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Zwischen Krimi und Gerichtssaal Christine Brand an «Zürich liest»:

Christine Brand ist als Journalistin mit den Schattenseiten der Gesellschaft konfrontiert. In ihrer knappen Freizeit schreibt die 40-Jährige süffige Kriminalliteratur.

Erst gestern ist Christine Brand aus Lissabon zurückgekehrt. Heute schon tritt sie am Buchfestival «Zürich liest» auf. In Portugal hat die Autorin an ihrem neuen Krimi geschrieben – in ihren Ferien. Hauptberuflich arbeitet sie als Journalistin, in einem 90-Prozent-Pensum bei der «NZZ am Sonntag». In der Startphase eines Romans zieht sie sich jeweils ins Ausland zurück, möglichst für einen Monat. Das sei notwendig, um in eine Geschichte einzutauchen, sagt sie. Zwar reichte es dieses Mal nur für zweieinhalb Wochen. Es habe trotzdem gut geklappt. «Ich träume bereits von meinen Prot­ago­nis­ten und überlege mir, was sie im Restaurant bestellen würden.» Wenn Töten Lust bereitet Brand schreibt an ihrem fünften Krimi. Sie begann 2008 mit «Schattentaten», einer Sammlung wahrer Kriminalfälle. Seither hat sie sich immer weiter von der Realität entfernt, was nicht heisst, dass diese keine Rolle mehr spielt in ihren Büchern. Im Gegenteil: «Ich verspüre jeweils eine kleine Freude, wenn ich einen echten Fall einbauen kann.» Für den Täter in ihrem aktuellen Krimi «Kalte Seelen» hatte sie einen verurteilten Mörder im Hinterkopf. Dieser gab zu, dass ihm das Töten Lust bereitet hat. Schauplätze ihrer Fälle sind Bern und Zürich. Aufgewachsen im Emmental – ihr Vater war übrigens Bestatter –, hat sich die zierliche Frau mit dem breiten Lächeln und dem berndeutschen Dialekt nun definitiv in Zürich niedergelassen. Auch als Journalistin befasst sie sich häufig mit Kriminalfällen, wohnt zum Beispiel aufsehenerregenden Prozessen bei. Und sie nutzt die Syner­gie­n, die sich zwischen Beruf und Hobby ergeben: Für ihren letzten Krimi besuchte sie etwa die Frauenstrafanstalt Hindelbank. Daraus entstand eine Reportage für die Zeitung. Kotztüten in der Tür Beim Krimischreiben wiederum wendet Brand journalistisches Handwerkszeug an. Sie beobachtet und beschreibt. Da in ihrem aktuellen Buch ein Gefangenentransporter eine Rolle spielt, bat sie die Polizei, einmal einen solchen von innen sehen zu dürfen. Sie lernte, «dass der Häftling quer zur Fahrtrichtung sitzt und in der Tür Kotztüten stecken, falls ihm schlecht wird». Um mehr über die Motivation der Täter zu erfahren, liest sie kriminalpsychologische Fachliteratur. Und sie hält Mailkontakt mit einem emeritierten Rechtsmediziner. Für «Kalte Seelen» fragte sie ihn nach einer Verletzung, die leicht zu übersehen und trotzdem noch sichtbar ist, wenn eine Leiche längere Zeit im Wasser gelegen hat. Fünf Minuten später traf die Antwort in ihrer Mailbox ein: Schlag- und Schürfwunden von einem Armierungseisen. Brand recherchiert viel für eine Geschichte, überprüft auch mal einen Schauplatz, um zu sehen, ob man von dort tatsächlich die Alpen und den Jura sieht. Ein Journalist, der Bücher schreibe, komme ums Recherchieren nicht herum, zitiert sie T. C. Boyle, einen ihrer Lieblingsautoren. Er hingegen kann über Alaska schreiben, ohne ein einziges Mal da gewesen zu sein. In Brands Krimis steht – das ist zugegeben wenig originell – eine Journalistin im Mittelpunkt, TV-Reporterin Milla Nova. Da Brand früher selbst als Fernsehreporterin tätig war, kennt sie deren Alltag. Das Hindernis, dass die Polizei den Medien kaum ihre Ermittlungstaktik verrät, umgeht Brand mit einem Kunstgriff: Novas Geliebter ist ein Polizist. Ihre Protagonistin sei charakterlich eine Mischung aus zwei ihrer Freundinnen, gesteht die Autorin ausserdem. Während andere Schriftsteller sich gegen jeden Vergleich mit der eigenen Biografie verwehren, gibt sie mit erfrischender Ehrlichkeit preis, wo sie sich von der Realität inspirieren lässt. Politiker mit Dreck am Stecken Die Kritik, ihre Figuren seien zu eindimensional, kennt sie. Und dass ihre Täter mehr Gestalt annehmen würden als alle anderen, auch. «Vielleicht weil die Kriminellen mir fremder sind.» Sie gelobt jedoch Besserung und versucht momentan mehr in die Figurenzeichnung zu investieren. Ohnehin machte sie dieses Manko bisher mit einem spannenden Plot und einer gut recherchierten Faktenlage wett. Von ihrem neusten Roman, der nächstes Jahr erscheinen soll, gibt sie erst die Themen preis, die eine Rolle spielen: Kinderpornografie, Giftmüll sowie «ein Nationalrat aus Küsnacht, der Dreck am Stecken hat». Es sei ihr wichtig, dass ihre Krimis einen Bezug zur Aktualität hätten, sagt sie. Dies dürfe durchaus auch als Gesellschaftskritik verstanden werden. In «Kalte Seelen» sind Sans-Papiers die perfekten Opfer, weil allfällige Angehörige sich nicht trauen, sie vermisst zu melden. «Schliesslich entstehen Verbrechen in einer bestimmten Gesellschaft. Ihr will ich einen Spiegel vorhalten.» Diszipliniert hielt Christine Brand in ihrer portugiesischen Schreibklause immer dasselbe Programm ein: Am Morgen überar­bei­te­te sie den Text des vorherigen Tages, dann ging sie joggen – die 40-Jährige hat kürzlich ihre Bestzeit im Jungfrau-Marathon um 24 Minuten unterboten –, ab 16 Uhr schrieb sie, oft bis Mitternacht. Sie hat auf diese Weise immerhin 150 Seiten geschafft. Christine Brand an «Zürich liest»:Freitag, 25. Oktober: 16 und 17.30 Uhr Krimi-Tram, mit Sunil Mann, ab Bellevue, Zürich. 20.15 Uhr Lesung gemeinsam mit Rainer Zur Linde (Stimme des «Schreckmümpfeli»), in der Buchhandlung Thalia, Winterthur.

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