Kolumne

Glockenschlag und Hahnenschrei

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Jeden Morgen um Punkt halb sieben Uhr läutet die Glocke unserer Dorfkapelle St. Martin. Das Geläut der drei kleinen Glocken ist mir wesentlich angenehmer als das Rasseln meines Weckers, der kurz davor schellt.

Das kleine Gotteshaus steht im bäuerlich geprägten Stadtquartier Paradies am Rande der eigentlichen Altstadt von Konstanz. Erbaut wurde das Kirchlein von den Bewohnern des Paradieses im Inflationsjahr 1923, als die damalige Reichsmark zusammenbrach.

Kaum stand der neubarocke Bau mit seinem charakteristischen Zwiebeltürmchen, spotteten die Fasnachts-Narren: Wenn sich die Bauern in so schlechten Zeiten eine neue Kirche leisten können, werden sie die Baukosten vermutlich mit den inflationssicheren Schweizer Franken bezahlt haben, die sie aus ihren Schmuggelgeschäften mit Tabak, Schokolade und Kaffee erlöst haben.

Heute rattern nur noch die Rasenmäher, die Halbwüchsigen werfen ihre Töffs an, die Kinder schreien und über uns dröhnt der Flugverkehr.

Denn die Bauern des Stadtteils Paradies haben ihre Felder auf dem in der Schweiz gelegenen Tägermoos, das seit 1499 eine Vogtei der Stadt Konstanz geblieben war und bis heute von ihr verwaltet wird. Damals bekam St. Martin ihren Spitznamen: «Brissago-Kapelle» – aus dem Erlös geschmuggelter Brissago-Stumpen finanziert.

Seither weckten die drei Glocken die Bauern morgens um halb sechs Uhr zur Feldarbeit. Bis vor wenigen Jahren. Da nahmen zugezogene Nachbarn Anstoss am frühmorgendlichen Geläut und setzten durch, dass erst um halb sieben geläutet wurde. Da sind die Bauern zwar schon auf ihren Thurgauer Feldern, aber Leute wie ich werden melodisch in den Tag gerufen.

Doch mit dem Anstossnehmen an alten Gebräuchen hatte es noch lange kein Ende. In der Nachbarschaft der Kapelle wurde ein Wohnblock gebaut. Dort lebten nun auch einige Menschen, denen der traditionsreiche bäuerliche Stadtteil egal war: Nachdem die Glocken früh morgens schwiegen, hörten sie den letzten Hahn des Stadteils umso deutlicher. «Ruhestörung», lautete ihr Urteil, sie schickten einen Rechtsanwalt.

Der drohte der Bäuerin, ihr krähender Gückeler sei eine unzumutbare Lärmbelästigung. Die gute Frau, eingeschüchtert von der Klagedrohung, gab klein bei: Der Hahn landete im Suppentopf.

Seither ist es wirklich still im Paradies, das inzwischen ein beliebtes Zuzugsgebiet für Neubürger geworden ist. Es rattern nur noch die Rasenmäher, die Halbwüchsigen werfen ihre Töffs an, in den Gärten schreien stundenlang die Kinder und über uns dröhnt der Flugverkehr.

Der steinerne heilige Martin steht allerdings noch immer auf dem Brunnen vor der Kapelle und ­wundert sich über die verrückte Welt. (Der Landbote)

Erstellt: 11.08.2017, 15:50 Uhr

Tobias Engelsing ist Leiter der ­städtischen Museen Konstanz. (Bild: Heinz Diener)

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