Kolumne

Starke Kinder

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Der kleine Junge, nennen wir ihn Peter, spielt im Spielzimmer im Kirchenzentrum friedlich vor sich hin. Zweckfreies, lebenswichtiges Tun. Peter belädt seinen Traktoranhänger. Vertieft ins Spiel, merkt er nicht, wie ein anderer Junge sich nähert, nennen wir ihn Paul. Schwupps, Paul reisst dem verdutzten Peter den Anhänger aus den Händen. Peter schaut ihm nach. Er weint nicht. Er holt sich das Feuerwehrauto und beginnt wieder zu spielen. Kaum hat er die Feuerwehrleute im Wagen platziert, erscheint Paul und reisst ihm auch dieses Spielzeug aus den Händen. Peter schaut hilflos zu seiner Mama.

Die Mutter von Peter meint: «Meine Kinder sind ständig Opfer. Ich versuche sie im friedlichen Miteinander zu erziehen. Wir lernen sie zu teilen, zu fragen, wenn sie etwas möchten. Nun ist die ältere Tochter im Kindergarten und kann sich nicht wehren, weil viele Kinder in der Art von Paul agieren. Die Mutter von Paul sagte mir, Peter soll dem Paul das Spielzeug auch aus den Händen reissen. Ich kann das aber nicht.»

«Meine Kinder sind Opfer», dieser Satz geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Hat sich nicht auch Jesus zum Opfer gemacht mit seinem Einsatz gewaltloser Liebe bis zum Tod am Kreuz? Soll ich der Mutter so antworten? In mir sträubt sich alles. Es war der erwachsene Jesus, der seinen Weg frei wählte, den Weg zu einer grundlegenden Verwandlung der Welt. Gewalt erzeugt Gegengewalt. Nur zu gut wissen wir das und sehen es täglich in den Nachrichten. Einen radikal anderen Weg ist Jesus gegangen. Und was hatte er davon? Ist er nicht gescheitert in einer Welt, die so anders tickt?

Wir haben Ostern gefeiert, Aufstand der Hoffnung gegen Hass, Machtmissbrauch und Ungerechtigkeit. Wir brauchen Festtage wie Ostern, um uns daran zu erinnern, dass Gewalt und Tod nicht das letzte Wort haben, dass es Menschen braucht und gibt, die andere Wege gehen. Und! Jesus war nicht Opfer, sein Tod war Hingabe ans Leben.

Peter darf lernen, sich zu wehren. Er muss es dem Paul nicht gleichtun. Das wird er auch nicht, bei seiner behutsamen Erziehung zum Miteinander. Er wird andere Wege finden, sich zu wehren.

Und meine Hoffnung bleibt, dass Peter zu einem eigenständigen jungen Mann heranwächst und im späteren Leben umsetzen kann, was er im Elternhaus mitbekommen hat. Jetzt aber braucht er Unterstützung, sich gegen die Rowdys im Kinderzimmer zur Wehr zu setzen. Und es braucht Erwachsene, die fähig sind, Kinder stark zu machen, stark für Frieden und Barmherzigkeit.

Erstellt: 21.04.2017, 19:00 Uhr

Monika Schmid ist Theologin und Gemeindeleiterin der katholischen Kirche St. Martin in Effretikon. (Bild: Archiv ZRZ)

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