Kolumne

Göttliche Vorsehung?

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Zugegeben, ich gehöre auch zu jenen, die, wenn sie in einen Zug steigen, nach einem freien Abteil Ausschau halten. Wo aber setze ich mich hin, wenn alle Abteile mit mindestens einem Menschen besetzt sind? Geht es Ihnen ähnlich? Ich wandere durch den Wagen und irgendwo frage ich höflich: «Ist hier noch frei?»

Warum aber frage ich ausgerechnet hier? Warum habe ich nicht schon zwei Abteile zuvor gefragt? Warum setze ich mich nicht erst ins nächste Abteil? Kann es sein, dass wir in Bruchteilen von Sekunden innerlich das «Feld abstecken» und es irgend eine Anziehung gibt zwischen dem Menschen, der schon da sitzt und mir?

Warum aber frage ich ausgerechnet hier? Warum habe ich nicht schon zwei Abteile zuvor gefragt? 

Ist es das sogenannte Bauchgefühl, das mich hier fragen lässt und nicht im Abteil gegenüber? Ist es schlicht Zufall, wo ich mich setze oder gar göttliche Vorsehung? Wenn man bedenkt, dass sich schon Menschen auf diese Art im Zug begegnet sind und ein paar Monate später geheiratet haben, dann tippe ich auf göttliche Vorsehung.

Meine erste Ausbildung erhielt ich in einer Klosterschule. Die Schwestern, welche die Schule führten, heissen noch immer: Schwestern von der Göttlichen Vorsehung. Und immer wieder einmal stosse ich auf diese Redewendung. Wäre ich frömmer, würde ich wahrscheinlich mehr damit rechnen, wie jene Frau, die eigentlich katholisch war, bis sie eines Tages mit dem Velo zur katholischen Kirche fuhr. Sie wähnte Jesus auf dem Gepäckträger, der ihr sagte, sie soll in die reformierte Kirche fahren.

Seither ist sie reformiert. So schnell kann es gehen. Göttliche Vorsehung oder menschliches Kalkül? Mit ihrem extrem missionarischen Auftrag wäre sie in jener katholischen Pfarrei nicht weit gekommen, hingegen ist sie in der evangelikal geprägten reformierten Gemeinde gut aufgehoben.

Ist es göttliche Vorsehung, wenn ein Kind an einer unheilbaren Krankheit leidet? Göttliche Vorsehung, dass es Menschen gibt die auf der Schattenseite leben und andere sind Sonnenkinder? Sind Hungersnöte göttliche Vorsehung? Warum sollen wir uns noch einsetzen, für eine gerechtere Welt, wenn alles mit göttlicher Vorsehung bereits geregelt ist?

Vielleicht sehe ich das ja völlig falsch und müsste bei den Schwestern von der Göttlichen Vorsehung einmal nachfragen. So lange aber halte ich mich an die menschliche Mitverantwortung, die ich als von Gott aufgetragen ansehe. Laut Schöpfungsbericht(en), sind wir eingesetzt als Bewahrerinnen und Bewahrer dieser Erde. Wir sind hineingeholt in die göttlichen Mitverantwortung, gelebter Glaube.

Erstellt: 28.07.2017, 11:52 Uhr

Monika Schmid ist Gemeindeleiterin der kath. Kirche St. Martin in Illnau Effretikon. (Bild: Johanna Bossart)

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