Kinder auf die Medien vorbereiten

Kinder brauchen Begleitung bei ihren ersten Medienerfahrungen. Eltern sollten mit ihnen über Erlebtes sprechen, sagt Medienpädagogin Eveline Hipeli. Ihr neues Bilderbuch «Peter und der Traum» regt dazu an.

Filme können Kinder verwirren. Deshalb sollten Eltern ihr Kind vorsichtig daran heranführen.

Filme können Kinder verwirren. Deshalb sollten Eltern ihr Kind vorsichtig daran heranführen. Bild: Shotshop

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Wie verhält sich ein kleines Kind, wenn es in den Medien etwas sieht, das es nicht versteht?
Eveline Hipeli: Kinder reagieren sehr unterschiedlich. Dabei spielt das Alter eine zentrale Rolle. Ein dreijähriges Kind reagiert allein von seinem Entwicklungsstand her ganz anders als ein sechsjähriges. Wenn es in einem Märchen etwas hört oder im Fernsehen etwas sieht, das es nicht versteht, bekommt es möglicherweise Angst und läuft weg. Es geht aus der Situation hinaus. Oder es bleibt dabei und beschäftigt sich innerlich damit, erzählt dies aber niemandem. Extrovertierte Kinder und solche, die das gelernt haben, sprechen darüber. Sie gehen mit ihren Fragen zu Erwachsenen oder älteren Geschwistern.

Mit Ihrem neuen Bilderbuch «Peter und der Traum» leiten Sie zu diesem Verhalten an.
Genau. Die Botschaft lautet: Wenn du durch Medienkonsum ein mulmiges Gefühl bekommst, dann rede darüber. Das hilft dir, das Gelesene, Gesehene oder Gehörte zu entwirren. Es ist übrigens Teil des Lehrplans, dass Vier- bis Achtjährige fähig sein sollten, über Emotionen zu sprechen, die durch Medien hervorgerufen werden.

Und die Erwachsenen sollen ­ihnen dabei helfen, diese ­Gefühle einzuordnen?
Sie sollen den Kindern signalisieren, dass sie für sie da sind und ihnen zuhören. Selbst altersgerechte Inhalte kann man falsch verstehen. Auch Erwachsene müssen manchmal einen Film zweimal schauen, bis sich der Aha-Effekt einstellt. Bei Kindern ist dies nicht anders. Daher lieben sie Wiederholungen. Sie wollen etwas immer wieder bis ins Detail sehen und analysieren.

Welche Gefühle können ­Medieninhalte auslösen, die ein Kind nicht einordnen kann?
Es gibt vom deutschen Wissenschaftler Norbert Neuss eine schöne Anekdote. Im Rahmen einer Studie hat er kleine Kinder gebeten, Medienerlebnisse zu zeichnen. Ein fünfjähriger Junge berichtete von einem Horrorfilm. Nach längerem Nachfragen stellte sich heraus, dass er die «Kinder vom Süderhof» gesehen hatte – eine kindgerechte Serie, die vom Leben auf einem Bauernhof erzählt. Doch der Junge hatte Ausschnitte gesehen, die auf dem Friedhof spielten und von Geistern handelten. Man muss wissen, dass sich kleine Kinder stark mit Medienhelden identifizieren. Ein Vierjähriger kann äusserst emotional reagieren, wenn in einer «Pingu»-Folge ein Walfisch auftaucht. Medien können Angst auslösen und verwirren. Sie können zu Missverständnissen führen. Ein Kind setzt Medieninhalte zu seiner Erlebniswelt in Beziehung. Mit dem Älterwerden kann es echte Begebenheiten und Medieninhalte immer besser trennen.

Woran merkt man, dass ein Kind ein negatives Medienerlebnis nicht verarbeitet hat?
Das kann sich an Zeichnungen zeigen. Oder eine Lehrperson stellt fest, dass ein Kind sonderbare Fragen hat. Kleine Kinder vermischen gerne, was ihnen selbst geschehen ist und was sie in Medien gesehen haben. Es kann vorkommen, dass sie etwas erzählen, von dem die Eltern sagen müssen, «das haben wir doch gar nicht erlebt». Es ist daher wichtiger, dass Mütter und Väter wissen, was ihr Kind schaut oder hört, als dass sie bloss den Medienkonsum zeitlich limitieren. Denn dann können sie das Gespräch aufnehmen, wenn ihr Kind mit einer bestimmten Äusserung kommt.

Wie gut können Eltern abschätzen, ob sich ein Film für das Alter ihres Kindes eignet oder nicht?
Die Altersangaben auf Filmen sind gute Leitplanken. Sie sind aber nur das. Ein sechsjähriges Kind kann einen Film für Achtjährige bestens verarbeiten, wenn es kognitiv schon so weit ist. Es gibt aber auch ängstliche Kinder, die mit fünf Jahren in einem «Pingu» beängstigende Sachen sehen. Es ist ratsam, vorsichtig vorzugehen. Filme mit schnellen Schnitten und einer hektischen Handlung eignen sich nicht für die frühkindliche Phase. Kleine Kinder brauchen lineare Handlungen. Erst später können sie einer komplexeren Zopfstruktur mit mehreren Handlungssträngen folgen. Auch mit Kinobesuchen muss man vorsichtig sein. 3-D-Produktionen wirken viel intensiver als Bilder auf einem kleinen Tablet. Dessen müssen sich Eltern bewusst sein. Sie sollten ihr Kind begleiten und beobachten, worauf es wie reagiert. Eltern müssen keine Medienexperten sein. Sie sind Experten für ihr Kind: Sie kennen es am besten und können abschätzen, womit es umgehen kann. Sie können sich auf dieses Gespür verlassen. Aber um dieses Gespür zu entwickeln, braucht es das Gespräch mit dem Kind.

Sollten sich Eltern im Vorfeld ­alles ansehen, was ihre Kinder konsumieren?
Im Idealfall, ja. Unter drei Jahren brauchen Kinder überhaupt keinen Bildschirm. Diese Richtlinie ist bei Zweit- und Drittgeborenen nicht immer einfach zu befolgen. Da findet der Erstkontakt tendenziell früher statt. Umso wichtiger ist es, dass Eltern wissen, was ihr Kind konsumiert. Das bedeutet nicht, dass man jede Folge einer Produktion kennen muss, sondern grundsätzlich weiss, was das Kind da schaut und hört. Entscheidend ist zudem, warum ein Kind etwas schauen darf. Weil es gelangweilt ist und stürmt? Oder hat es einen bunten Alltag und darf Medien ergänzend nutzen?

Es kommt vor, dass Eltern ihre Kinder mit dem Handy spielen lassen, um sich einen Moment Ruhe zu verschaffen.
Wenn das konsequent und wiederholt gemacht wird, ist das sicher nicht optimal. Man klammert das Kind in diesem Moment ja aus. Aussenstehende sehen aber immer nur eine Millisekunde in eine Familie hinein. Als Mutter kenne ich die Situation, dass man beispielsweise ein Virus erwischt hat und froh ist, wenn die Kinder einen Film schauen können und man sich einen Moment lang ausruhen kann. Man muss da mit gesundem Menschenverstand vorgehen.

Sie richten sich mit Ihrem Bilderbuch bereits an Dreijährige. Geht es Ihnen darum, dass Eltern den Einstieg in die Medienerziehung nicht verpassen?
Absolut. In Gesprächen fällt mir auf, dass sich Eltern und Lehrpersonen mit Büchern, Hörbüchern und dem Fernseher relativ sicher fühlen. Diese Medien kennen sie aus eigener Erfahrung. Die Probleme kommen dann mit Games und dem Smartphone. Irgendwann geht es darum, die Kinder loszulassen. Wenn man bis dahin nur Nutzungszeiten besprochen hat, ist es zu spät, um den Medienkonsum wirklich sinnvoll zu reglementieren.

Was meinen Sie damit konkret?
Nicht nur Nutzungszeiten und -orte festlegen. Entscheidend ist die Haltung der Eltern. In der Welt, in der Kinder heute aufwachsen, finden Medien statt. Es gehört zur Erziehung dazu, mit ihnen darüber zu sprechen. Viele Eltern trauen sich das zu wenig zu. Sie sollten ihre Kinder einfach mal fragen, was so cool an einem PC-Spiel ist. Kinder schätzen es extrem, wenn sie von Medienerlebnissen erzählen dürfen.

Braucht es weitere Spielregeln?
Ein älteres Kind, das sich an Abmachungen halten kann, soll mitbestimmen dürfen. Es soll zum Beispiel entscheiden können, ob es jeden Tag ein bisschen oder an einem Tag einen ganzen Film schauen möchte.

Manche Eltern versuchen, ihre Kinder möglichst lange von Fernseher, Handy und Computer fernzuhalten. Ist dies sinnvoll?
Im Kindergarten setzt gemäss Lehrplan Medienbildung ein. Ein Kind, das bis dahin von Bildschirmen abgeschirmt wurde, hat sicher noch nichts verpasst. In der Primarschule geht es dann darum, auch den Computer zu nutzen. Mir wäre es wichtig, mein Kind schrittweise darauf vorzubereiten und es dabei zu begleiten. Problematisch finde ich eine negative Grundhaltung. Wenn ein Kind Medien dereinst kompetent nutzen soll, sollte es sich in einem kontrollierten Umfeld auch an sie herantasten dürfen. ()

Erstellt: 16.12.2016, 17:45 Uhr

Zur Person

Eveline Hipeli ist Medienpädagogin und Kommunikationswissenschaftlerin. Sie lehrt an der Pädagogischen Hochschule Zürich. Hipeli beschäftigt sich schwerpunktmässig mit Mediensozialisation sowie Medienkompetenz und hat dazu mehrere Bücher geschrieben. Die 36-Jährige ist Mutter dreier Kinder.

Wenn Bilder dem Kind den Schlaf rauben

Peter und der Traum. Eveline Hipeli, Lehrmittelverlag Zürich, 2016, 32 Seiten, 39.50 Fr., 3–6 Jahre.

Anna und Peter spielen oft ­zusammen, sie sind Nachbarn. Eines Abends darf die Erstklässlerin beim Kindergärtler Peter übernachten. Sie erkunden den Dachboden und spielen im Wohnzimmer Verstecken. Dabei stossen sie auf das Tablet von Peters Mutter. Sie schauen sich einen Film an, worauf Peter eine schlechte Nacht hat. Er kann die Bilder nicht einordnen, sie rauben ihm den Schlaf. Zum Glück wohnt die weise Eule Ulla nicht weit. Sie nimmt sich der beiden Kinder an.
«Peter und der Traum» ist das zweite Buch aus der Reihe «Ulla aus dem Eulenwald». Es richtet sich an Drei- bis Sechsjährige und fördert deren Medien­kompetenz auf spielerische Art. Während jüngere Kinder die ­Erzählsituation geniessen, die vergnüglichen Bilder betrachten und die Figuren kennen lernen, werden ältere dazu animiert, von eigenen Medienerlebnissen zu berichten. Die liebevollen Illustrationen stammen von der Grafikerin Cornelia Diethelm.

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