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Marketing in eigener Sache

Der Bewerbungsprozess ist eine Wissenschaft für sich. Wer nicht mehr geübt ist in der Disziplin, sollte sich gut vorbereiten. Eine Fachfrau mit Erfahrungen auf beiden Seiten erläutert Dos and Don‘ts.

Mail und  Bewerbungsdossier  müssen sorgältig formuliert werden. Beide entscheiden darüber, ob man zu einem Gespräch eingeladen wird.

Mail und Bewerbungsdossier müssen sorgältig formuliert werden. Beide entscheiden darüber, ob man zu einem Gespräch eingeladen wird. Bild: shotshop

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Wenn man schon lange keine Stelle mehr suchen musste, kann der Bewerbungsprozess als grosse Hürde erscheinen. Wie geht man am besten vor?
Katrin Juntke*: Tatsächlich ist es wichtig, sich zuerst einmal eingehend mit den aktuellen Gepflogenheiten zu befassen. Der erste Schritt ist, die Unterlagen zusammenzustellen und in aktueller Form zu präsentieren (siehe Box).

Auf eine attraktive Stelle bewerben sich schnell einmal bis zu 100 Personen. Worauf achten Sie bei der Erstauswahl, wenn Sie bei Firmen als Personal-Recruiterin tätig sind?
Beim ersten Screening schauen erfahrene Fachleute vor allem auf den Lebenslauf. Es muss auf einen Blick ersichtlich sein, was der Bewerber für Qualifikationen mitbringt. Erst wenn er von den Erfahrungen her infrage kommt, prüfen wir das Motivationsschreiben. Wichtig ist, dass es für jede Stelle individuell verfasst wird. Dafür muss man über die Firma recherchieren und auf die im Stelleninserat formulierten Anforderungen eingehen. Standardisierte Schreiben oder solche mit falscher Anschrift und Datum sind ein No-Go.

Das versteht sich ja wohl von selbst.
Müsste man meinen – aber es ist immer wieder erstaunlich, was für Bewerbungen eintreffen: Schreibfehler, wenig aussagekräftige Lebensläufe, fehlende Arbeitszeugnisse und Arbeitsproben – zum Beispiel bei Fotografen – oder Fotos mit unpassender Kleidung.

Apropos Foto: Braucht es das unbedingt? Was, wenn ich nicht besonders fotogen bin?
Wenn ein vollständiges Dossier verlangt wird, gehört ein Foto zwingend dazu. Es muss professionell gemacht werden. Das heisst: Kein Ferienfoto, nicht zu viel Haut zeigen.

Schreibfehler kann man vermeiden, indem man sich das Dossier von einem professionellen Berater zusammenstellen lässt.
Das kann sinnvoll sein. Ebenso wichtig ist aber, dass man allfällige Mails sorgfältig formuliert. Darauf achte ich als Recruiterin besonders, weil ich weiss, dass viele Dossiers mit Unterstützung zustande kommen. Im E-Mail zeigt sich, wie sprachgewandt ein Kandidat kommuniziert.

Wie geht man am besten mit heiklen Themen um? Zum Beispiel mit einer Lücke im Lebenslauf aufgrund einer psychischen Krankheit?
Wenn es sich um eine längere Phase handelt, braucht es häufig ein Integrationsprogramm, um wieder belastbar zu werden und in den Arbeitsprozess zurückzufinden. Im Gespräch mit Bewerbenden, die persönliche Probleme mit sich bringen, möchte ich hören, wie sie ihre Erlebnisse verarbeitet und was sie daraus gelernt haben. Zum Beispiel bei Personen, welche die letzte Stelle wegen Mobbing oder Burnout aufgegeben haben. Wenn ich den Eindruck erhalte, dass die belastende Situation abgeschlossen ist und gut bewältigt wurde, ist für mich eine Anstellung nicht ausgeschlossen.

Soll man sich auch bewerben, wenn man nicht alle Anforderungen für eine Stelle erfüllt?
Dem Hauptanteil der Aufgaben sollte man entsprechen können. Sonst ist eine Bewerbung aussichtslos. Kann man sich die fehlenden Qualifikationen aber mit einem Kurs aneignen, sollte man es probieren. So zum Beispiel, wenn es sich um Kenntnisse eines spezifischen Computerprogramms handelt, welche nur sporadisch gebraucht werden. Im Motivationsschreiben erwähnt man die Lücke besser nicht, doch wenn man vorgeladen wird, muss man offen sein und den Willen zum Lernen hervorheben.

Ist es empfehlenswert, sich mit einem unkonventionellen Bewerbungsdossier von den anderen abzuheben? Zum Beispiel mit Farben, Bildern und einem kreativen Brief?
Das kommt ganz auf die Branche an. In einem gestalterischen ­Umfeld kann so etwas ein Tür­öffner sein, bei einer Bank rate ich entschieden davon ab. Wichtig ist zudem, dass die Unterlagen zur betreffenden Person passen. Wenn ich ein aussergewöhn­liches Dossier verschicke, beim Interview aber konservativ und wenig offen wirke, kommt das ­komisch rüber. Authentizität geht im gesamten Bewerbungsprozess über alles.

Wie erhöhe ich meine Chancen, sollte ich tatsächlich zu einem Gespräch eingeladen werden?
Bereits bei der Terminvereinbarung kann einiges schief laufen. Man muss gut erreichbar sein und für das Gespräch einen ruhigen Ort wählen. Man sollte sich nicht schon zu Beginn allzu mitteilsam zeigen – etwa erwähnen, wieso man zu einem vorgeschlagenen Datum nicht verfügbar ist. Seien Sie bereits hier professionell. Bereiten Sie sich gut auf das Interview vor. Informieren Sie sich über die Webseite des Unternehmens und schreiben Sie Fragen auf. Dann selbstverständlich: Pünktlich zum Termin erscheinen –fünf Minuten zu früh, aber nicht eine halbe Stunde. Einen festen Händedruck erwidern und dem Gesprächspartner in die Augen schauen.

Nicht alle Unternehmen verfügen über professionelle Recruiter. Wie geht man damit um, wenn der Gesprächspartner zum Beispiel sehr gesprächig ist und dem Bewerbenden kaum Raum lässt?
Man sollte sich trotzdem trauen, die wichtigen Fragen zu stellen. Und auch darauf bestehen, dass man das Team kennen lernt, mit dem man täglich arbeiten wird. Dafür ist eine Schnuppersequenz geeignet. Nur so spürt man die Stimmung und Atmosphäre.

Wie kann man mit Nervosität umgehen?
Ein Bewerbungsgespräch ist wie eine Prüfung. Wer Angst davor hat, kann die Situation in Rollenspielen mit einem Coach trainieren. Ich gebe meinen Ratsuchenden Tipps wie zum Beispiel: Beruhigende Musik hören vor dem Termin, einen Talisman wie etwa einen Stein in den Sack nehmen, an dem man sich festhalten kann, oder ein Foto dabei haben, das einem Sicherheit vermittelt.

Wer schon lange auf Stellensuche ist, wirkt unter Umständen bedürftig und wenig selbstbewusst. Wie vermeidet man, dass man eine Verlierer-Haltung ausstrahlt?
Man sollte trotzdem signalisieren, dass man klare Vorstellungen hat und nicht unter allen Bedingungen zu haben ist. Wer sich gut informiert hat über die Stelle und die Firma, kann gezielte Fragen stellen und wirkt kompetent. Man muss sich seiner Qualitäten stets bewusst sein. Das gilt vor allem für ältere Stellensuchende. Sie bringen viel Fachwissen und Sozialkompetenz mit, vermögen dies aber oft zu wenig herauszustreichen.

Was für spezielle Aspekte sollten ältere Stellensuchende sonst noch beachten?
Wer sich schon lange nicht mehr beworben hat, sollte sich besonders intensiv um einen kompetenten Auftritt bemühen. Eine Beratung verbessert die Chancen deutlich. Mir ist es ein Anliegen, älteren Menschen ihren Wert im Arbeitsmarkt zu vermitteln. Ich kenne viele, die auch mit über 55 Jahren nochmals eine passende Stelle gefunden haben.

Erstellt: 24.05.2017, 18:49 Uhr

Tipps

Ein Makelloeses Dossier

Ein Bewerbungsdossier zusammenzustellen, bedeutet einen gewissen Aufwand. Es ist wichtig, hier die nötige Sorgfalt walten zu lassen. Denn die schriftlichen Unterlagen sind der Türöffner zu einem allfälligen Vorstellungsgespräch. Heutzutage werden Bewerbungen meistens elektronisch verlangt. Viele grössere Unternehmen verfügen über eine elektronische Bewerbungsplattform, auf der man sämtliche Unterlagen hochladen muss. Professionell wirken PDF-Formate. Ist die Anzahl begrenzt, kombiniert man Motivationsschreiben mit Lebenslauf und sammelt die Arbeistzeugnisse und Diplome in einem einzigen Dokument.

Motivationsschreiben: Hier sollte zum Ausdruck kommen, was Sie besonders reizt an der Stelle, wieso Sie gerade in diesem Unternehmen arbeiten möchten und was Sie speziell für die Tätigkeit qualifiziert. Das Schreiben muss individuell auf die ausgeschriebene Stelle zugeschnitten sein. Dies erfordert, dass man sich über das Unternehmen informiert.

Lebenslauf: Nach den Personalien sollte man kurz seine Kernkompetenzen herausheben, bevor man zur ausführlichen Beschreibung der beruflichen Erfahrungen übergeht. Eine vollständige Auflistung der bisherigen Stellen von Abschluss der Ausbildung bis zum heutigen Zeitpunkt ist zu empfehlen. Lücken in der Berufstätigkeit dürfen sein, sollten aber beschrieben werden (Mutterschaft, Auslandreise, Sabbatical/Auszeit…) Besondere Kenntnisse (Z.B. Sprachen), Weiterbildungen, Schulbildung und Hobbys folgen am Schluss.

Diplome und Arbeitszeugnisse:
Möglichst vollständig beilegen.

Arbeitsproben: Bei kreativen Berufen wie etwa Fotografen oder Journalisten ist ein Dossier mit Arbeitsproben unverzichtbar. Diesen Zweck kann auch der Hinweis auf eine gut gestaltete Webseite erfüllen. asö

Konkrete Anleitungen sowie Vorlagen finden Sie zum Beispiel unter www.jobscout24.ch oder www.jobs.ch/de/job-coach/

Zur Person

Coaching für Führungspersonen

Katrin Juntke (53) bietet persönliche Beratung für Stellensuchende sowie Unterstützung bei Laufbahnplanung an. Zudem coacht sie Personen in Leitungsfunktionen und übernimmt Mandate von Firmen für die Rekrutierung neuer Mitarbeitender. Ihr Unternehmen namens Katrin Juntke Zukunftsmanagement ist in Brütten ansässig.asö

www.katrinjuntke.ch

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