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Kolumne TribüneOhnmacht, die bescheiden macht

«Landbote»-Kolumnistin Monika Schmid macht sich Gedanken über die gebrochene Welt, in der wir leben.

Das brennende Lager Moria in Griechenland.
Das brennende Lager Moria in Griechenland.
Foto: Getty Images

Ohnmacht, ein Gefühl, das ich oft gern abschütteln möchte. Doch es lässt sich nicht abschütteln. Im Moment fühle ich mich sehr ohnmächtig. Das Flüchtlingslager Moria auf der Insel Lesbos ist abgebrannt. 13'000 Menschen lebten dort. Viel zu viele. Die Einrichtung ist für maximal 3000 Menschen ausgelegt. Schon längst hätte man eingreifen müssen. Die Menschen lebten auf engstem Raum und das in der Coronazeit. Die sanitären Anlagen darf man sich gar nicht vorstellen.

«Ich kann spenden, damit Hilfe möglich wird. Trotzdem, meine Ohnmacht nimmt zu.»

Monika Schmid, Theologin und Gemeindeleiterin

Man hätte eingreifen müssen ... Nur, wer ist «hätte man»? Auch ich bin «hätte man». Wir alle sind «hätte man». Und doch fühle ich mich total ohnmächtig. Allein sind mir die Hände gebunden. Ja, ich kann Petitionen an den Bundesrat unterschreiben. Ich kann mich zu Wort melden. Ich kann das Elend beschreiben ... Und, was bringt das? Ich kann spenden, damit Hilfe möglich wird. Trotzdem, meine Ohnmacht nimmt zu.

An die Präsidentin der Katholischen Kirche Zürich habe ich geschrieben, dass wir als Pfarrei bereit sind mitzuhelfen, bereit sind, Menschen aufzunehmen. Ein Tropfen auf einen heissen Stein? Frau Bundesrätin winkt ab. Humanitäre Hilfe muss die Schweiz leisten, sagt sie. Decken und Nahrung will sie organisieren. Dafür hätte die Schweiz schon lange Zeit gehabt, das Elend gibts nicht erst seit gestern. Nun haben diese Menschen aber gar nichts mehr und vor allem keine Zukunft. Traumatisierte Kriegskinder, Kriegsjugendliche, Kriegsfrauen und -männer.

Und wieder diese Ohnmacht, nichts Hilfreiches tun zu können. Und was ist mit den Menschen im Jemen? Krieg, wofür, warum? Alle 10 Sekunden stirbt ein Kind an Hunger? Und wir sind mit Corona beschäftigt. Nein, ich will dies nicht herunterspielen und solidarisiere mich. Trotzdem, wohin gehen wir als Menschheit, als Christinnen und Christen?

Wir leben nicht in einer heilen Welt, wir leben in einer gebrochenen Welt. «Wo ist Gott?», ruft ein Häftling im Konzentrationslager beim Anblick eines mit dem Tod kämpfenden Gehängten. Elie Wiesel, der jüdische Schriftsteller, selber unter den Häftlingen, antwortet: «Da ist er, da hängt er.» Ist Gott selber ohnmächtig mittendrin in allem Leid? Das Gottesbild vom allmächtigen Gott, der nicht eingreifen will oder kann oder beides, hat ausgedient. Nein, Gott nimmt mir meine Ohnmacht nicht ab, und das ist gut so. Diese Ohnmacht nimmt allen Glaubenden die letzte Überheblichkeit und zwingt dort zu handeln, wo wir handeln können.

Monika Schmid ist Theologin und Gemeindeleiterin Katholische Kirche St. Martin, Illnau-Effretikon/Lindau/Brütten