Kolumne

Eure Zensur schneckelt mich an

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Die Musikfestwochen-Chefin Laura Bösiger brauchte am Dienstag an der Gründungsversammlung des House of Winterthur deutliche Worte: «Es scheisst mich an, dass der Frauenanteil im Jahr 2017 immer noch ein Thema ist», sagte sie.

Dabei brachte sie nicht nur den neu gewählten Vorstand – Frauenanteil sieben Prozent – ins Schwitzen, sondern auch die «Landbote» – Redaktion. «Das kann man auf Hochdeutsch nicht so schreiben», wurde beschlossen. Und Bösigers markige Worte wurden durch «Es stinkt mir» ersetzt.

Jeder Journalist kennt das Problem: Plötzlich muss er dem Befragten Worte in den Mund legen, die dieser so nie sagte.

Es handelt sich dabei weniger um Zensur als um ein klassisches Übersetzungsproblem. Welcher Ersatz klingt am wenigsten falsch? «Es nervt mich» wäre kraft- und saftlos. «Es entrüstet mich» zu pathetisch. «Es fuchst mich» zu tantenhaft. Und bei «Es kotzt mich an» stimmt zwar der Grad an Rotzigkeit, aber es schwingt eine Note von Ekel mit, die im Originalzitat fehlt.

Jeder Journalist kennt das Problem: Was schreibt er oder sie, wenn der Interviewpartner beteuert, seine Lösung «verhebt»? Plötzlich muss er dem Befragten Worte in den Mund legen, die dieser so nie sagte. Etwa dass die Lösung «solide und zuverlässig» sei oder sie «sich bewähren» werde.

Wenn ein Velofahrer lebhaft beschreibt, wo es ihn so richtig «verschnätzelt» hat, muss der Schreiberling sich auf ein blasses «Dort stürzte ich» beschränken. Und wenn die Lehrerin ihre Schützlinge ermahnt, «nid z leidwärke!», ist es in Wahrheit sie, die dem Reporter zuleide werkt, denn sie weiss, dass er sie so niemals zitieren kann, Heilandzack! Wenn ihn in solchen Situationen dann noch einer «anzündet» oder «hochnimmt», ist der Mist definitiv gegarretelt. (Der Landbote)

Erstellt: 08.06.2017, 10:40 Uhr

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