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Zweite Chance für Madam

Zürich. Guy Krnetas Kammerspiel «Dr Madam ihre Mössiö» leuchtet in Abgründe hinein. Premiere war am Samstag im Theater Neumarkt.

Ein Käfig auf Rädern ist dieser Wohnwürfel, weisses Holz an den Kanten, eine Tür, seitlich Rollos, die hochgehen und den Blick frei geben ins Innere (Bühne und Kostüme: Regula Zuber). Darin zwei Raubtiere: d Madam in Jupe und roten Strümpfen (Rahel Hubacher) und dr Mössiö in Jeans und Pullover (Alexander Seibt). Ausserhalb sitzt der Mann mit der Gitarre (Daniel Lerch): ein blonder Matrose, der den Abend musikalisch rhythmisiert. Dann hagelt es Vorwürfe, begleitet von Blicken, die töten könnten, von Wut- und Tobsuchtsanfällen, von Schreikrämpfen, Hasstiraden. Und alles in der indirekten Rede. Distanz ist angesagt. Er habe, sie sei. Sie lässt ihre Wut in breitestem Bärntüütsch vom Stapel, er kontert in Züritüütsch. Vor Anstrengung rote Köpfe bekommen beide.

Nach und nach wird die ganze Tragik dieser Beziehung fassbar. Zu Beginn scheinen seine Eltern das Problem zu sein. Sie haben im gleichen Haus gewohnt wie d Madam und dr Mössiö. Ihr haben sie das Leben mit Kontrollen und Schikanen zur Hölle gemacht. Wie Rahel Hubacher ihre Frustration mit vollem Körpereinsatz zum Ausdruck bringt und wie Alexander Seibt ihr entgegentritt und den Riegel zu schieben versucht, ist Klasse. Schliesslich erfährt man auch die ganz dunklen Seiten: dass er als Jugendlicher von seiner Mutter missbraucht wurde, dass er wegen seiner Vorliebe für Knaben und wegen Speichern pornografischen Materials in Haft war und sie wegen Suizidversuchen in der psychiatrischen Klinik.

Permanent Stress

Das alles könnte verhalten und ruhig erzählt werden. Regisseur Bruno Cathomas aber zieht den lauten und fast permanenten Bewegungsstress vor, was Ohr und Auge mit der Zeit etwas ermüdet. Grosse Nummern aber haben beide: Rahel Hubacher etwa als Putz- und Zügelfurie, die – ein wunderbarer Slapstick – krampfhaft versucht, einen Teppich vom Staub zu befreien und allerlei Mobiliar in den Wohnwürfel hineinzutragen.

Alexander Seibt seinerseits entwickelt sich zum begnadeten Konditionstrainer, der zu all den sportlichen Übungen sein Leben als 20-jähriger Springinsfeld Revue passieren lässt.

Am Schluss, fast ein Happy End, singen die beiden – ganz nah beieinander – das schönste Volkslied der Schweiz: s Guggisbärglied, das die traurige und unmögliche Liebesgeschichte erzählt vom Vreneli ab em Guggisbärg und von Simes Hans-Joggeli änet dem Bärg. Bei ihnen bricht das Mülirad. D Madam und dr Mössiö aber scheinen von Guy Krneta eine zweite Chance zu bekommen.

«Dr Madam ihre Mössiö» ist nach den «Expats» (Barbara Weber) und dem «Truppenbesuch» (Mike Müller) der dritte Teil der CH-Trilogie am Theater Neumarkt. Das Stück des 1964 in Bern geborenen Autors Guy Krneta basiert auf Recherchematerial des Journalisten Fredi Lerch. Dessen Sozialreportage ist 2012 unter dem Titel «Alles bestens, Herr Grütter» beim Rotpunktverlag erschienen.

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