Kolumne

Der Luxus der Zukunft

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Statussymbole sind unweigerlich keine mehr, wenn zu viele sie sich leisten können. Drum muss, wer etwas auf sich hält, immer Ausschau halten danach, was wohl als Nächstes grad besonders angesagt sein wird, denn nur so kann man sich auch in der Zukunft von der schnöden Masse ab­heben. So kommt es, dass irgendwann unweigerlich das zum Luxus erklärt wird, was einst ­Armutszeugnis war.

Teure Weindegustationen zum Beispiel – so wurde mir unlängst via Bekannte von einer Soiree an der Zürcher Goldküste zugetragen – ist unter den Vermögenden mittlerweile ja so was von passé. Statt edle Mauzac-Trauben zu schlürfen, wird in gut situierten Kreisen jetzt nämlich urchig Bier ­getrunken, und zwar solches, das man vorher selbst gebraut hat.

Wo man sich vor ein paar Jahren noch aufspielen konnte, indem man vom besonderen Geschmack schwärmte, den Weine kriegen, wenn sie im Eichenfass gelagert werden, hat die bessere Gesellschaft für solche Vorlieben unterdessen nur noch ein mitleidiges Lächeln übrig und nuckelt derweil stolz am selbst gemalzten Starkbier.

Statt in den Rotary Club geht man in den Hopfenkurs, und was man einst für einen Lamborghini ausgegeben hat, wird heutzutage in die ­eigene Mikrobrauerei investiert. Offen­bar obligatorisch zur neuen Existenz als Heimbrauer dazu gehört übrigens auch, dass man seine eigenen Würste macht. Chateaubriand und Fleisch auf heissem Stein – das war mal schick.

Der höchste zu erreichende Status ist im neuen Jahrtausend offenbar, alles selber machen zu können.

Der Dandy von heute hingegen füllt gemeinsam mit anderen Gutbetuchten fleissig Biodärme mit Handgehacktem. Allerdings droht dieses Hobby wohl bereits wieder an Exklusivität einzu­büssen, seitdem ja keine SRF-«Männerküche»-Staffel mehr vor­übergeht ohne mindestens einen Kandidaten, der neben seinem Job als Kunstmagazinverleger auch noch einen Fleischverein betreibt, wo unter Kollegen einmal pro Monat gewurstet wird.

Bleibt immerhin noch der Kaffee, den indes Exklusivitätsversessene von heute tatsächlich wieder so anmachen wie einst die Grossmutter: mit Filter und viel Tröpfelwasser. Seit nämlich jeder Lastwagenfahrer in der Autobahnraststätte einen Latte macchiato bestellt und die Kellnerin korrigiert, wenn sie Expresso statt Espresso sagt, bleibt der Elite nichts, als den Filterkaffee zu ihrem Alleinstellungsmerkmal zu erklären. Und danach gibts einen Grappa – hausgebrannt natürlich.

Der höchste zu erreichende Status ist im neuen Jahrtausend offenbar, alles selber machen zu können. Der Selbstversorger wird zum Luxusideal. Und so lässt sich ausrechnen, dass die ­dekadenten Dandys von morgen wahrscheinlich Höhlen­menschen sein werden.

(Der Landbote)

Erstellt: 09.08.2017, 12:56 Uhr

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