Kolumne

Stammtisch als Nährboden für Fake News

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Der Stammtisch geniesst einen ausgezeichneten Ruf. Hier treffen sich die Leute aller sozialen Schichten zum ungezwungenen und ungefilterten Meinungsaustausch. Ein Hort der Demokratie! Wirklich?

Der Stammtisch ist zunächst einmal eine reservierte Ecke für die Gäste des Restaurants, die regelmässig vorbeikommen, meist für eine kurze Zeit vor, während oder nach der Arbeit. Die Männer sind meist in der Mehrzahl oder sogar ganz unter sich, konsumiert wird vornehmlich Flüssiges, zur Hauptsache Bier, manchmal auch Wein oder andere Alkoholika.

Am Stammtisch wird geredet, über Gott und die Welt, über Lokal- und Weltpolitik, über die Nachbarn und die Gemeinderäte, den neuen Kebab-Stand und die neue Lehrerin. Die Meinungen gehen dabei oft diametral auseinander, obgleich es am gemütlichsten ist, wenn sich alle einig sind.

 Wenn sich zwei, drei gegenseitig Recht geben, dann wird schon bald einmal Erhofftes zur Tatsache, obwohl genau das Gegenteil stimmt 

Die einen reden eher, die anderen hören eher zu, nicken oder setzen ein Pokerface auf. Je später der Abend und je reichlicher der geflossene Alkohol, desto länger können die Diskussionen andauern, es wird dann auch einmal lauter und aus Meinungsäusserungen werden drohende Aufforderungen die Sache gleich zu sehen wie der Vortragende.

Im schlimmsten Fall sitzen sich zum Schluss zwei unversöhnliche Lager gegenüber, oder ein Teil der Kundschaft ruft «Zahlen bitte!», legt das Geld schon einmal abgezählt auf den Tisch und verlässt das Lokal mit einem knappen Gruss demonstrativ rasch.

Das ist die Schweiz! Am Stammtisch wird Politik gemacht! Hier kann noch jeder reden wie ihm der Schnabel gewachsen ist! Demokratie pur! Wirklich? Ich habe da so meine Bedenken.

Erstens herrscht oft ein ziemliches Macho-Gehabe. Wenn hier die Grundlagen für politische Entscheidungen gelegt werden, haben die Frauen definitiv nichts mehr zu lachen respektive zu sagen. Zweitens schwirren hier allerlei Meinungen hin und her, Fakten dagegen interessieren weniger. Wenn sich zwei, drei gegenseitig Recht geben, dann wird schon bald einmal Erhofftes oder Erwünschtes oder stark Vereinfachtes zur Tatsache, obwohl in der Realität manchmal genau das Gegenteil stimmt.

Ja, liebe Stammtischfreunde, Euer Ort ist in Tat und Wahrheit der ideale Nährboden für Fake News! Diese müssen gar nicht willentlich erfunden werden, sie ergeben sich sozusagen wie von selbst. Ebenfalls noch zu berücksichtigen: Meinungen und Äusserungen, die sich in zunehmend alkoholisiertem Zustand gebildet haben, halten einer nüchternen Beurteilung oft nicht sehr lange stand.

(Der Landbote)

Erstellt: 27.10.2017, 12:25 Uhr

Bernard Thurnheer ist Sportreporter. (Bild: Johanna Bossart)

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