Den Knopf in der Kinderzunge lösen

Wenn ein Kind Mühe mit der Sprache hat, wirkt sich dies auf die gesamte Entwicklung aus. In der Sprachheilschule wird es optimal gefördert.

Kinder, die Mühe haben, sich sprachlich auszudrücken, ziehen sich meist zurück und bauen sich ihre eigene Welt auf.

Kinder, die Mühe haben, sich sprachlich auszudrücken, ziehen sich meist zurück und bauen sich ihre eigene Welt auf. Bild: Shotshop

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Was verbirgt sich wohl in der Holzkiste? Die Kindergärtnerin lüftet das Tuch, und Kai* darf einen Blick hineinwerfen. «E Ema», freut sich der Vierjährige. Was hat der Kleine gesagt? Kurz dar­auf kommt das Stofftier aus seinem Versteck hervor: Es ist ­Elmar, der farbige Elefant aus dem bekannten Kinderbuch. Doch seinen Namen auszusprechen, fällt Kai schwer. Wegen seiner Spracherwerbsstörung geht er nicht in den gewöhnlichen Kindergarten, sondern in jenen der Sprachheilschule Winterthur im Altstadtschulhaus.

Wenn ein Kind Mühe hat, Sprache zu verstehen und sich selber mündlich auszudrücken, wirkt sich das auf die gesamte Entwicklung aus. Betroffene reagieren meist mit Rückzug oder Frus­tration. «Es macht die Kinder ­wütend, wenn sie nicht sagen können, was sie wollen und empfinden», sagt Schulleiterin ­Mo­nika Grob. «Sie bauen sich ihre eigene Welt.» Viele Eltern ent­wickeln zwar ein Gespür dafür, was ihr Kind meint, auch wenn es sich nur rudimentär mitteilen kann – wenn es zum Beispiel nur Vokale formuliert. Andere Kinder hingegen reagieren meist weni­ger verständnisvoll. Sie schlies­sen das Kamerädli von Rollenspielen aus, womit ihm wiederum eine wichtige Lernmöglichkeit für Sprache und ­soziale Kompetenzen entgeht. Eine ungünstige Abwärtsspirale.

Normal intelligent

In der Sprachheilschule dagegen sind die betroffenen Kinder unter ihresgleichen. Bevor der Entscheid für eine Einteilung fällt, werden umfangreiche logopädische und schulpsychologische Abklärungen durchgeführt. So wird ausgeschlossen, dass die Spracherwerbsstörung hauptsächlich mit einer Hörschwäche, einer verminderten Intelligenz oder psychischen Problemen zu tun hat.

Eine erste Massnahme sind stets Logopädiestunden – entweder bereits im Vorschulalter oder in der Regelschule. Schliesslich gilt in der Volksschule seit gut zehn Jahren der Grundsatz: Integration vor Separation. Doch es trotz intensiver Förderung nicht gelingt, dass ein Kind dem normalen Unterricht folgen kann, ist es in einer Sprachheilschule besser aufgehoben. Meist verweilen die Kinder während zwei bis drei Jahren hier. «Ziel ist stets die Reintegration in die Regel­schule», sagt Mo­nika Grob. Häufig sei dafür aber eine sogenannte ISR-Lösung erforderlich (Integrierte Sonderschulung in der Regelklasse): Das Kind hat einen Sonderschulstatus und deshalb Anspruch auf eine definierte Anzahl Lektionen an Therapien und gezielter Fördermassnahmen.

Offene Fragen stellen

In die Kindergartenklasse in der Sprachheilschule Winterthur gehen nur Knaben – die Buben sind allgemein in der Überzahl in der Sprachheilschule. Unterdessen steht das Erlernen der Wochentage auf dem Programm. «Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag …», singen die Knirpse lebhaft mit. «Was für einen Tag haben wir heute?», fragt die Kindergärtnerin «Miggog», antwortet Tim. «Gut, Tim. Heute ist Mittwoch», lobt die Kindergärtnerin ihn. Sie verbessert den Jungen nicht, wiederholt die Antwort jedoch in Form eines vollstän­digen Satzes und mit korrekter Aussprache.

Zudem spricht sie auffallend langsam und artikuliert sehr deutlich. Indem sie offene Fragen stellt, bringt sie die Kinder dazu, selber Wörter zu formulieren, statt einfach mit einem Nicken zu antworten. Zudem halten sich die Lehrpersonen der Sprachheilschule – allesamt Schulische Heilpädagogen – an einen einfachen Wortschatz sowie an einfache Satzstrukturen: vorwiegend Hauptsätze ohne Nebensätze.

Schwierigkeiten mit Nuancen

Schwierigkeiten haben Kin­der mit Spracherwerbsstörungen ­zudem mit Oberbegriffen und Bedeu­tungsnuancen. Dass ein Fahrzeug sowohl ein Velo, als auch ein Auto, ein Lastwagen oder ein Motorrad sein kann, ist für sie zum Beispiel verwirrend. Gar nicht zurechtkommen sie mit Metaphern. So wird den meisten zum Beispiel die übertragene Bedeutung der Wendung «durch eine rosa Brille schauen» verborgen bleiben.

Neben dem Unterricht in Kleinklassen à zwölf Kindern ­gehen sämtliche Schüler und Schülerinnen rund zweimal pro Woche in die Logopädie, viele zudem in die Psychomotorik-Therapie. Sie bleiben auch über Mittag in der Schule. Das gemein­same Mittag­essen biete wert­volle Gelegenheiten, das Sprechen und Verstehen in einer alltäglichen Situation zu üben, sagt Mo­nika Grob. Das Einzugsgebiet der Sprachheilschule Winterthur ­erstreckt sich über den gesamten nördlichen Kantonsteil.

Eltern als wichtige Partner

Von Montag bis Donnerstag ­werden die meisten Kinder von einem Schulbus oder Taxi gebracht und geholt. Freitags werden sie dann von den Eltern abgeholt. So können die Lehrpersonen den Kontakt zu den Eltern pflegen. «Die Zusammenarbeit mit den Eltern ist sehr wichtig, damit Fortschritte möglich sind», erklärt Grob. Kooperationsbereitschaft sei deshalb ein Aufnahmekriterium. Ausserdem gehen die Therapeutinnen auf die Fragen der Eltern ein und ermutigen sie, mit ihren Kindern Bücher anzu­schauen und sie dabei erzählen zu lassen. «Das schönste Erlebnis ist es, wenn ein Kind zu seiner Sprache kommt», sagt Mo­nika Grob. Denn so könne es seine Persönlichkeit voll entfalten.

Im Kindergarten ist die Lektion im Kreis nun zu Ende. Eine halbe Stunde lang haben die Vier- bis Sechsjährigen aufmerksam zugehört, überlegt, Wörter und Sätze formuliert. Für viele ist das anstrengend. Nun dürfen sie spielen gehen. Aber erst, nachdem sie der Kindergärtnerin ­gesagt haben, was sie heute machen wollen. Linus und Alvin zieht es zum Sandkastentisch. Bojan will heute Bilderbücher anschauen. Und Luca wünscht sich: «Auto mit Jonas spielen.»


* Alle Namen der Kinder geändert. (Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 13.04.2017, 14:42 Uhr

Infobox

Sprachheilschulen

Im Kanton Zürich gibt es drei Sprachheilschulen: in Winterthur, Stäfa und Dübendorf. Sie bieten Unterricht von der Kindergartenstufe bis in die 6. Klasse an. Für Oberstufenschüler stehen Sprachheilschulen in St. Gallen oder anderen Kantonen zur Verfügung. Insgesamt gibt es im Kanton Zürich rund 200 Plätze. Trägerin ist die Stiftung Sprachheilschulen im Kanton Zürich, welche bereits 1865 unter dem Namen «Kommission für Versorgung verwahrloster Kinder» gegründet wurde.
www.sprachheilschulen.ch

Ursachen

Verstehen und Sprechen – eine komplexe Leistung

Wissenschaftler gehen davon aus, dass diverse Ursachen zusammenspielen, wenn ein Kind mehr Schwierigkeiten beim Erlernen der Sprache hat als andere. So können zum Beispiel genetische Veranlagungen, Umwelteinflüsse oder stoffwechselbedingte Mangelzustände einen Einfluss auf die Hirnreifung haben – und somit auf die Fähigkeit, Sprache zu verarbeiten und selber zu produzieren.

Gemäss dem Zürcher Neuropsychologie-Professor Hennric Jokeit kommt es dabei auf den Zeitpunkt der beeinträchtigenden Faktoren an. So könne etwa eine Gehirnentzündung in Zusammenhang mit einer Masern-Erkrankung im dritten Lebensjahr den Spracherwerb unterbrechen und ein Kind verstummen lassen, schreibt Jokeit in einem Fachartikel. Dasselbe Ereignis wirke sich hingegen im ­Alter von acht Jahren weniger dramatisch aus, da die Sprache bereits fest im Gehirn des Kindes verankert sei.

Sprache ist weit mehr als ein Kommunikationsmittel. Sie ist eng verwoben mit unserem Denken, Fühlen und Handeln. So lösen zum Beispiel Wörter wie Mord, Terror oder Folter im Gehirn eine kleine Alarmreaktion aus. Blutdruck und Puls steigen messbar, wir schütten Adrenalin aus. Die vielschichtige Bedeutung von Sprache wird uns erst anhand von Störungen durch Unfälle, Krankheit oder einer beeinträchtigten Entwicklung bei Kindern bewusst.

Es gibt diverse Ausprägungen von Spracherwerbsstörungen. Oft geht diese auch mit Dyslexie (Leseschwäche) sowie Defiziten bei der Verarbeitung von visuellen und akustischen Signalen ­einher oder der Fähigkeit, zwischenmenschliche Ausdrucksformen wie Gestik und Mimik zu interpretieren.

Meist äussert sich eine Spracherwerbsstörung bereits im Vorschulalter. Das Kind spricht gar nicht oder nur wenig und weist einen dem Alter entsprechend kleinen Wortschatz aus. Knaben sind etwa doppelt so häufig betroffen wie Mädchen. Mit geeigneter Förderung gelingt es meist, die Schwierigkeiten so weit zu beheben, dass eine gesellschaftliche Integration möglich ist. Betroffene ergreifen aber meist keine Berufe, in denen ausgeprägte kommunikative Kompetenzen erforderlich sind. Statt Journalist oder Lehrerin werden sie typischerweise Schreiner oder Elektriker.

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