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Zuflucht vor den Zumutungen des Alltags

Seit zehn Jahren laden die Ordensschwestern auf der Insel Rhein­au Gäste ein, am Klosterleben teilzuhaben. Viele Menschen finden dort die Ruhe und Einkehr, die sie sonst vermissen. Im vergangenen Jahr kam das Haus der Stille auf 2500 Übernachtungen.

Immer wieder zieht sie sich für ein paar Tage auf die Insel zurück. «Hier kann ich zur Ruhe kommen und auftanken», sagt Florentina Gelb. Die 34-jährige Pflegefachfrau verbringt einen guten Teil ihrer Freizeit und ihrer Ferien im Haus der Stille auf der Klosterinsel Rhein­au. Sie nimmt an den täglich sechs Gebetszeiten und Gottesdiensten teil, hilft den Ordensschwestern im Haushalt und geniesst die Natur. «In dieser Abgeschiedenheit, abseits der Alltagshektik mit Computer und Freunden, spüre ich Gottes Gegenwart.» Die junge Katholikin aus Bassersdorf, die auch in Freikirchen verkehrt, hat sich ernsthaft überlegt, ganz ins Kloster einzutreten. Doch auf Dauer könne sie sich zurzeit ein Leben mit derart streng geregeltem Tagesablauf und wenig privatem Raum nicht vorstellen, ist sie einstweilen zum Schluss gekommen. Mit ihrer Suche nach Ruhe und einem einfachem Leben ist sie nicht allein. Letztes Jahr zählte das Haus der Stille über 2500 Übernachtungen plus rund 800 Tagesgäste. In den zehn Jahren seit der Gründung des stilvoll renovierten Hauses hat die Nachfrage stetig zugenommen, wie Schwester Maria Paula sagt, eine der sechs Ordensfrauen, die das Haus führen. Manche bleiben nur wenige Tage, andere mehrere Wochen – ältere, aber auch junge Menschen aus der Schweiz und Deutschland, viele Frauen und einige Männer. «Die Leute werden einsamer» «Wir fragen die Gäste nicht nach Glauben und Konfession, sondern laden sie einfach ein, an unserem klösterlichen Leben teilzuhaben», sagt die 58-jährige Maria Paula, die mit bürgerlichem Namen anders heisst. Es habe sich auch schon jemand zum Buddhismus bekannt und dennoch an den Gebetszeiten teilgenommen. «Wir spüren, dass die Verunsicherung und Einsamkeit der Menschen zunimmt», begründet die Schwester den grossen Zulauf. Nachdem die Psychiatrie im Jahr 2000 die ehemaligen Klostergebäude verlassen hatte, gründete die katholische Kirche des Kantons Zürich eine Stiftung als Trägerin des Projekts. Anfang März 2003 zogen sieben Schwestern der Spirituellen Weggemeinschaft ein, die ihr Mutterhaus in Kehrsiten am Vierwaldstättersee hat. Gründerin und Oberin ist die 78-jährige Mutter M. Andrea, die jüngste Schwester ist 40 Jahre alt. «Wir beten für jungen Nachwuchs», sagt Maria Paula. Doch in dieser säkularisierten Welt seien Berufungen selten geworden. Finanziert mit Spenden Die Frauen haben beim Ablegen ihres Gelübdes gänzlich auf privaten Besitz verzichtet. Die Kirche unterstützt ihre Gemeinschaft, indem sie jährlich 126 000 Franken Miete an den Kanton zahlt. Ansonsten leben sie von den Abgaben der Gäste sowie von Spenden der Freunde und Wohltäter. Zu ihrer Gemeinschaft gehört auch ein Frauenkloster in Albanien, dessen Arbeit für die Armen sie regelmässig mit Hilfsgütern unterstützen. Mit den sechs Schwestern lebt seit zwei Jahren eine weitere Frau als sogenannte Oblatin. Karin Kaiser trägt Pullover und Hose, ist aber ansonsten ganz integriert in die täglichen Rituale. «Ich wollte prüfen, ob das Klosterleben mein Weg ist», sagt die 52-Jährige aus Deutschland. Sie habe dann aber gemerkt, dass sie sich nicht dauerhaft verpflichten könne. Trotzdem hat sie ihre Wohnung aufgegeben und widmet sich jetzt ganz dem Gebet – abgesehen von gelegentlichen Besuchen bei ihrem Sohn und Enkelkind. «Im weltlichen Tagesablauf kann ich diese Hingabe nicht leben», begründet die gelernte Arztgehilfin ihren Entscheid. Sie habe nichts aufgegeben, was ihr etwas bedeutet hätte: «Ich vermisse nichts.» Auch für eine ältere Frau, die ihren Namen nicht nennen möchte, ist das Haus der Stille ein regelmässiger Zufluchtsort. Sie erholt sich von körperlichen Krankheiten und erfährt Geborgenheit bei Depressionen. «Ich empfange stets viel Liebe und Herzlichkeit hier», sagt die zierliche Frau und blickt aus dem Fenster ihres kleinen Zimmers. Draussen fliesst träge der Rhein dahin. Gäste zahlen für Übernachtung und Verpflegung so viel, wie sie geben können und wollen. Richtpreis sind 50 Franken pro Tag.www.spirituelle-weggemeinschaft.ch

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