Atlasten

Das grosse Aufräumen im Untergrund

In Hunderten von Schweizer Höhlen rotten ­Abfälle vor sich hin. Diese ­drohen, das Trinkwasser zu verseuchen. Auf Reinigungsmission mit einem Höhlenforscher.

Säckeweise Abfall: Rostige Klappstühle, eine Badewanne und weiteren Schrott holen Höhlenforscher Rémy Wenger und seine Kollegen aus der Höhle von Baudichonne im Jura.

Säckeweise Abfall: Rostige Klappstühle, eine Badewanne und weiteren Schrott holen Höhlenforscher Rémy Wenger und seine Kollegen aus der Höhle von Baudichonne im Jura. Bild: Pierre Albouy

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Der Eingang zur Unterwelt liegt versteckt zwischen Bäumen am Waldrand. Es ist nur ein schmaler Spalt im Boden, kaum einen halben Meter breit. Langsam lässt sich Höhlenforscher Rémy Wenger am Seil hinab, bis er im Dunkel verschwindet. Einige Meter weiter unten öffnet sich der Spalt zu einer etwa fünf Meter breiten und 15 Meter langen Höhle. Die Wände aus hellem Kalkstein schimmern feucht im Licht der Stirnlampe. Als Wenger am Seil baumelnd nach unten blickt, zeigt sich ihm ein erschreckendes Bild: Leere Flaschen, verrostete Blechdosen, zerbrochene Gartenstühle, Müllsäcke mit unbekanntem Inhalt – der Boden der Höhle ist übersät mit Abfall.

Sorglose Müllentsorgung

Wenger arbeitet für das Schweizerische Institut für Speläologie und Karstforschung (Siska), das unter anderem im Auftrag von Kantonen und Gemeinden verschmutzte Höhlen reinigt. Heute ist die Gouffre de la Baudichonne an der Reihe, die im südwestlichsten Zipfel des Schweizer Juras nahe der Ortschaft La Rippe auf 1400 Metern Höhe liegt. Sie ist kein Einzelfall: Von den 9000 bekannten Höhlen in der Schweiz sind etwa 800 mit Abfällen verunreinigt. Diese stammen vor allem aus der Zeit zwischen 1950 und 1980.

«Die damalige Art der Abfallentsorgung war die reinste Katastrophe», sagt Wenger. Denn zu jener Zeit gab es noch kein Recycling und keine Entsorgungsstellen, jedoch immer mehr Zivilisationsmüll. Was nicht mehr gebraucht wurde, warf man häufig einfach ausserhalb der Ortschaften fort – in den Wald, in eine Schlucht oder eben in eine Höhle. «Ganz nach dem Prinzip: aus den Augen, aus dem Sinn», sagt Wenger.

Regen spült Schadstoffe aus

Doch was die Angelegenheit damals scheinbar aus der Welt schaffte, sorgt heute für Probleme. Denn die Abfälle enthalten zum Teil Giftstoffe wie Schwermetalle oder chlorierte Kohlenwasserstoffe. Und diese stellen jetzt – Jahrzehnte später – eine Gefahr für das Trinkwasser dar. Etwa ein Fünftel der Schweizer Haushalte wird mit Wasser aus sogenannten Karstgebieten versorgt, in denen fast alle der «Abfallhöhlen» liegen.

Zu den Karstgebieten gehört der gesamte Jura sowie eine Region, die sich von den Berner Alpen über die Innerschweiz bis zum Alpstein erstreckt. «Verschmutzungen im Karst sind besonders heikel», sagt Höhlenforscher Wenger. Denn der Untergrund aus Kalkgestein ist von einem weitverzweigten Netz an Spalten und Klüften durchzogen.

Wenn es regnet, fliesst das Wasser rasch durch diese Hohlräume ab. «Es wird praktisch nicht vom Boden gefiltert», sagt Wenger. Schadstoffe, die der Regen aus in ­Höhlen liegenden Abfällen löst, ­können so ungehindert bis ins Grund- oder Quellwasser gelangen. Damit dieses als Trinkwasser sicher ist, muss es daher ständig kontrolliert und aufbereitet werden.

Diesmal kein Sondermüll darunter

Unten in der Höhle macht sich Wenger zusammen mit einem Zivildienstleistenden an die Arbeit. Mit wasserdichten Overalls und Arbeitshandschuhen ausgerüstet, wühlen sie im Gemisch aus Erde, Blättern und Müll. Was sie zutage fördern – hauptsächlich Glasflaschen, Metallteile und Plastik –, sortieren sie nach Materialien getrennt in Jutesäcke, die ein zweiter Zivi an einem Seil nach oben zieht.

Auf den ersten Blick scheint nichts dabei zu sein, das als Sondermüll entsorgt werden müsste. In anderen Höhlen ist das oftmals anders: «Wir haben zum Beispiel schon haufenweise undichte Batterien gefunden, aus denen Blei und andere Schadstoffe austraten», sagt Wenger.

Pro Jahr reinigen er und seine Kollegen etwa ein Dutzend «Abfallhöhlen». Dabei sind die Techniken, die zum Einsatz kommen, sehr unterschiedlich: «Bei einer so kleinen Grotte wie dieser können wir alles mit Handarbeit machen», sagt Wenger. Hingegen lassen sich grosse Höhlen, in denen man zum Teil sogar Kühlschränke und Autowracks findet, nur mithilfe eines Baggers vom Schrott befreien. Auch muss kontaminiertes Erdreich entfernt und als Sondermüll entsorgt werden. Solche Aktionen können bis zu 100 000 Franken teuer sein. Die Kosten teilen sich Bund, Kantone und Gemeinden.

Es bleibt noch viel zu tun

Inzwischen ist draussen ein Gewitter aufgezogen, es regnet in Strömen. In der Höhle bleibt es zwar trocken, denn Höhlenforscher Wenger und seine Helfer haben eine Plane über dem Einstieg aufgespannt. Aber sie können hören, wie das Wasser durch den Fels rauscht. Diese Höhle ist nun fast vollständig frei von Abfall, sodass der Regen keine Schadstoffe mehr fortspülen kann.

Doch für Wenger und seine Kollegen bleibt noch viel zu tun: Zwar haben sie in den vergangenen Jahren bereits 180 Höhlen gereinigt, die meisten davon im Jura. Doch warten immer noch mehr als 600 weitere in der ganzen Schweiz darauf, ebenfalls vom Müll befreit zu werden.

(Landbote)

Erstellt: 07.09.2017, 18:50 Uhr

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