Kuscheln mit der Ersatzpartnerin

Die umstrittene Surrogat-Therapie soll Singles auf eine Partnerschaft vorbereiten. Und den Patienten durch Berührung bis hin zum Geschlechtsverkehr zu einem erfüllten Sexualleben verhelfen. In Winterthur gibt es eine Praxis dafür.

Mit der Ersatzpartnerin sollen Nähe, Sinnlichkeit und Sexualität ohne Druck erlebt werden.

Mit der Ersatzpartnerin sollen Nähe, Sinnlichkeit und Sexualität ohne Druck erlebt werden. Bild: Shotshop

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Tobias (29) ist ein gebildeter und erfolgreicher Karrieremann. Er schöpft aus dem Vollen – im Beruf. Privat leider nicht: Seit er sich Anfang zwanzig von seiner Teenagerliebe trennte, hat er keine Paarbeziehung mehr geführt. Mit den Jahren ist er immer unsicherer geworden im Kontakt mit Frauen, auch in der Sexualität.Die Lösung für Tobias könnte in der Surrogat-Therapie stecken: Wer jahrelang ohne Partner lebt, generell den Kontakt mit Menschen scheut oder sich sexuell schwertut, kann sich an einen Surrogat-Therapeuten, auf Deutsch «Ersatzpartner», wenden. Dort lernt man, zu berühren und berührt zu werden, manchmal kommt es sogar zum Geschlechtsverkehr. Wegen dieser problematischen Ausgangslage ist die Therapie umstritten und in manchen Ländern gar verboten (siehe Kasten).

Schweizweit erste Praxis

Wer eine Surrogat-Therapie machen will, muss gewisse Voraussetzungen erfüllen: «Der Klient muss bereit sein, Zeit und Geld zu investieren. Und etwas in seinem Leben zu verändern», sagt die körperorientierte Sexualtherapeutin LuciAnna Braendle, die sich in Los Angeles und London zur Surrogat-Partnerin ausbilden liess. Seit 2012 bietet sie die Therapie als schweizweit Erste in ihrer Winterthurer Praxis an. «Ziel ist es, eine gesunde Beziehung und Sexualität zu leben», erklärt Braendle. Es gehe darum, Nähe, Sinnlichkeit und Sexualität ohne Druck und Wertung zu erleben.

Weil daraus schnell eine Abhängigkeit entstehen kann, sind in die Therapie stets drei Personen eingebunden: Klient, Surrogat-Partnerin und Psychotherapeut. Alle während des Prozesses auftauchenden Themen bespreche der Klient mit dem Psychotherapeuten. Der Rahmen sei genau abgesteckt: Im Normalfall treffe man die Ersatzpartnerin wöchentlich oder alle zwei Wochen für ein bis zwei Stunden in einem Therapieraum. Zuerst werde das taktile Wahrnehmen geschult und das Vertrauen durch Entspannungsübungen und Gespräche aufgebaut. Sukzessive werden diverse Körperteile berührt, erst mit Kleidern, später ohne. Es gebe klare Abmachungen, welcher Körperteil berührt werde und wie lange. Kommunikation sei ein wichtiger Bestandteil. «Man lernt, die Körperteile zu benennen und über Gefühle und Sexualität zu reden.»

Berühren ja, Küssen nein

Klienten würden sich oft verlieben, sagt Braendle. «Das gehört zum Prozess.» Wie die Trennung, wenn das Ziel der Therapie erreicht sei und es darum gehe, den Klienten in der Partnersuche zu unterstützen. Sie selber könne Liebe, Sexualität und Therapie gut unterscheiden. «Sollte ich mich verlieben, müsste ich mit dem involvierten Psychotherapeuten abwägen, ob und wie ich mit der Person weiterarbeiten kann.» Was während der Sitzung passiert, bestimme sie. Liebevolle Berührung gehöre immer dazu, Küssen indes sei tabu. Auch zum Geschlechtsverkehr sei es bislang nur selten gekommen. «Meistens waren die Probleme vorher gelöst.»

In der Schweizer Therapiewelt ist die Surrogat-Therapie weitgehend unbekannt und wenn, dann eher verpönt. «Den Psychotherapeuten ist es untersagt, ihre Patienten zu berühren und berührt zu werden», sagt Braendle. Diese Grenze werde bei der Surrogat-Therapie überschritten und setze daher eine fundierte Ausbildung voraus, in der problematische Themen wie Abhängigkeit und Übergriffe behandelt würden.

Kleiner Schritt zum Übergriff

«Der Schritt zum Übergriff ist sehr klein», sagt die Zürcher Psychotherapeutin und Sexologin Dania Schiftan. Der Therapeut müsse feinfühlig vorgehen und der Patient wissen, was ihm behage. Nur wenn dessen Wohlergehen im Zentrum stehe, sei Seriosität gewährleistet. Schiftan sieht es als Vorteil der Psychotherapie, dass sich die Patienten auf sich selber konzentrieren müssten, indem sie «Hausaufgaben» bekämen. «Während der Sitzung erkläre ich sehr explizit, welche Körperteile sie berühren sollen.» Allerdings könne sie nicht kontrollieren, ob die Patienten die Übungen richtig machen. Ab und zu sei deshalb eine Surrogat-Therapie mit direkter Berührung durchaus angebracht. Aber man könne nicht pauschalisieren: «Für Frauen und Männer, die viel an sich arbeiten, aber ohne Gegenüber nicht weiterkommen, finde ich die Therapie passend.»

Erstellt: 13.01.2017, 15:47 Uhr

Therapie teilweise verboten

Die Surrogat-Therapie wurde in den 1970er-Jahren vom amerikanischen Therapeutenpaar Masters und Johnson ausgearbeitet und erstmals angewandt. Sie ist in den USA heute umstritten. In Deutschland wurde die Therapie in den 1970er-Jahren durch den Münchner Sexualwissenschaftler Götz Kockott bekannt gemacht, etablierte sich jedoch wegen der Angst vor Aids nicht. Heute ist die aktive Surrogat-Partnerschaft in Deutschland für Ärzte, Psychotherapeuten und Pfleger strafbar. In der Schweiz ist die Therapie nicht verboten und auch nicht geschützt. Sie kann daher von jeder Person angeboten werden.

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