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Personenunfall

Samstag, 15.15 Uhr. Brüsk bremst der Schnellzug Frankfurt-Basel, die Flaschen rutschen von den Tischchen. Bis der Zug auf der schnurgeraden Strecke zum Stehen kommt, dauert es eine gefühlte Ewigkeit. In diesen Sekunden stirbt ein Mensch. Durchschnittlich nimmt sich jeden zweiten Tag ein Mensch auf dem SBB-Netz das Leben.

Die Lautsprecherstimme meldet: «Infolge eines Personenunfalls erleidet dieser Zug eine Verspätung in unbekannter Länge. Wir halten Sie weiter auf dem laufenden.» Der Apparat läuft wie geschmiert. 15 Minuten nach dem Stopp taucht auf dem Feldweg am Gleisrand das erste Ambulanzfahrzeug auf. Nach 25 Minuten sind es vier Fahrzeuge, davon zwei von der Feuerwehr Bad Krozingen. Ist das laute Geräusch die aufgedrehte Lüftung der Eisenbahnwagen oder ist es Helikopterlärm? Wir sehen nichts. Ist auch besser so!

Die Drehbuch-Regel lautet: regelmässig etwas hören lassen, dann bleiben die Leute ruhig.

Das Zugspersonal informiert weiter, obwohl es eigentlich nichts weiss. Aber die Drehbuch-Regel lautet: regelmässig etwas hören lassen, dann bleiben die Leute ruhig. Der Zug ist schwach besetzt. Die Leute dösen und lesen weiter. Nur weiter vorne schimpft halblaut eine Frau, die man aber nur schwach versteht: «... hätte sich ja auch aufhängen können!»

Dem Zug entlang gehen Menschen auf die vor uns liegende, nicht einsehbare Unfallstelle zu, erst ein Polizist mit gelber Warnweste, dann zwei Feuerwehrleute mit Helmen, die sie mit Sicherheit nicht brauchen werden. Jemand wird die Reste zusammenlesen müssen. Es erscheint noch ein junger Mann mit Köfferchen, vermutlich der Arzt.

Nach 40 Minuten erscheint der Zugskellner und bietet Schokolade an. Nach 50 Minuten folgt die Schaffnerin mit Wasserflaschen. Der Lautsprecher meldet, in 30 bis 45 Minuten sei die Weiterfahrt möglich. «Wir warten noch auf einen Ersatz für unseren Lokomotivführer.» Niemand beschwert sich. Klar, dem Mann kann nicht zugemutet werden, jetzt weiter zu arbeiten. 65 Minuten nach dem Unfall macht die Schaffnerin die Runde und verteilt frohgelaunt Formulare: «Ausfüllen, einsenden, Geld kassieren». Verspätungen über 60 Minuten berechtigen zu einer Rückvergütung.

Wir verdienen noch Geld am Unglück des/der Unbekannten. Das Drehbuch ist abgespult, genau 90 Minuten nach dem Personenunfall fährt der Zug weiter. Wir werden wohl nie etwas erfahren über den Menschen, der sich vor den Zug geworfen hat und dessetwegen unsere Wochenendpläne leicht durcheinander geraten sind.

Wir lernen: Wenn es zu spät ist, funktioniert das System.

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