Zum Hauptinhalt springen

Aufmachung, mit Farbe

Ich bin ein Anstreicher. Wenn ich wissenschaftliche Bücher lese, dann mache ich mir am Seitenrand Notizen und markiere im Text all jene Stellen, die mir besonders wichtig scheinen.

Keine Sorge, ich nehme dazu nicht so einen Leuchtmakrierer, der sich mit den Jahren durchs Papier ätzt, sondern einen sehr viel weniger aggressiven gelben Kinder-Farbstift. Und so, wie ich immer etwas zu lesen mit mir führe, habe ich drum immer auch den gelben Farbstift im Gepäck.

Zumindest bis letzten Freitag, als ich am Abend zuhause sass, las und mir etwas anstreichen wollte und den Stift nirgends finden konnte. Die Suche blieb vergeblich und erst, als ich mir die Zähne putzen ging, hab ich den Stift dann wieder gefunden: eingeklemmt hinter meinem rechten Ohr.

Jetzt wird der Binotto allmählich ganz gaga

Stimmt, das mache ich manchmal, wenn ich vom Farb- zu einem anderen Stift wechseln muss, dass ich einen von beiden mir hinters Ohr stecke und dort ist das Schreibwerkzeug offenbar vergessen gegangen. Ebenfalls im Spiegel sah ich dann auch, dass ich offenbar nicht nur Textstellen, sondern auch mich selber markiert und mir mit einem Kugelschreiber auf die Backe gekritzelt hab.

Da war ich also heute, seit der morgendlichen Lektüre im Zug unentwegt mit handgemachtem Tattoo im Gesicht und mit Farbstift hinterm Ohr in der Gegend rumgelaufen, oft sogar noch in Kombination mit Hut, was ja dann doch eher merkwürdig ausgesehen haben muss.

Dass man sich eine Vogelfeder an die Krempe steckt, ist ja üblich, aber einen Farbstift unter die Krempe doch eher weniger. Und so versuche ich im Geiste nochmal zu rekapitulieren, wem ich heute so begegnet bin und was die wohl gedacht haben mögen bei meinem Anblick.

Jetzt wird der Binotto allmählich ganz gaga: der Cowboyhut mag ja noch angehen, aber wenn der jetzt noch anfängt, sich mit Kugelschreiber zu schminken und sich Farbstifte an den Kopf zu hängen, dann folgt als nächstes wohl, dass er sich einen Früchtekorb auf den Schädel stellt, so wie einst die Broadway-Tänzerin Carmen Miranda.

Dass ich gleichwohl den ganzen Tag über von niemandem darauf angesprochen wurde, beweist mal wieder, wie tolerant meine Mitmenschen sind und mein verwirrtes Gebaren einfach als liebenswerte Eigenheit akzeptieren.

Meine Frau jedenfalls, als ich sie nach dem Zähneputzen zur Rede stellte und fragte, ob ihr denn heute nichts Merkwürdiges an mir aufgefallen sei, meinte nur: «Ich dachte, dass müsse so sein». Wie sagt das Sprichwort: Ist der Ruf erst ruiniert, dann kann man auch ungeniert mit Farbstift und Kugelschreiber am Kopf rumlaufen. Kommt als nächstes also jetzt der Früchtekorb.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch