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Zwischen Pflicht und Gewissen Rebell in eigener Sache

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1938 und 1939 rettet der St. Galler Polizeikommandant Paul Grüninger trotz gegenteiliger Weisungen jüdische Flüchtlinge und fälscht dafür sogar Papiere. Als dies auffliegt, lassen ihn die Mitstreiter im Stich. Entlassen lebt Grüninger bis zu seinem Tod 1972 in Armut. 1993 wird er rehabilitiert. «Akte Grüninger» wird nur partiell aus Sicht des unnahbaren Helden (hervorragend: Stefan Kurt) erzählt. In seiner Selbstlosigkeit scheint er oft neben sich zu stehen, als wisse er nicht, wie ihm geschieht. Identifikationsfigur ist ein ehrgeiziger junger Ermittler aus Bern (Max Simonischek), der ähnlich einem ­Nazi erst nur seine Pflicht erfüllen will. Wie er eines Besseren belehrt wird, ist der rote ­Faden der Erzählung, der bis in die Gegenwart hineinreicht: Zuletzt schaut der Beamte direkt in die Kamera. Im Dienst des Appells zu ­Zivilcourage und liberaler Asylpolitik stehen auch einige historische Ungenauigkeiten. Doch Grüninger fälschte für die gute Sache ebenfalls Fakten. Klar riskieren die Filmemacher ­dabei wenig bis nichts – Bürde und ­Segen der Spätgeborenen. Als Extras gibt es zwei TV-Berichte zur Filmpremiere. Dabei war Alt-Bundesrätin Ruth Dreifuss, deren Vater ein Mitstreiter Grüningers war. tdv

Auch er war Idealist, verstiess gegen das Gesetz und zahlte für seine Überzeugung einen hohen Preis. Doch Martin «Tino» Schippert, berühmt-berüchtigter erster Boss der Schweizer Hells Angels, war nicht selbstlos wie Grüninger. Er kämpfte für eine gerechte und humane Welt, weil er in der bestehenden Gesellschaft unter die ­Räder gekommen war. Nur unter Randständigen blühte er auf und fand die ersehnte Anerkennung. Dank der 68er-Bewegung wurde er zum medienumworbenen Bürgerschreck, der Intellektuelle wie Dürrenmatt und Sergius Golowin faszinierte. Der Ruhm und ein zwiespältiges Verhältnis zu Gewalt und Delinquenz wurden ihm aber zum Verhängnis. Verblüffend viel und oft originelles Archivmaterial sowie Interviews mit Weggefährten, Partnerinnen und dem Bruder zeichnen ein interessantes, aber letztlich unscharfes Bild dieses heute fast vergessenen Rebellen. Denn Regisseur Adrian Winkler referiert ungern aus dem Off. Meist bleibt un­gesagt, was niemand vor der Kamera erzählt und kein Schriftstück belegt, das vorgelesen werden kann. Entsprechend lückenhaft ist das Porträt. Auch sind kritische Stimmen untervertreten, etwa von Tinos Gegnern im Staatsapparat.

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