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Zwei Stellvertreter im Fokus

washington. Die Vizepräsidenten sind einen Herzschlag vom Oval Office entfernt. Beim Duell der «Running Mates» geht es diesmal dennoch nur am Rande um Paul Ryan oder Joe Biden. Auf dem Spiel steht übermorgen die Dynamik im Rennen um das Weisse Haus.

Selten standen die Debatten der Vizepräsidentschaftskandidaten in der Geschichte amerikanischer Wahlkämpfe im Ruf, wirklich wichtig zu sein. Vermutlich wäre das Aufeinandertreffen des erzkonservativen Jungstars und des volkstümlichen Demokraten am «Center College» von Danville im US-Bundesstaat Kentucky auch diesmal wenig beachtet worden. Doch seit der überraschend schwachen Vorstellung Barack Obamas in Denver hat sich das grundlegend geändert. Nun sind die Scheinwerfer der Öffentlichkeit voll auf den Geburtsort der traditionellen Blue­grassmusik gerichtet.

Romney macht Boden gut

Ryan (42) steht vor der Aufgabe, den Aufwärtstrend zu verstärken, der das Rennen um das Weisse Haus wieder spannend gemacht hat. Umfragen nach der ersten Präsidentschaftsdebatte zeigen, dass Romney das seltene Kunststück gelang, durch einen starken Auftritt ein paar Prozentpunkte gutzumachen – sowohl bei den nationalen Umfragen wie auch bei den wichtigeren Erhebungen in den Wechselwählerstaaten. Umso wichtiger ist es für Biden (69), den neuen Schwung der Konservativen zu stoppen.

Niemand erwartet, dass der Gentleman von 2008 auf die Bühne tritt, der Sarah Palin damals mit sanfter Höflichkeit auflaufen liess. Stattdessen dürfte der raubeinige «Joe» auftauchen. Er stammt aus der im Rostgürtel gelegenen Industriestadt Scranton und versteht sich dar­auf auszuteilen. Die klassische Rolle des «Running Mate».

«Wie eine Kanonenkugel»

Der erzkonservative Jungstar an der Seite Mitt Romneys wappnet sich jedenfalls gegen eine volle Breitseite. «Ich vermute, der Vizepräsident wird wie eine Kanonenkugel auf mich losschiessen», ahnt Ryan, der sich im Wintergreen Resort von Virginia auf die Debatte vorbereitet. «Er wird voll auf Angriff eingestellt sein.» Entsprechend rigoros bereitet sich der Republikaner auf das Aufeinandertreffen vor. Morgens radelt der Hobbysportler in den Shenandoahbergen seinen Kopf frei. Dann übt er mit George W. Bushs ehemaligem Rechtsvertreter im Weissen Haus, Ted Olson, der die Rolle Bidens übernommen hat. Anschliessend analysiert das Team Ryan die Videomitschnitte der Übungsdebatte.

Republikanische Strategen wie Tucker Eskew raten ihm dazu, sich nicht in die Defensive drängen zu lassen. Biden sei eine wandelnde «Patzermaschine», die Ryan ein Füllhorn an Möglichkeiten dazu gebe. Zuletzt vor ein paar Tagen, als der Vizepräsident sagte, die amerikanische Mittelklasse sei in den letzten vier Jahren «begraben» worden. Natürlich meinte Biden etwas anderes. Doch gesagt ist gesagt.

Andererseits haben die Amerikaner dem volkstümlichen «Joe» diese verbalen Fehlgriffe bisher selten übel genommen. Biden hat das Image eines bodenständigen Politikers, der aus dem Herzen spricht. Und dabei umgekehrt einprägsame Sätze formuliert wie: «Osama bin Laden ist tot und General Motors lebt.» Vor allem hat er reichlich Erfahrung im Debattieren.

Erfahrung gegen Jugend

Biden bereitet sich nicht minder gründlich auf die Debatte vor. Dass Obamas Chefstratege David Axelrod aus dem Hauptquartier in Chicago eigens zur Vorbereitung des Vizepräsidenten nach Willmington im Bundesstaat Delaware anreiste, unterstreicht, welche Bedeutung das Team Obama dem Aufeinandertreffen für ein Comeback des Präsidenten beimisst. Von Romneys «47 Prozent»-Bemerkung über die Rettung der Autoindustrie bis hin zu Steuerwende und Sozialabbau wird Biden keine Chance auslassen, den Architekten der Privatisierungspläne für die staatliche Krankenversicherung im Alter unter Druck zu setzen. Gewiss dürfte der deutlich ältere Vizepräsident auch versuchen, seine Erfahrung als langjähriger Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Senat gegen den aussenpolitisch wenig versierten Republikaner auszuspielen.

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