Kolumne

Der unsichtbare Graben

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Die Patentjäger sind wieder unterwegs. Immer, wenn der Herbst beginnt, wird die Jagd zum Thema, dabei ist sie in den Gebieten, wo sie wirklich eine Rolle im Alltagsleben spielt, kaum der Rede wert, weil sie kein wirkliches Problem darstellt.

Jagd gehört dort in den Jahreslauf wie Fasnacht, Chilbi und Neujahr. Die angestrengten Problemgeschichten, auch die über den Luchs und den eingewanderten Wolf, werden in den naturfernen, städtischen Medien verhandelt, viel intensiver als dort, wo es – wenn überhaupt – wirklich passiert. Es gibt in diesem Land eben eine unsichtbare Grenze, die nicht weniger gefährlich ist als der oft zitierte «Röstigraben», nur weniger offensichtlich: die Mentalitätsgrenze zwischen Berg und Tal, zwischen Stadt und Land.

Die Studierten aus dem Unterland scheinen stets genau zu wissen, wie die Leute in den Bergen mit der Natur umzugehen haben. 

An einem an sich nicht besonders wichtigen Randgebiet wie der Jagd wird diese Grenze gut sichtbar, denn wenn es um Jagd geht, geht es in Wirklichkeit immer um die Nutzung der Natur, um die sich widersprechenden Ansprüche an die Lebensräume in den Bergen und um die politischen Folgerungen, die sich daraus ergeben.

Mir fällt auf, dass in den Diskussionen Luchs und Wolf, aber auch um die Errichtung neuer Nationalparks, um die Schafhaltung in den Bergen, um die touristische Nutzung des Alpengebiets und dergleichen immer das gleiche Muster sichtbar wird: Die Studierten aus dem Unterland geben den Ton an. Sie scheinen genau zu wissen, wie die Leute in den Bergen mit der Natur umzugehen haben.

Dahinter steht ein ernstes Entfremdungs-Phänomen, das den Zusammenhalt der Eidgenossenschaft gefährden kann. Die weltläufigen, naturfernen Modernisierungsgewinner aus den Städten und Agglomerationen haben sich längst daran gewöhnt, die Berggebiete, in denen ihre Ferienwohnungen stehen, nur noch als Réduits fürs Wochenende und für die Skiferien wahrzunehmen.

In ihrer Welt dient das Berggebiet allenfalls noch als Depot für ideologisches Inventar, an dem man anstandshalber und der politischen Stabilität zuliebe zwar festhält, das aber für das eigene Leben kaum mehr eine Rolle spielt: Tradition, Heimat, Erdverbundenheit, Natur...

Gerne wird dieser politische und ideologische Überbau delegiert: an die einschlägigen Organisationen. Die viel zitierte «eidgenössische Solidarität» wird auf den Spendenweg abgeleistet. Greenpeace, «Pro Natura» und WWF – alle mit einem je zweistelligen Millionenbudget unterwegs – dienen als Plattformen eines grossen Ablenkungsmanövers und als Schauplätze eines modernen Ablasshandels.

(Der Landbote)

Erstellt: 08.09.2017, 15:00 Uhr

Karl Lüönd ist Journalist und Publizist. (Bild: Johanna Bossart)

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