Kolumne

Der Wind hat längst gedreht

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Hartnäckig hält sich das Gerücht, die Landbevölkerung sei auf die Leistungen der Stadt angewiesen. Ob Theater, Museen oder Club-Kultur: Deshalb pilgern die Dörfler doch nach Winterthur und vergnügen sich auf Kosten der Städter. Selbst der Kanton stützt diese altbackene These und hat sie mit dem Zentrumslastenausgleich in Stein gemeisselt. Ein grosser Irrtum. Denn die Werte, die man oft in der Stadt sucht, findet man heute auf dem Land.

Weltoffen seien sie, heisst es über die Städter. Doch wennein deutscher Tangopianist mit seiner Frau ein Lokal sucht, um dort Konzerte und Workshops anzubieten, will ihnen niemand helfen. «Wir haben einen Ort ­gesucht, wo ein Flügel und ein Hund willkommen sind», sagte der weit gereiste Pianist. Bieten konnten das offenbar nur die Pfungemer, die flugs ihren über 100-jährigen Gemeindesaal im urchigen Dorfkern frei machten.

Die Werte, die man oft in der Stadt sucht, findet man heute auf dem Land.

Die grosse Freiheit suchen viele im urbanen Raum. Findet sich jedoch in Winterthur eine Gruppe zusammen, um sich auf einem öffentlichen Platz frei zu tanzen, wird sie gleich mit Tränengas verscheucht. In Wiesendangen jedoch, da können Angeheiterte ungehindert des Nachts Steinblöcke aufeinanderstapeln. Die Strassenbegrenzungen werden so regelmässig zu temporären Kunstwerken. Das stört niemanden – und die Gemeinde räumt jeweils am nächsten Morgen auf, ohne dabei zu murren.

Der höchste Wert der Stadt ist doch – sind wir mal ehrlich – das ungehinderte Ausleben der Sexualität. Auch da ist das Land auf der Überholspur: Bald wird in Dinhard neben der Kirche ein Bordell eröffnet. Der Liegenschaftenbesitzer, quasi die Toleranz in Person, würde alle Menschen unterstützen, die seine Räume nutzen möchten. Ob nun Asylbewerber, betende Muslime oder Prostituierte. Besuchen werden den Sexclub wohl aber kaum die Dinerter selbst, die dies unter den wachsamen ­Augen ihrer Nachbarn tun müssten. Nein, Anonymität bietet Dinhard vor allem den Städtern. Eigentlich müssten die doch einen Landlastenausgleich ­bezahlen!

Erstellt: 28.10.2016, 12:23 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Bonus-Angebote

Bonus-Angebote

Alle Bonus-Angebote im Überblick.