Leihmutterschaft

Wie zwei Papis zu ihrem Baby kamen

Der kleine Lorenzo hat gleich zwei Väter. Das Baby wurde in den USA von einer Leihmutter ausgetragen und lebt jetzt mit seinen schwulen Eltern in Zürich. Die Leihmutter ist inzwischen zu einer Freundin geworden.

Wenn zwei Männer zusammen ein Baby haben wollen, sind sie auf Hilfe angewiesen. In der Schweiz ist die Leihmutterschaft verboten, in den USA ist sie erlaubt. (Symbolbild)

Wenn zwei Männer zusammen ein Baby haben wollen, sind sie auf Hilfe angewiesen. In der Schweiz ist die Leihmutterschaft verboten, in den USA ist sie erlaubt. (Symbolbild) Bild: Keystone

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Es war eine filmreife Szene: Die werdenden Väter Fernando und Thomas* rasten mit einem Taxi durch die winterliche Landschaft von Minnesota, USA, in der Hoffnung, bei der Geburt ihres Sohnes dabei zu sein. Die beiden waren seit zwei Tagen ununterbrochen wach. Seit sie erfahren hatten, dass die Wehen drei Wochen zu früh eingesetzt hatten, waren sie unterwegs. Der Taxifahrer gab Gas – doch es reichte nicht: 45 Minuten nach der Geburt erreichten die Männer das Spital.

«He’s all yours!», sagte die Frau, die gerade ein Baby auf die Welt gebracht hatte, das nicht ihres ist, mit einem Augenzwinkern. Und übergab das Bündel seinen Vätern.Papi Fernando und Papi Thomas waren überglücklich. Sie bezogen ein Zimmer auf der Wochenbettstation der Geburtsklinik, schöppelten, badeten, hegten und pflegten das Neugeborene. Und sie lernten es kennen, ihr Kind. Ihr Wunschkind. Ihren Lorenzo.

Die Betreuung aufgeteilt

Dass Fernando und Thomas ein Baby haben, ist nicht selbstverständlich. Auf natürlichem Weg kann das schwule Paar keine Kinder bekommen. Und auch das Schweizer Gesetz stellt sich einer doppelten Vaterschaft in die Quere: Die Leihmutterschaft ist verboten und Homosexuelle sind von der Adoption ausgeschlossen (siehe Kasten). Deshalb wurde der heute drei Monate alte Lorenzo in den USA gezeugt und von einer Leihmutter ausgetragen.

Fernando und Thomas sitzen am Küchentisch ihrer Wohnung in Zürich und erzählen offen von ihrem langen Weg zum Kind. Die beiden Väter verstecken ihr Familiendasein als schwules Paar mit Kind nicht.

Vor Lorenzos Geburt besuchten sie zusammen mit hochschwangeren Frauen und deren Partnern einen Säuglingspflegekurs und zurzeit gehen sie in einen von der Mütter- und Väterberaterin angebotenen Babymassagekurs im Quartier. Die Betreuung des Kleinen teilen sie sich auf: Thomas arbeitet 40 Prozent als Psychologe, Fernando 50 Prozent als Verkäufer.

Leihmutter auswählen

Fernando und Thomas hatten schon immer den Wunsch, eines Tages Kinder zu haben. Ihr Coming-out änderte nichts daran. Nach fünf Jahren Beziehung begannen sie, sich über die Möglichkeiten zu informieren, als schwules Paar ein Kind zu bekommen. Ein Bundesgerichtsurteil von 2015 kam ihnen entgegen: Seither muss ein im Ausland von einer Leihmutter ausgetragenes Kind unter gewissen Bedingungen in der Schweiz anerkannt werden (siehe Kasten).

Die beiden Männer nahmen Kontakt mit einer amerikanischen Leihmutterorganisation auf. Bis Thomas und Fernando auf Platz 1 der Warteliste standen, verging ein Jahr. Dann bekamen sie das Profil der nächsten verfügbaren Leihmutter zugeschickt: eine Selbstbeschreibung, Angaben zu Alter, Herkunft, Krankheiten, Job, Krankenkasse etc. Und ein Foto.

Fernando und Thomas wollten eine Frau, die sympathisch und gesund ist, die eine Krankenversicherung hat – und die bereit war, Zwillinge auszutragen. Denn die beiden Männer wollten zwei Kinder aufs Mal, von jedem Vater eins. Die dritte verfügbare Leihmutter passte. Sie hatte bereits einem anderen schwulen Paar zu einem Kind verholfen.

Eizellenspenderin auswählen

Als Nächstes musste die Eizellenspenderin ausgewählt werden. Um einer zu starken Bindung der Leihmutter mit dem Kind vorzubeugen, findet die Befruchtung immer mit fremden Eizellen statt. Das Kind, das die Leihmutter austrägt, ist also nicht ihr leibliches Kind.

Schon wieder mussten Thomas und Fernando vor dem Computer eine folgenschwere Entscheidung treffen. Die Profile von 200 Frauen standen zur Auswahl. Damit das Kind optisch zu seinen Vätern passte, wählten sie als biologische Mutter ihres Kindes eine Frau mit südamerikanischem und europäischem Blut – wie der Kubaner Fernando und der Schweizer Thomas.

Schliesslich flog das Paar in die USA. Dort trafen sie zum ersten Mal die Leihmutter. «Wir waren alle unglaublich nervös», erzählt Thomas. «Aber wir waren erleichtert: Cathleen war uns sofort sympathisch.»

Tests für die Mütter

Warum ist eine Frau bereit, ein fremdes Kind auszutragen und im Falle von Cathleen sogar natürlich zu gebären? Thomas und Fernando ist klar, dass die Finanzen eine Rolle spielten. 150 000 Franken haben sie für den ganzen Prozess ausgegeben, davon erhielt die Leihmutter 28 000 Franken plus Krankenkassenprämien und Spesen. «Doch das ist zu wenig, um es nur wegen des Geldes zu machen», sagt Thomas.

Die amerikanische Leihmutterorganisation nehme keine armen Frauen ohne Job in die Kartei auf, die auf das Geld angewiesen sind. Die Frauen müssten zudem nicht nur gesundheitliche, sondern auch psychologische Tests bestehen. «Wenn ich etwas gut kann, dann ist es schwanger sein und Kinder gebären», habe Cathleen gesagt. Nach vier eigenen Kindern hat sie sich sterilisieren lassen und verhilft nun Paaren zu einem Kind, die auf natürlichem Weg keines bekommen können.

Am nächsten Tag mussten die beiden Väter in spe in der Klinik ihre Spermien abgeben. 18 Eizellen der Spenderin wurden befruchtet. Nach fünf Tagen setzten die Ärzte der Leihmutter zwei der Embryonen ein, die sich entwickelt hatten: einen von Thomas, einen von Fernando.

Neun Monate warten

Die Männer waren auf der Rückreise in die Schweiz, als sie die frohe Nachricht erreichte: Cathleen war schwanger! Doch ein paar Wochen später kam die Ernüchterung: Nur einer der beiden Embryonen hatte sich eingenistet, es waren also keine Zwillinge unterwegs. «Das war schwierig», sagt Thomas. «Das war der Horror», sagt Fernando. Sie mussten sich mit der Situation abfinden. Und freuten sich fortan auf ihren Sohn.

Knapp neun Monate lang ­waren die Väter in der Schweiz, während ihr Kind in Amerika heranwuchs. Sie standen zwar in Kontakt mit der Leihmutter und wurden über alle ärztlichen Untersuchungen informiert, doch die Schwangerschaft nur aus der Distanz mitzuerleben, war schwierig für das Paar. «Ich machte mir die ganze Zeit Sorgen», gibt Thomas zu.

Tränenreicher Abschied

Nach der Geburt blieb die Leihmutter nur einen Tag im Spital – und fünf Tage später ging sie bereits wieder zur Arbeit. Sie traf sich in den nächsten Wochen oft mit den frischgebackenen Vätern und dem Neugeborenen. Thomas und Fernando lernten nicht nur Cathleens Kinder, sondern auch ihre Eltern und Freunde kennen. Fünf Wochen lang blieben die Väter mit ihrem Sohn in den USA. «Beim Abschied weinten alle – ausser Baby Lorenzo», erzählt Fernando schmunzelnd.

Die Leihmutter ist inzwischen zu einer Freundin geworden. ­Lorenzo gegenüber nennt siesich Auntie Cathleen, Tante Cathleen. Die Väter halten sie ­regelmässig per Video-Chat auf dem Laufenden. Nächstes Jahr möchte Cathleen mit ihrem Mann nach Europa reisen und die beiden Kinder besuchen, die sie für andere ausgetragen hat.

«Der Kontakt zu ihr ist uns sehr wichtig», betont Thomas. Dass das klappt, ist nicht selbstverständlich: Nach der Geburt hat eine Leihmutter per Vertrag keine Pflichten mehr. Und auch die Väter sind der Leihmutter nichts mehr schuldig. Während es mit der Leihmutter einen guten Kontakt gibt, bleibt die Eizellenspenderin vorerst anonym. Erst mit 18 wird Lorenzo die Möglichkeit haben, seine biologische Mutter zu kontaktieren.

DNA-Test brachte Klarheit

Drei Wochen nach der Geburt bewies ein DNA-Test, wer Lorenzos leiblicher Vater ist: Thomas. Für Fernando macht es keinen Unterschied. «Ich habe ihn von Anfang an geliebt – er ist unser Sohn.»

Während in der amerikanischen Geburtsurkunde beide Väter eingetragen sind, hat Lorenzo in der Schweiz rechtlich gesehen vorerst nur einen Vater: den biologischen. Doch sobald die Stiefkindadoption erlaubt ist, möchte Fernando auch offiziell Lorenzos Papi werden. Damit das Emotionale mit dem Rechtlichen in Übereinstimmung kommt.

Kontakt zu Frauen pflegen

Seit drei Monaten wächst der Junge nun in einem reinen Männerhaushalt auf. Wird ihm die Mutter, wird ihm das Weibliche nicht fehlen? «Jeder Mann hat auch weibliche Anteile – und jede Frau männliche», erwidert Thomas, «ich finde das Geschlecht nicht so wichtig.» Umgekehrt erlebe das Kind einer alleinerziehenden Frau zu Hause auch keinen Mann.

«Aber wir wollen auf jeden Fall, dass Lorenzo Kontakt zu Frauen hat», betont Fernando. Da sei die Grossmutter, die regelmässig vorbeischaue, die Gotte und Freundinnen. «Lorenzo hat gerne Frauen», sagt Thomas.

Der Kleine soll kein Einzelkind bleiben. Cathleen ist bereit, ein weiteres Kind für Thomas und Fernando auszutragen. Doch damit das möglich wird, müssen die beiden Väter jetzt vor allem eines tun: sparen.


* Alle Namen sind geändert.
(Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 02.06.2017, 16:23 Uhr

Rechtliche Situation

Nur Engagement als Pflegeeltern erlaubt

Die Leihmutterschaft ist in der Schweiz verboten. Doch 2015 kam es zu einem für schwule Paare wegweisenden Urteil: Das Bundesgericht entschied, dass ein so entstandenes Kind in der Schweiz anerkannt werden muss, wenn der genetische Vater seinen Hauptwohnsitz hier hat und die im Ausland lebende Leihmutter ausdrücklich auf ihre Rechte verzichtet. Der Partner des leiblichen Vaters wird allerdings nicht als Vater anerkannt.

In der Schweiz ist bereits die ­Eizellenspende verboten. Schwule, die ihr Kind von einer Leihmutter austragen lassen wollen, brauchen aber eine Frau, die Eizellen zur Verfügung stellt – denn die Leihmutter trägt nie ihr biologisches Kind aus.

Homosexuelle Paare dürfen auch keine Kinder adoptieren. Vor einem Jahr hat aber das Parlament der Stiefkindadoption zugestimmt. Tritt das Gesetz in Kraft, dürfen Schwule und Lesben, die in einer eingetragenen Partnerschaft leben, das Kind der Partnerin oder des Partners adoptieren – also auch ein Kind, das von einer Leihmutter ausgetragen wurde. Erlaubt ist Homosexuellen zudem ein Engagement als Pflegeeltern. sat

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