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Sklave, Migrant, AusnahmestudentNur nie aufgeben

Amadou Diallo arbeitete als Sklave in einer Goldmine, floh nach Griechenland, brillierte dank seiner Intelligenz. Monatelang war seine Zukunft ungewiss: Ein Studium an einer Eliteuni? Oder die Ausschaffung?

Amadou Diallo (20) floh aus Guinea nach Europa und bat um Asyl.
Amadou Diallo (20) floh aus Guinea nach Europa und bat um Asyl.
Foto: Christo Filopoulos  (AFP)

Einmal muss Amadou Diallo gedacht haben, es sei alles vergeblich gewesen die lange Reise, die Gefahr, die Plackerei. Er war einer der talentiertesten Schüler an einer prestigeträchtigen französischen Privatschule in Athen, deren Aufnahmeprüfung nur wenige bestehen. Doch zum zweiten Mal hatten die griechischen Behörden sein Asylgesuch abgelehnt.

Vor einer Ausschaffung in sein Herkunftsland Guinea in Westafrika schützte ihn sein jugendliches Alter, aber am Tag seiner Volljährigkeit würde er zurückkehren müssen. Oder untertauchen in die Illegalität, in ein Leben als Sans-Papiers.

Seine ID hatten die Behörden bereits einbehalten. Zweimal hatte er Polizisten bei einer Strassenkontrolle überzeugt, dass alles in Ordnung sei, indem er ihnen eine Kopie des Ausweises zeigte. Vielleicht hatte die Beamten auch sein hervorragendes Griechisch beeindruckt.

Nach dem Tod seines Vaters, erzählt Diallo der französischen Zeitung «Liberation», habe ihn seine Stiefmutter in Guinea an den Besitzer einer Goldmine verkauft. Dem Sklavendasein entflieht er, sobald er kann. Über Mali schlägt er sich nach Norden durch, gelangt in die Türkei und von dort in einem Boot auf die griechische Insel Lesbos. Eine Zeit lang lebt der damals 16-Jährige im Lager Moira, dessen Name symbolhaft steht für Europas hilflose, unfähige, teilweise unmenschliche Migrationspolitik.

Lesen heisst frei sein

Er arbeitet als Laufbursche in einem Hotel, nachts liest er. Später wird er Journalisten gegenüber einen Satz aus einer Biografie von Frederick Douglas zitieren, dem US-amerikanischen Schriftsteller, der im 19. Jahrhundert gegen die Sklaverei kämpfte: «Wenn du erst lesen gelernt hast, wirst du für immer frei sein.»

Er kommt in ein Heim für minderjährige Flüchtlinge in Athen, dessen Angestellten sein intellektuelles Talent und seine Begabung für Fremdsprachen auffallen.

Irgendwann erhält Amadou Diallo ein Stipendium der Pariser Eliteuniversität Science Po. Aber seine Chancen, legal in Europa bleiben zu können, stehen schlecht. In den letzten sieben Jahren haben die griechischen Behörden von 7500 Asylgesuchen unbegleiteter Minderjähriger zwei Drittel abgelehnt. Seit Januar 2020 ist der Anteil negativer Entscheide sogar noch höher. Diallos letzte Chance ist, dass sein zweites Wiedererwägungsgesuch angenommen wird.

Eine Anwältin trug monatelang Beweise für die Qualen seines früheren Lebens zusammen.

Eine auf jugendliche Bewerber spezialisierte Anwältin trägt wochenlang Beweise für die Qualen seines früheren Lebens in der Goldmine zusammen, darunter Bilder mit den Verletzungen, die sich Diallo zugezogen hatte. Gleichzeitig mobilisieren sich Studenten der Science Po. Sie bitten die Leitung der Universität und Politiker, dem mittlerweile 20-Jährigen das Studium in Paris zu ermöglichen. Laut der Zeitung «Le Parisien» setzt sich sogar der französische Präsident Emmanuel Macron für ihn ein. Die Ungewissheit dauert bis im Sommer.

Dann die Erlösung: Zusammen mit zwei anderen hochtalentierten Einwanderern erhält Diallo Asyl in Griechenland. Aber seine Zukunft liegt in Frankreich. Diallo sagt: «Ich habe gelernt, dass man nie aufgeben darf, dass man es immer wieder versuchen muss, immer und immer wieder.»

120 Kommentare
    P. Muggli

    Wenn das nicht an ein Wunder grenzte gäbe das keine Schlagzeile.