Tribüne

Bettler sind lästig

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Bettler verderben einem die gute Laune.
Bettler verschandeln Quartiere.
Bettler sind zu faul um zu arbeiten.
Bettler kämpfen gegen den Hunger, gegen Krankheiten, um ihr Überleben.
Bettler führen uns vor Augen, dass es nicht allen Leuten gleich gut geht wie uns.
Bettler sind das Zeichen einer freiheitlichen Gesellschaft.
Bettler können gar nicht anders.
Bettler strecken einem die Hand hin.
Bettler sitzen am Boden hinter Pappkartons.
Bettler leben von der Hand in den Mund.
Bettler legen am Morgen selbst ein paar Münzen in die Dose, weil sonst keiner den Anfang macht.
Bettler haben keine Ersparnisse.
Bettler müssen einen Teil ihrer Tageseinnahmen einem Bandenchef abliefern.
Bettler haben manchmal einen Hund, Bettlerinnen ein Kind auf dem Arm – die sind entweder selbst am Verhungern, oder eine wirksame Inszenierung, um mehr Spenden zu generieren.
Bettler erregen grösstmögliches Mitleid durch Verletzungen und traurige Blicke.
Bettler sind Geschäftsleute, die eine Nische entdeckt haben.
Bettler sind Schauspieler, die sich alles selbst beigebracht haben.
Aber manchmal sind Bettler auch einfach arme Kerle, die nicht mehr ein noch aus wissen. Ich will doch schwer hoffen, dass das einer von denen ist, dem ich eben eine Münze in den Hut gelegt habe!

Bettler und Musiker müssen schwer gegen gängige Vorurteile ankämpfen.

Strassenmusikanten sind Bettler, die es gar nicht nötig haben. Wie bedürftig ist denn ein Hammondorgelspieler, der neben seinem teuren Instrument auch noch seine CDs aufgebaut hat und zum Verkauf anbietet?

Fliegt jeden Frühling ein Charter von Peru in die Schweiz, mit 200 Panflötisten an Bord, die sich dann gleichmässig auf alle Bahnhofunterführungen unseres Landes verteilen und alle «El condor pasa» spielen? Könnte man beobachten, wie alle im Herbst den gleichen Flieger besteigen, um zurück nach Lima zu reisen, wenn man das Datum und die genau Flugzeit wüsste?

Was für Niveau-Unterschiede es doch gibt! Da entfaltet ein Streichquartett himmlische Töne, und man fragt sich, wieso diese Leute nicht längst schon in Konzertsäälen auftreten. Da gibt es aber auch den Gitarristen, der kaum drei Akkorde beherrscht, dafür weiss, dass dort, wo sich Leute beim Schlange stehen langweilen, besonders viel zu holen ist.

Ein (Schweizer) Musikant verriet mir einmal, dass man an gewissen gut frequentierten Lagen keine zwei Stunden spielen müsse, bis man tausend Franken beisammen habe. Tausend Franken! Wie das? Sympathisch aussehen, gut spielen, und den Hut, wenn einmal 50 Franken drin sind, immer wieder leeren.

Bettler und Musiker müssen schwer gegen gängige Vorurteile ankämpfen. Sie fordern von uns Besserverdienenden mehr Empathie und Menschlichkeit. Ich bin gern der Verständnisvolle und Grosszügige, aber, liebe «andere» Bettler, ich bin ganz und gar nicht gern der Dumme.

(Der Landbote)

Erstellt: 01.09.2017, 16:34 Uhr

Bernard Thurnheer ist Sportreporter und wohnt in ­Seuzach. (Bild: jb)

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