Kolumne

Der freundliche Fremde

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Auf manche Situationen hat uns unsere Erziehung nicht vorbereitet. Und auch alles Alltagswissen, das man als Bewohner einer kleinen Grossstadt anhäuft, bringt einen nicht weiter. Dabei weiss der Stadtverbesserer viel.

Er weiss, wie man Spendensammlern ausweicht, wie man in einem vollen Bus rücksichtsvoll niest und wie man mit Polizisten redet, die einem eine Velobusse verpassen wollen. Er weiss auch, wo die Türen einer einfahrenden S-Bahn zu stehen kommen, und er weiss, ab welcher Nummer das Anstehen in der Hauptpost hoffnungslos ist.

Im Nörgeln ist man geübter als im Staunen.

Aber manchmal fehlen auch dem Stadtverbesserer die Worte. Dem Essenden wünscht man guten Appetit, dem Trinkenden Prost, dem Abschiednehmenden Komm gut heim. Aber was sagt man dem, der sich eine Zigarette anzündet? Fürio?

Besonders frappant ist die Wortlosigkeit, wenn etwas unerwartet Gutes passiert. Im Nörgeln ist man geübter als im Staunen. Am Mittwoch vergass der Schreibende sein Portemonnaie im Büro. Das merkte er erst, als er an der Migros-Kasse stand, im Korb acht Joghurt und ein Rollschinkli.

«Karte nicht dabei?», fragte der Hintermann. Verlegenes Nicken. «Ich zahle für Sie!», fand er kurzerhand. Verblüffung, Freude und Scham mischten sich zu einem konfusen Cocktail. «Nein, nein!», stammelte ich. Doch er meinte es ernst, lächelte freundlich und streckte seine EC-Karte zum Terminal hin.

Ich bedankte mich tausendmal und flüchtete. Und fühlte mich schlecht: Wahrscheinlich dachte der junge Mann nun, ich sei wegen seiner dunklen Hautfarbe misstrauisch geworden. Nicht doch! Es war seine Grosszügigkeit, die mich überforderte. (Der Landbote)

Erstellt: 07.12.2017, 09:40 Uhr

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