Kolumne

Schwarzpulver am Grenzzaun

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Als in der Silvesternacht wieder Feuerwerk für viele Millionen Franken krachend in den Sternenhimmel aufstieg, erinnerte ich mich an meine Kindheit: Wie gerne hätten wir als Halbwüchsige in der Papeterie neben der Schule die grossen Raketen, Chinaböller oder Kanonenschläge gekauft.

Doch die alte Ladeninhaberin erkannte durch ihre dicke Brille sofort, dass wir noch keine 16 Jahre alt waren und sagte streng: «Hauet ab, Ihr Chaibe!» Damals kamen wir auf die schiefe Bahn: In einer Drogerie besorgte unser ältester Freund Schwefel und Pulverkohle, er behauptete frech, das brauche der Vater zum Reinigen der Mostfässer und zur Filtrierung.

«Hauet ab, Ihr Chaibe!»

Ein anderer kaufte Kalisalpeter, angeblich für ein Mittel gegen Salatschnecken. In einem bebilderten Buch «Wunder der Technik» hatten wir gelesen, dass die alten Chinesen schon Schwarzpulverbomben gebaut hätten.

Wir stahlen meiner Mutter eine grosse Bischofszeller Konservenbüchse und futterten die Bohnen darin auf. Dann füllten wir die leere Büchse mit dem selbst gemischten Schwarzpulver, klebten alles zu und steckten eine kleine Zündschnur hinein.

Direkt am deutsch-schweizerischen Grenzzaun stand ein morscher Baumstumpf, unter dem wir unsere «Bombe» vergruben. Mein Kumpel Konni rief noch: «Ich zähl auf fünf und dann alle Mann in Deckung!» Doch da hatte er die Zündschnur schon angesteckt.

Es tat es einen Höllenknall, Dreckbollen vermischt mit Kellerasseln flogen uns um die Ohren. Erschrocken schauten wir alle auf unsere Hände. Wir wussten, dass bei solchen Versuchen schon Finger weggesprengt worden waren. Ein Glück, alles war heil geblieben.

Doch aus dem Schwefeldampf tauchte eine Gestalt im langen Umhang auf: Einer der Grenzwächter, der Patrouille lief, hatte uns entdeckt: «Mitkommen, alle!» Mit gesenkten Köpfen sassen wir Minuten später auf der Zoll-Dienststelle, vor uns die Fahndungsplakate und der strenge Zöllner: «Ihr seid eine Schande für das ganze Dorf, Ihr Bombenleger!»

Meine Mutter, die damals als Sekretärin in einer Rechtsanwaltskanzlei arbeitete, wurde verständigt. Durch die Justiz-Nähe ihres Arbeitsplatzes und ihre Fürsprache liess uns der Grenzwächter laufen.

Zu Hause bezogen alle Bombenbauer ein paar Kopfnüsse, Schlimmeres geschah nicht. Doch meine wirkliche Strafe ereilte mich zum Weihnachtsfest am Ende des Jahres: Ich hatte so sehr auf den Chemiekasten «Kosmos 2000» gehofft. Stattdessen lagen ein selbst gestrickte Bommelmütze, ein neuer Schulranzen und ein Buch über die Vogelwelt am Bodensee unter dem Weihnachtsbaum.

(Der Landbote)

Erstellt: 12.01.2018, 16:40 Uhr

Tobias Engelsing ist Leiter der Städtischen Museen Konstanz und «Landbote»-Kolumnist. (Bild: Heinz Diener)

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