Schänis

Der Tagespapi mit den Detektiven

Roger Kessler ist einer der wenigen Männer im Linthgebiet, die Tageskinder betreuen. Mit diesen baut er Holzhütten und Legotürme, steht am Herd oder hilft auch mal bei den Ufzgi.

Ein Ausflug in den Wald ist eine von vielen Aktivitäten, die Tagespapi Roger Kessler mit seiner «Rasselbande» unternimmt.

Ein Ausflug in den Wald ist eine von vielen Aktivitäten, die Tagespapi Roger Kessler mit seiner «Rasselbande» unternimmt. Bild: Kurt Heuberger

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Schäferhündin Hona ist als Erste am Ziel. Freudig bellend erreicht sie die Lichtung im Wald und steckt den Kopf ins Geäst. Was aussieht wie ein Haufen durcheinander geratener Äste, ist das «Geheimversteck» der Detektive. «Es hat sogar eine Grillstelle», ruft Sven (9) und zeigt stolz ins Innere des Unterschlupfs.

Die Detektive, das sind Sven und Jano sowie zwei ihrer Schulkameraden. Sven ist einmal pro Woche bei Jano zu Besuch: Janos Eltern Roger Kessler und Franziska Heuberger sind Tageseltern im Verein Tagesfamilien Linthgebiet (siehe Kasten). Abwechselnd sind sie als Tagesmutter respektive Tagesvater im Einsatz. Das heisst, sie betreuen ein bis zwei Kinder aus Schänis und Umgebung zusammen mit ihrem eigenen Sohn Jano. Jeweils am Montag und Dienstag ist Roger Kessler zu Hause, am Donnerstag und Freitag seine Frau Franziska. Mittwochs arbeiten sie beide – Jano (9) ist dann selber bei einer Tagesmutter.

Allein unter Frauen

Männer wie Roger Kessler gibt es am Obersee wenige. Im Verein Tagesfamilien Linthgebiet sind zwei Tagesväter aktiv – Kessler mit eingerechnet. Die grosse Mehrheit bilden die Tagesmütter. Manchmal steche er schon ein wenig aus der Masse hervor, schmunzelt der Schänner: Da sind zum Beispiel die Weiterbildungskurse zur Kinderbetreuung, die er regelmässig besucht. Dort ist er schnell einmal von 30, 40 Frauen umringt. Ein paar überraschte Blicke sind ihm meist auf sicher.

Es klopft an der Balkontür, ein Kindergesicht taucht am Fenster auf. Es ist Linda (8), die kleine Schwester von Sven. «Wann machen wir das Foto?» Sie muss sich noch kurz gedulden. Roger Kessler hat erst mal einen Znüni vorbereitet. Es gibt Birnenschnitze, Datteln und Reiswaffeln. Auch privat kommt bei Kesslers oft Gesundes auf den Tisch. Wenn die Tageskinder da sind, ist das entsprechend nicht anders. «Wir behandeln alle wie unser eigenes Kind», sagt der Tagespapi. Die Regeln im Haus sind für alle gleich: Zum Beispiel ist der Fernseher tabu, und die Kinder dürfen auch nicht stundenlang vor dem Computer verbringen.

Roger Kessler ist seit sechs Jahren als Tagesvater aktiv. Zu Kindern und Jugendlichen fand er schon früh den Draht. Der 39-Jährige war viele Jahre in der Pfadi und leitete J+S-Kurse als Bergsteiger. Die Idee, sich als Tagespapi zu engagieren, entstand nach der Geburt von Jano. Ein paar gleichaltrige Gspänli würden ihm gut tun, fanden die Eltern – vor allem, weil Jano keine Geschwister hat. Janos Mutter arbeitete nach ihrem Mutterschaftsurlaub 50 Prozent in ihrem Beruf als Primarlehrerin. Roger Kessler reduzierte sein Pensum als Schreiner und Zimmermann auf 60 Prozent. Es ist die Abwechslung im Alltag, die Kessler und seine Frau an dieser Aufteilung – dem «Hausmann-Hausfrau-Jobsharing», wie sie sagen – schätzen. Nach drei Tagen als Schreiner vermisse er seine Rasselbande, freue sich auf die Tage zu Hause, schmunzelt Kessler.

Kochen für Mittagstisch

Manchmal bleiben die Tageskinder auch über Mittag. Dann bindet sich Roger Kessler die Schürze um und bereitet ein warmes Mittagessen zu. Was die Kinder tun möchten, wenn sie bei ihm sind, überlässt er grundsätzlich ihnen. Manchmal wollen sie im Garten oder im Wald herumtoben und Detektive spielen, ein andermal Legotürme bauen oder mit dem Hund spazieren gehen. Auch eine Holzhütte im Garten haben sie mit ihrem Tagespapi schon gebaut, ein andermal mit Plastikplanen und dem Wasserschlauch eine Rutschbahn kreiert. Es sind Momente wie diese, an die Roger Kessler besonders gern zurückdenkt. Kurz vor Mittag erscheint Linda an der Türschwelle. Vom Detektive-Spielen der beiden Jungs im Estrich hat sie vorerst genug. Lieber kramt sie aus dem Holzschrank in der Stube ein Spiel hervor – «die Turmbauer». Jetzt muss Roger Kessler Geschick und Geduld beweisen. Bis halb zwölf dauert heute der Einsatz als Tagespapi. Linda und Sven werden am Nachmittag mit dem Ferienpass ins Kino gehen, Jano geht ebenfalls mit. Die Tageskinder und Kesslers Bub sind längst ein eingeschworenes Team geworden. Und der Tagespapi? Er werde wohl den Gartenzaun reparieren, sagt Kessler. Und sich überlegen, womit er seine Rasselbande das nächste Mal auf Trab hält. ()

Erstellt: 15.04.2015, 15:32 Uhr

Tagesfamilien Gesucht

Der Verein Tagesfamilien Linthgebiet vermittelt seit 2008 Tagesmütter und -väter im Linthgebiet. Der Verein ist für alle Gemeinden am Obersee zuständig, ausgenommen Rapperswil-Jona. Die Stadt hat mit Tagesfamilien Rapperswil-Jona ihren eigenen Verein.

Der Bedarf an Tagesfamilien ist in beiden Vereinen gross: Die Zahl der betreuten Kinder ist in den letzten Jahren kontinuierlich angestiegen. Im Verein Tagesfamilien Linthgebiet wurden letztes Jahr 152 Kinder von 65 Tagesmüttern betreut. Der Verein sucht laufend neue Tagesfamilien.

Im Einsatz sind zudem zwei Tagesväter sowie vereinzelt auch Tagesgrosseltern. Interessierte Mütter und Väter besuchen einen Grundkurs und stehen danach je nach Wunsch und Bedarf stunden- oder auch tageweise im Einsatz. (rkr)

Informationen: www.tagesfamilien-linthgebiet.ch.

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