Kolumne

Das Geniessen der Anderen

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Während uns die Zeitungen bereits warnen, dass die Grippe diesen Winter heftig werden könnte, hat eine andere Krankheit uns schon längst und unentwegt im Griff: FoMO. Das ist die Abkürzung für «Fear of Missing Out», was sich übersetzen lässt, als «Angst etwas zu verpassen».

Sei es eine Party, wo alle andern hingehen, das Businessmeeting zu dem nur die Bürokollegin eingeladen war oder auch nur was im Restaurant die Leute am Nebentisch auf dem Teller haben – das ungute Gefühl, die anderen würden etwas geniessen, was mir verwehrt ist, kennen wir alle. Und zumindest in den USA gehen wegen FoMO nun auch immer mehr Leute zum Arzt.

Ehe man sich nun darüber lustig macht, wie schnell man in Amerika offenbar bereit ist, einigermassen alltägliche Neidgefühle zu pathalogisieren, sollte man sich eingestehen, dass die negative Denkspirale was den Genuss der Anderen angeht, wohl in der Tat massiv schneller dreht als auch schon.

 So machen die sozialen Medien asoziale Neidhammel aus uns allen. 

Insbesondere die sozialen Medien, in denen wir uns tummeln, können da als FoMO-Viren-Schleuder fungieren. Seitdem wir nämlich nicht nur sehen, was der Sitznachbar auf dem Teller hat, sondern all unsere Facebook-Bekannten fleissig Fotos von ihren tollen Menüs ins Netz stellen, droht die Angst, den anderen gehe es wahrscheinlich viel toller als einem selbst, zum Normalzustand zu werden. So machen die sozialen Medien asoziale Neidhammel aus uns allen.

Dabei müsste man doch wissen, dass die Bilder auf Facebook etwa so repräsentativ sind, wie die Fotos von Familienfesten: Auch dort sind alle immer fröhlich am Lachen. Dass Onkel Franz sich von Tante Lisa scheiden lässt und dass Cousine Paula sich von Grosi Magdalenas Tiramisu eine Salmonellen-Infektion zugezogen hat – all das ist später im Erinnerungsalbum nicht zu sehen. Und so geben sich auch in den Netzwerken meist alle aufgeräumt und wahnsinnig erfolgreich und kriegen dafür von den anderen öffentlich Smiley-Symbole und heimlich Missgunst.

Gesünder aber für uns alle wäre es vielleicht, wenn wir neben den Bildern von unseren tollen Tellern vielleicht auch mal die mit Chips vollgebröselte Couch und neben unseren lächelnden Gesichtern auch mal den Schuh fotografieren würden, mit dem wir grad in einen Hundehaufen getreten sind. Unsere Internet-Profile werden dadurch wahrscheinlich etwas unappetitlicher, aber auch beruhigender.

Ich jedenfalls habe daraus schon längst ein Prinzip gemacht: je grösser das eigene Missgeschick, umso lieber mache ich daraus eine Kolumne: LOMO anstatt FoMO – eine wöchentliche Neid-Impfung, für mich und meine Leser.

(Der Landbote)

Erstellt: 10.10.2017, 14:48 Uhr

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