The Take

Harry, Sally und Silvester

Die Silvesternacht ist voller Emotionen und Spannung. Nirgends sieht man dies besser als im Film «When Harry Met Sally», der mit der besten aller Silvesterszenen punktet.

Harry und Sally finden an Silvester zusammen.

Harry und Sally finden an Silvester zusammen.

Eigentlich müsste dieser Blog eine Liste mit meinen Lieblingsfilmen aus 2017 sein, da es die letzte Folge dieses Jahres ist. Weil ich aber vergessen habe Buch zu führen, kann ich mich nicht mehr erinnern, welche Filme ich dieses Jahr gesehen habe und bei welchen es schon ein Weilchen her ist. Garantiert würde ich auch noch etwas Wichtiges vergessen. Darum lieber ein Kommentar über meine liebste Silvesterszene, die je auf Film gebannt wurde. (Wahrscheinlich gäbe es noch andere, aber dass es mit meinem Gedächtnis nicht so weit her ist, haben wir ja bereits etabliert.)

Also, meine liebste Silvesterszene ist jene aus «When Harry Met Sally». Harry hat endlich realisiert, dass er Sally eigentlich total liebt. Darum rennt er nun wie von einer Biene gestochen zur grossen Silvesterparty. Grosse Liebeserklärungen müssen ja zu einem symbolisch bedeutsamen Moment erfolgen, am besten genau zum Jahreswechsel.

Für alle, die in den letzten 28 Jahren keine Gelegenheit hatten, sich den Film anzuschauen und daher nicht wissen, wie es zu dieser bedeutsamen Szene kommt: Harry (Billy Crystal) und Sally (Meg Ryan) fahren nach dem Studienabschluss gemeinsam von Chicago nach New York, es ist eine Fahrgemeinschaft geboren aus der Not. Dabei stellt Harry die zentrale Frage, ob Frauen und Männer eigentlich befreundet sein können. Diesen beiden gelingt es auf jeden Fall nicht, denn sie können sich nicht ausstehen. Nach der Fahrt trennen sich daher die Wege der beiden. Alle paar Jahre treffen sie aber wieder aufeinander, und hauen sich einige pfiffige Sprüche um die Ohren. Irgendwann werden die beiden dann doch noch Freunde, doch dabei bleibt es nicht.

Denn wie bei so vielen ihrer filmischen Nachfolger kommt ihnen der Sex in die Quere und zerstört scheinbar die Freundschaft. Eigentlich hatten die beiden geplant, Silvester gemeinsam zu verbringen, doch aufgrund der zwischenzeitlichen Eiszeit geht Sally alleine auf die Party, während Harry den Abend ganz alleine verbringt. Irgendwann merkt er, dass er Sally doch ganz doll vermisst und rennt durch die leeren Strassen von New York.

Seine Liebeserklärung beginnt mit einem Satz, wie er typischer nicht sein könnte für Harry: «I have done a lot of thinking, and the thing is, I love you.» Doch das ist nicht genug für Sally, die denkt, er sei einfach nur einsam an Neujahr. Doch dann erklärt ihr Harry ganz genau warum er sie liebt. Alles was er aufzählt, zum Beispiel, dass es eine halbe Stunde dauert, bis sie ein Sandwich bestellt hat, sind Charakterzüge, die er nur kennt, weil die beiden so eng befreundet sind. Sie können also nur ein Paar werden, weil sie zuerst Freunde waren.

Die beste Silvesterszene in der Filmgeschichte: Harry und Sally kriegen ihr Happy End.

Natürlich kann man sich nun darüber streiten, ob dieses Happy End den richtigen Schluss für die Geschichte darstellt. Denn die zentrale Frage des Klassikers ist ja ob Männer und Frauen befreundet sein können, ohne dass ihnen ihre Libido in die Quere kommt. Was nun scheinbar mit einem deutlichen «Nein» beantwortet wird. Dabei war eigentlich zuerst ein anderes Ende geplant. Harry und Sally hätten sich nach einigen Jahren wieder treffen und einander kurz auf den neusten Stand bringen sollen, so wie sie es im Film mehrere Male tun. Doch Regisseur Rob Reiner verliebte sich während des Drehs und fand plötzlich, ein Happy End sei doch das Richtige.

Eigentlich bin ich ja der Meinung, dass der Film die zentrale Frage falsch beantwortet. Aber es wäre eben doch auch unbefriedigend, kämen die beiden nicht zusammen. Schliesslich handelt es sich um eine romantische Komödie, kurz Rom-Com. Gewisse Konventionen gehören einfach zum Genre, Erwartungen müssen erfüllt werden.

Apropos Genre: «When Harry Met Sally» wird oft als Geburtsstunde der modernen Rom-Com angegeben. Vieles was dort eingeführt wurde, zum Beispiel die neurotische Protagonistin, gehört heute zum Standard und kann getrost als Klischee bezeichnet werden. Ich vermute stark, dass die Neujahrsszene dafür verantwortlich ist, wie in modernen Rom-Coms die Liebeserklärungen ablaufen. Zuerst mögen sie sich nicht, dann schon, dann nicht. Und dann wird einer der beiden Personen klar, dass es der grösste Fehler ihres Lebens wäre, Person B gehen zu lassen. (Meistens ist es der Mann, dem seine Dummheit klar wird, aber die Genderklischees in Rom-Coms sind eine Geschichte für sich.). Blöderweise ist die Zeit knapp, denn die Herzensdame ist gerade auf dem Weg zum Flughafen (weniger, seit die Kontrollen im echten Leben strenger geworden sind) oder zieht um, oder ist sonst bald ausser Reichweite. Dann rennt der Protagonist eben los, bis er sie atemlos im letzten Moment erreicht und ihr atemlos und natürlich in aller Öffentlichkeit seine Liebe gesteht. Diese Szenen sind unnötig, fantasielos, vorhersehbar und vermiesen das Ende so mancher romantischer Komödie.

Und daran soll nun «When Harry Met Sally» schuld sein. Ein Film, den ich schon unzählige Male gesehen habe, und den ich wohl auch in Zukunft alle Jahre wieder schauen werde. Zugegeben, als Spätgeborene mit dem gleichen Jahrgang wie der Film, erscheint mir die Neujahrsszene ein wenig klischiert. Aber weil die vorangehenden 85 Minuten eben so toll sind, wirkt auch diese Szene automatisch besser. Harry und Sally bleiben schlagfertig und ein wenig neurotisch: Sie verbiegen sich nicht. Ihre ganze Beziehung basiert darauf, dass sie schräge und manchmal unversehens bedeutungsvolle Gespräche führen. Wenn eines dieser Gespräche nun also eine Liebeserklärung ist und auf Silvester fällt, warum nicht. Harry und Sally können es einfach besser.

Erstellt: 29.12.2017, 13:42 Uhr

ZSZ-Redaktorin Olivia Tjon-A-Meeuw liebt Kinosäle, steht zu ihrer Netflix-Sucht und hasst nichts so sehr wie Spoiler. An dieser Stelle bloggt sie über ihre Leinwand- und Streaming-Erlebnisse und bewertet Filme und Serien.

Artikel zum Thema

Die besten Weihnachtsfilme

The Take Über die Festtage braucht es auch mal eine Pause vom Essen und vor allem von der Familie. Hier darum eine Liste mit tollen Weihnachtsfilmen. Mehr...

Der unvergleichliche Galavant

The Take Galavant ist eine der lustigsten Serien der letzten Jahre. Ganz zu schweigen vom ausgezeichneten Soundtrack, der einem für alle Zeiten im Kopf herumschwirrt. Mehr...

Besser als erwartet

The Take In «Justice League» verbünden sich die mächtigsten Superhelden gegen Eroberer von einem fremden Planeten. Das ist weniger trostlos als die Vorgängerfilme erwarten liessen. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare