Zum Hauptinhalt springen

Zwischen Kampf und Versöhnung

Heute vor 100 Jahren starb der Winterthurer Pionier, Unternehmer und Politiker Eduard Sulzer-Ziegler. Er war eine polarisierende Persönlichkeit, ein radikaler Liberaler mit durchaus sozialer Ader.

«Ein Grosser ist heute Morgen von uns gegangen», leitete die «Neue Zürcher Zeitung» ihren Nachruf auf den an einer Lungenentzündung verstorbenen Eduard Sulzer-Ziegler ein. Zurückhaltender urteilte der «Landbote», hatte Sulzer-Ziegler doch einst den «verderblichen Einfluss» des demokratischen Blattes angeprangert. Unbestritten waren jedoch die Verdienste des Winterthurers, der genau heute vor 100 Jahren, am 31. Januar 1913, verstarb. Geboren 1854 als jüngster Sohn des Giesserei-Mitbegründers Johann Jakob Sulzer, eignete sich Eduard eine breite Allgemeinbildung an und trat nach Studien in Genf, Berlin, Dresden und England 1878 in die von seinen Brüdern geleitete Firma ein. Dort beschäftigten Rechnungswesen, Lohn- und Rechtsfragen den jungen Unternehmer, der die Textilfabrikantentochter Maria Helene Ziegler heiratete und ab 1884 im Lindengut vor dem Obertor lebte. Eduard war auch für die Abteilung Bohrmaschinen und Tunnelbau verantwortlich und holte sich beim Bau des Arlbergtunnels ab 1880 wertvolle Erfahrungen. Dar­auf abstützend, realisierte er von 1898 bis 1905 mit einer eigenen, vor allem in Winterthur kapitalisierten Baugesellschaft den Bau des Simplontunnels, des längsten Eisenbahntunnels der Welt. Die technische Meisterleistung verschaffte Sulzer-Ziegler zwar Ruhm und Ehre, brachte sein Unternehmen aber an den Rand des Abgrunds und ruinierte letztlich auch die Gesundheit des Pioniers. Kampf gegen Sozialdemokraten Trotz der Beanspruchung durch den rasch expandierenden Familienbetrieb und trotz zahlreicher Mandate bis hin zum Präsidium von Rentenanstalt und National-Versicherung zog es Sulzer-Ziegler in die Politik. Früh schon kritisierte er die für das Nationalbahndebakel verantwortlichen Demokraten und begründete als Wortführer des liberalen Freisinns den Gemeindeverein mit, der die bürgerlichen Kräfte zu bündeln suchte. Der Unternehmer engagierte sich rastlos an allen Fronten: Von 1880 bis 1902 gehörte er dem Grossen Stadtrat an (dem heutigen Gemeinderat), von 1892 bis 1902 dem Kantonsrat und von 1900 bis zu seinem Tod dem Nationalrat. Als eine massgebliche Figur der Schweizer Wirtschaft standen für ihn die Interessen von Industrie und Arbeitgebern im Vordergrund. Sein lebenslanger Kampf gegen die Sozialdemokratie, die er als von aussen importierte Verführerin des einfachen Arbeiters abkanzelte, brachte ihm die Feindschaft der politischen Gegner ein. In einem anonymen Schreiben beispielsweise wurde ihm 1905 der Tod angedroht, sollte er nochmals den Nationalratssaal betreten, wo er wiederholt «die Arbeiterklasse geschädigt» habe. Trotz seines radikalen Liberalismus war sich Sulzer-Ziegler als Unternehmer seiner sozialen Verantwortung bewusst und verhielt sich im Betrieb erstaunlich aufgeschlossen. Er liess die tägliche Arbeitszeit auf zehn Stunden reduzieren, führte den freien Samstagnachmittag und bezahlte Ferien ein, schuf eine Kommission als Bindeglied zwischen Direktion und Belegschaft und suchte, lange vor dem Friedens- abkommen von 1937, das Gespräch mit den Gewerkschaften. Auch wenn der Patron das letzte Wort behielt, zeichnete sich die Firma Sulzer ge­gen­über anderen Schweizer Betrieben durch fortschrittliche Verhältnisse aus. Der dynamische, ungeduldige, oft auch herrische Eduard Sulzer-Ziegler stützte sich bei seinem Kreuzzug gegen die sozialistische Gleichmacherei auf eine eigenwillige Mischung von Unternehmergeist, Liberalismus und Christentum ab. Persönlich stand er überzeugt für das Gemeinwohl ein, förderte den Bau des Schwimmbades Geiselweid, war Mitgründer des Winterthurer Schlittschuh-Clubs und finanzierte die erste Eisbahn im Zelgli. Er zählte zudem zu den Sponsoren des Alpen-Clubs sowie der Naturwissenschaftlichen Gesellschaft Winterthur. Es trauerten Freund und Feind «Das war deiner besten Söhne einer, du schweizerisches Vaterland!», schloss Pfarrer Ryhiner pathetisch seine Abdankungsrede. Andere würdigten den Willensmenschen Sulzer-Ziegler, dessen Leben «höchste Pflichterfüllung» gewesen sei. Ein riesiger Trauerzug begleitete am 3. Februar 1913 den Verstorbenen zum letzten Ruheort. Und er versammelte Freund und Feind dieser markanten und polarisierenden Winterthurer Persönlichkeit.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch