Verkehr

ÖV-Kundenvertreter fordern einfachere Billette statt viele Apps

Mehrere App-Entwickler buhlen um die Gunst der Bahnkunden. Neuster Trend: Statt im Voraus ein Ticket zu lösen, meldet man sich vor dem Einsteigen mit dem Handy an und beim Aussteigen wieder ab. Kundenvertreter sind skeptisch.

Das Handy merkt automatisch, wenn der Bahnkunde in einen Zug einsteigt – die Kundenorganisation Pro Bahn steht solchen App-Angeboten kritisch gegenüber.

Das Handy merkt automatisch, wenn der Bahnkunde in einen Zug einsteigt – die Kundenorganisation Pro Bahn steht solchen App-Angeboten kritisch gegenüber. Bild: Manuela Matt

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Nie mehr vergessen ein Bahnbillett zu lösen, nie mehr im Voraus entscheiden, wohin man fährt. Die Südostbahn (SOB) will mit ihrer Handyapp «Abilio» das bekannte Ticket lösen auf den Kopf stellen. Der Clou: Das Handy merkt automatisch, wenn der Bahnkunde in einen Zug einsteigt. Bei vergleichbaren Angeboten muss der Kunde bisher seine Fahrt aktiv per Knopfdruck starten und beenden.

Das am Freitag präsentierte neue Angebot der SOB hat aber gleich mehrere Haken. Es funktioniert nur in Zügen der Südostbahn selbst und gültige Verbundabos können derzeit noch nicht hinterlegt werden. Sprich: Die App ist höchstens für Gelegenheitsnutzer attraktiv. Die Verbundsgrenzen sind ein Problem, das auch andere App-Hersteller noch nicht gelöst haben. Neben «Abilio» buhlen rund ein halbes Dutzend Apps um die Gunst der Kunden bei der neuen Art des Ticketlösens.

Der Zürcher Verkehrsverbund (ZVV) hat diesen Monat in seiner Ticket-App die Funktion mit dem An- und Abmelden vor und nach der Fahrt lanciert. Eine Öffnung der Funktion für Reisen in der ganzen Schweiz ist noch vor Ablauf des ersten Halbjahres vorgesehen, dann sind die Verbundsgrenzen zumindest in dieser App passé. Verkaufszahlen zu den Tickets kann der ZVV noch keine nennen.

SBB nach wie vor Markführer

Technologiepartner ist die App «lezzgo». Diese verkauft rund 1000 Tickets pro Tag, die via Check-In Funktion gelöst werden. Mit der gleichen Idee etwas länger auf dem Markt ist «Fairtiq» – rund 5000 Fahrten werden über diese Plattform täglich unternommen. Innerhalb der letzten 20 Monate wurden exakt 1 Million Tickets gelöst.

Marktführer ist bei Tickets nach wie vor die SBB – allerdings muss dort vor Fahrtantritt Start- und Zielort bereits bekannt sein. Rund 88000 Tickets wurden 2017 täglich über die digitalen Kanäle gelöst – die SBB schlüsselt Käufe über Handy und Webseite allerdings nicht separat auf. Fernab von diesen Zahlen sind Postauto und Südostbahn. Über die Postauto-App werden täglich rund 100 Tickets gelöst, bei «Abilio» von der SOB sind es gar nur deren 25.

Die Kundenorganisation Pro Bahn steht dem App-Wildwuchs kritisch gegenüber. «Die ÖV-Branche muss mit Hochdruck das Tarifsystem so vereinfachen, dass alle Bahnkunden profitieren können – nicht nur die App-Nutzer», sagt Präsidentin Karin Blättler. Die Südostbahn, aber auch Entwickler von Konkurrenz-Apps wie Fairtiq oder Lezzgo, halten dagegen, die Apps würden das Reisen vereinfachen, weil der Kunde immer vom günstigsten Preis profitiere – etwa dann, wenn alle Fahrten zu einer günstigeren Tageskarte kumuliert werden.

Kunden im Blindflug

Aber auch hier ist die Präsidentin von Pro Bahn skeptisch. Bei den vielen neuen Apps werden die ÖV-Fahrten erst im Nachhinein abgerechnet. Das sei für den Kunden ein Blindflug: «Man muss doch wissen, was die Fahrt kostet.» Sie propagiert ein System ähnlich eines «Taxameters», das während der Fahrt die Kosten laufend aktualisiere.

In der Schweiz stellt der ÖV-Verein «ch-direct» sicher, dass mit einem einzigen Fahrausweis die meisten öffentlichen Verkehrsmittel im Land benutzt werden können. Geschäftsleitungsmitglied Susanne Grün kontert die Kritik des App-Wildwuchses. «Wir müssen zulassen, dass die Verkehrsbetriebe und Tarifverbünde eigene Apps testen.»

Sie verspricht sich damit Innovation für Branche und Kunden. «Im Zeitraum bis 2025 wird sich sicher einiges tun.» Bei den Entwicklern von lezzgo, der Berner BLS, pflichtet man bei: «Aufgrund der Neuartigkeit findet momentan noch kein Verdrängungskampf statt.»

In der jetzigen Situation des «digital shift» habe es durchaus Platz für verschiedene App-Lösungen, sagt denn auch Caspar Frey vom Zürcher Verkehrsverbund. Trotzdem kann er die Kritik von Pro Bahn nachvollziehen: «Nachteilig ist unter Umständen der fehlende Überblick über die verschiedenen Lösungen.» Zudem sei sicherzustellen, dass die Zuständigkeiten jeweils klar geregelt sind und der Zugang bei Supportfragen nicht erschwert wird, zumal Tickets für Reisen in der ganzen Schweiz nun überall verkauft werden könnten. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 13.04.2018, 15:42 Uhr

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