechtliche Anerkennung der Katholiken im Kanton Zürich. Graf sprach von einer Erfolgsgeschichte und lobte die Zürcher Katholiken: «Sie stehen mitten im Leben unserer Wirtschaftsmetropole, sie spüren die Alltagsprobleme dieser Zeit und setzen sich ein für eine offene Begegnung der Menschen in unserer pluralistischen Gesellschaft.» Den Gegensatz dazu bilde «die geschützte Werkstadt in Chur oder Rom, wo offenbar die Zeit im späten Mittelalter stehen geblieben ist». Graf nannte es unverständlich, dass die dort tätigen Kirchenhäupter meinten, «an den verfassungsrechtlich geschützten Grundrechten vorbeipredigen zu können». Er habe vor allem den Zölibat im Visier gehabt, präzisierte er später ge­gen­über der «NZZ am Sonntag». Wie Graf halt so redet An besagter Medienkonferenz warf Grafs Rede keine hohen Wellen. Auch auf Seiten der kirchlichen Vertreter nicht. «Diese Aussagen wären sicher nicht nötig gewesen», sagt im Rückblick der Zürcher Synodalratspräsident Benno Schnüriger, der an der Medienkonferenz vor Graf referiert hatte. Aber er habe Graf schon zwei-, dreimal in diesem Sinne reden gehört. So sei er nicht weiter überrascht gewesen und habe das halt zur Kenntnis genommen. In Chur reagierte man weniger gelassen. Das bischöfliche Ordinariat teilte am Montag amtlich mit, dass es einen Brief nach Zürich gesandt habe, um von Martin Graf eine Entschuldigung und vom Gesamtregierungsrat eine «öffentliche Distanznahme» zu verlangen. Der Zürcher Regierungsrat tagt jeweils am Mittwoch, er könnte sich also heute mit der Sache befassen. Vorausgesetzt, der Brief aus Chur ist bis dahin eingetroffen ist, sagt Grafs Mediensprecher Benjamin Tommer. «Frontalangriff» aus Chur Die Anerkennung der Katholiken war 1963 per Volksentscheid erfolgt. Man bedaure, dass das Jubiläum nun von einem öffentlich ausgetragenen Zwist überschattet werde, sagt Schnüriger. Wobei in der synodalrätlichen Mitteilung von gestern allein der Bischof kritisiert wird. Dieser nutze die Gelegenheit, so heisst es darin, die demokratisch verfassten Einrichtungen des Kantons Zürich «frontal anzugreifen und grundsätzlich in Frage zu stellen». Wobei dies nun ein Konflikt ist, der schon länger schwelt. Denn mit der öffentlichen Anerkennung gehen staatskirchenrechtliche Vorgaben einher, die in Chur seit einiger Zeit kritisch hinterfragt werden. So ist vorgeschrieben, dass die Katholiken des Kantons wie die Reformierten eine Körperschaft bilden. Diese wählt ein Parlament (Synode) und eine Regierung (Synodalrat). Zudem sind verwaltungsrechtliche Grundsätze zu garantieren. Was in Chur und Rom speziell stört: Die Steuereinnahmen gehen an die Kirchgemeinden und nicht an den Bischof (in Deutschland etwa ist es umgekehrt); und der Bischof darf zwar die Pfarrer ernennen, diese müssen sich aber noch der Volkswahl stellen. Das gibt es in der katholischen Kirche sonst nirgends auf der Welt. Und so wird denn im Protestschreiben vom Montag aus Chur eine besondere Betroffenheit über die Äusserungen Graf geltend gemacht, «weil der Kanton Zürich durch seine Gesetzgebung die römisch-katholische Kirche gemäss deren Selbstverständnis nicht anerkennt». Diese Sicht entspricht der Schlussfolgerung, die der Churer Generalvikar Martin Grichting – Stabschef und Stellvertreter von Bischof Huonder – in seiner Dissertation 1997 gezogen hat. Er hatte in seiner Arbeit speziell den Kanton Zürich untersucht. Schnüriger hat am Freitag betont, dass sich 1963 der Bischof noch gefreut habe über die Anerkennung. Die gesetzliche Umsetzung sei pionierhaft gewesen. Sie habe sich an der Urschweizer Tradition orientiert und sei später von vielen Kantonen übernommen worden. Graf beklagte, dass Chur «den Segen staatskirchenrechtlicher Einrichtungen partout nicht einsehen will». Bistumssprecher Giuseppe Gracia sagt: «Die eigentliche römisch-katholische Kirche und ihre Repräsentanten werden von der Gesetzgebung des Kantons Zürich ignoriert.» Dar­auf habe man hinweisen wollen. Der Bischof habe daher auch neue Wege der Begegnung und des Respekts zwischen Bistum und Regierung gefordert. Man sei überrascht, dass sich der Zürcher Synodalrat nicht von den Aussagen Grafs distanziere.

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