Kolumne

Vermisst: Kinderwagen

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Wenn Sie diese Zeilen lesen, bin ich vermutlich immer noch daran, mein Menschenbild wieder zusammenzusetzen, das diesen Mittwoch in einige 100 Teile zerbrochen ist. Keine Angst, ich bin nicht weltfremd und weiss, dass es neben aktuell regierenden Präsidenten, Tiervergifterinnnen und Terroristen auch noch andere Menschen mit fraglichem Charakter gibt.

«15 Minuten hatten wir das in die Jahre gekommene Modell am Strassenrand abgestellt – und schwupps war es weg.»Franziska von Grünigen

Aber dass jemand auf offener Strasse einen Kinderwagen stibitzt, das hat mir dann doch zu denken gegeben. 15 Minuten hatten wir das in die Jahre gekommene Modell am Strassenrand abgestellt – und schwupps war es weg. Mitsamt Lieblingskinderschuhen, Windel-Etui, Notfall-Jäggli, leergetrunkenem Schoppen und neun frisch ausgeliehenen Kinderbüchern aus der Quartierbibliothek.

Wer klaut einen Kinderwagen, der quasi noch liegewarm am Strassenrand parkiert ist? Ich war baff und sprachlos und bin es immer noch. Meine Facebook-Freunde hingegen fanden Worte: «Das ist ja echt armselig», schrieben sie. «Dem Dieb würde ich gerne sagen: kännsch Börse?» – «Krank!» – «So gemein!» Es meldeten sich Menschen zu Wort, denen im Januar bei 3 Grad - während sie ihr Kind wickelten - aus dem Kinderwagen vor der Tür der Babyschlafsack gestohlen wurde. Anderen wurde aus dem Kinderwagen in der Krippe ein Regenschirm geklaut.

«Bei der Schadenssumme des ‹Kindsverlusts› wäre ich mit dem Mitarbeiter der Versicherung vermutlich nicht einig geworden.»Franziska von Grünigen

Es erzählten andere von eingepackten Geburstagsgeschenken, die aus dem Milchkasten gestohlen wurden und wieder andere gaben den Tipp, in den folgenden Tagen ein Auge auf Tutti, Ricardo und Co. zu haben: «Würde mich nicht wundern, wenn du deinen Wagen in den nächsten Tagen dort wiederfinden würdest.» Pragmatischer sah es eine andere Freundin: «Besser mit Büchern als mit Kind!» Stimmt! Das sah der freundliche Mitarbeiter von der Versicherung auch so. Wir wären uns bei der Schadenssumme des «Kindsverlusts» vermutlich nicht einig geworden.

So ärgerlich so ein Kinderwagen-Diebstahl ist: Ich bin froh, dass es mir nicht gleich erging wie meinem Bekannten Gian. Er war etwa ein Jahr alt, als er vor rund 20 Jahren mit seinen Eltern im Zug unterwegs war nach Rosswald im Kanton Wallis, wo sie jeweils die Skiferien verbrachten. Die Eltern sassen beim Eingang des Wagons und hatten ihr Kind im Wagen schlafend im Gang gelassen. In Brig bemerkten sie, dass Kind und Wagen nicht mehr da waren. Während die Eltern panisch die Bahnpolizei alarmierten, wurde Gian friedlich schlafend in Visp auf dem Perron gefunden. Ein Unbekannter hatte Kind und Kinderwagen ungefragt aus dem Zug gelupft. (Der Landbote)

Erstellt: 10.11.2017, 15:41 Uhr

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