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Zwei Wohnsitze für Scheidungskinder

bern. Mit dem neuen gemeinsamen Sorgerecht als Regelfall ist das Alltagsleben für geschiedene und getrennte Eltern nicht automatisch neu geregelt. Vielmehr brauche es ein Umdenken in der familiären Organisation und der Wohnform, sagt Väterlobbyist Oliver Hunziker.

Wenn bis am 10. Oktober kein Referendum gegen die von der Bundesversammlung beschlossene Einf?hrung des gemeinsamen elterlichen Sorgerechts eingeht, d?rfte der Systemwechsel im Januar 2014 in Kraft treten. Und Opposition ist in der kurzen Zeit nicht mehr zu erwarten. Selbst jene linken Frauen, die sich bis zum Schluss gegen das gemeinsame Sorgerecht einsetzten, weil sie im Systemwechsel vor allem die Beschneidung der Rechte von M?ttern sehen und keinen Gewinn f?r beide Eltern, lehnen sich nicht mehr dagegen auf. Sie haben das neue Gesetz als Folge des gesellschaftlichen Wandels akzeptiert. Eine weitere Verz?gerung ist auch laut Bundesamt f?r Justiz nicht in Sicht: «Die Vorlage steht unter starkem ?ffentlichem Druck, vor allem seitens der V?terorganisationen. Ausserdem erfordert die Umsetzung keine langen ?bergangsfristen, sodass einem raschen Inkrafttreten nichts im Wege steht», so der zust?ndige Fachstellenleiter Zivilrecht, David R?etschi.

Doppelresidenz als neuer Weg?

Freude also bei den Vork?mpfern des gemeinsamen Sorgerechts, die im Zuge der Umsetzung bereits ein neues Anliegen platzieren. Obwohl das Sorgerecht weder Betreuungsmodelle noch Wohnform der Kinder regelt, sondern vielmehr die Mitwirkung und Mitbestimmung beider Eltern gleichsetzt, stellt Oliver Hunziker, Scheidungsv?ter-Lobbyist und Pr?sident des Vereins verantwortungsvoll erziehender Eltern (VeV), zur Diskussion, mit welcher Wohnform Kinder aus geschiedenen und getrennten Familien am besten aufwachsen. Er pl?diert f?r zwei gleichwertige Lebensmittelpunkte, das Doppelresidenz­modell, fr?her als Wechselmodell bekannt. Die Doppelresidenz sei die beste Regelung f?r Scheidungskinder, «da die Bindung und das Familienleben mit Mutter und Vater erhalten bleiben», betont Hunziker, selbst geschieden und Vater zweier Teenager. Ausserdem f?rdere die parit?tische Doppelresidenz auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Dass die Kinder damit jeweils zwei offizielle Adressen angeben m?ssten und sich ihre Si­tua­tion damit verwaltungstechnisch verkompliziere, sei verkraftbar, findet er.

Ideal versus Realität

Allerdings zeigt die Realit?t, dass es bei der parit?tischen Kinderbetreuung beider Eltern noch stark hapert. Laut einer nationalen Untersuchung aus dem Jahr 2011 haben gerade mal acht Prozent der V?ter ihr Arbeitspensum zugunsten der Kinder reduziert, die meisten von ihnen auf 80 Prozent. Die Hauptverantwortung ?ber die Kinder tr?gt nach wie vor die Mutter. ­Damit der von Hunziker skizzierte Idealzustand erreicht w?rde, m?ssten «selbstverst?ndlich die V?ter von dieser Wohnform und vom Wert der Teilzeitarbeit ?berzeugt werden», wie er selbst sagt. Nat?rlich sei klar, dass das Doppelresidenzmodell nicht f?r alle Familien m?glich sei. Denn dies w?rde bedingen, dass die Eltern nicht in grosser Distanz zueinander wohnen, sodass die Kinder den Weg zwischen den beiden Wohnorten alleine bew?ltigen k?nnen. Doch w?re es Teil des gesellschaftlichen Wandels, wenn sich Eltern bereits lange vor einer streitbehafteten Trennung ?ber solche Ideen ernsthaft Gedanken machten. «Nur so kann im Ernstfall eine derartige L?sung ?berhaupt realisiert werden.»

Im linken Lager erheben sich skeptische Stimmen ge­gen­?ber der Doppelresidenz. So sagt etwa Margret Kiener Nellen, Berner SP-Nationalr?tin und als solche Mitglied der Rechtskommission, «dass diese Wohnform viel Unruhe mit sich bringt und die Organisation sehr anspruchsvoll macht». Wichtig sei, dass die gew?hlte L?sung mit dem Wohl des jeweiligen Kindes ?bereinstimme, weshalb die Doppelresidenz gerade nicht im Zivilgesetzbuch enthalten sei.

Das Modell als Regel einzuf?hren, sei freilich nicht die Idee, wehrt sich VeV-Pr?sident Hunziker. «Wir haben das gemeinsame Sorgerecht erk?mpft, und dar­?ber sind wir sehr froh.» Nun gelte es aber, etwas – insbesondere f?r die Kinder – Sinnvolles damit anzufangen. Man m?sse wegkommen vom verbreiteten Modell, dass ein Elternteil die Alltagsbetreuung bew?ltige, w?hrend der andere den «Happy Weekend»-Teil ?bernehme. Beide Eltern k?nnten mit der neuen Form erwerbst?tig sein und so gemeinsam zu den Familienkosten beitragen.

Gerade die Frage der Kosten ist zurzeit alles andere als gekl?rt. Im Dezember will der Bundesrat seine Botschaft zum neuen Unterhaltsrecht pr?sentieren, von der sich die Frauenlobbys eine Verbesserung der finanziellen Si­tua­tion f?r die M?tter erhoffen. Die V?terlobbys haben bereits signalisiert, die Gesetzesvorlage zerpfl?cken zu wollen. Sie f?rchten, mehr als bisher zur Kasse gebeten zu werden. Ob sich hier in absehbarer Zeit eine politische Einigung abzeichnet, ist fraglich.

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