Die Mama soll auch mal «Nein» sagen

Die Schule und das Leben im Allgemeinen verlangen den Kindern viel ab. Kein Wunder, dass die Mütter helfen wollen. Doch wenn sie nicht in die Erschöpfungsfalle tappen wollen, müssen sie Verantwortung abgeben. Auch dem Kind zuliebe.

Helfen ist gut – doch die Mutter sollte nicht alle Schwierigkeiten aus dem Weg räumen. Die Verantwortung zum Beispiel fürs Lernen bleibt beim Kind.

Helfen ist gut – doch die Mutter sollte nicht alle Schwierigkeiten aus dem Weg räumen. Die Verantwortung zum Beispiel fürs Lernen bleibt beim Kind. Bild: Shotshop

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Es gibt Mütter, die können ohne Schlaftablette nicht einschlafen, wenn ihr Kind am nächsten Tag eine Prüfung hat. Oder sie brechen zusammen, wenn ihr Kind eine Prüfung nicht besteht. Es sind krasse Fälle einer fehlenden emotionalen Distanz zwischen Mutter und Kind, von denen Yvonne Weber Häner aus ihrem Berufsalltag als Familienberaterin erzählt. Doch manche Mutter kennt Situationen wie diese: Die Tochter hat die Schullager-Anmeldung zu Hause vergessen, also trägt man diese nach. Oder man fährt den Sohn mit dem Auto ins Training, weil er sonst zu spät käme. Oder man sagt «wir müssen noch Franz-Wörtli lernen», obwohl der eigene Französisch-Unterricht zwanzig Jahre zurück liegt.

«Sehr viele Mütter lassen alles stehen und liegen, um einem Familienmitglied zu helfen», sagt Yvonne Weber Häner. Die Psychologin und Pädagogin aus Flurlingen hält an Elternbildungsveranstaltungen Vorträge zum Thema «Und immer bin ich mittendrin – Mütter zwischen Nähe und Distanz». Stets vor vollem Saal. Denn: «Die Mütter fühlen sich oft für das Seelenheil der ganzen Familie verantwortlich und machen für ihre Lieben alles möglich, indem sie ihnen viele Aufgaben abnehmen», erklärt Yvonne Weber Häner. «Erwerbstätige Frauen erstaunlicherweise häufig noch stärker als Hausfrauen!» Viele verlieren ihre eigenen Bedürfnisse aus den Augen und fühlen sich irgendwann ausgebrannt. «Es ist streng, immer die Tätschmeisterin der Familie zu sein.»

Väter sind weniger gefährdet

Und was ist mit den Vätern? «Früher hiess mein Vortrag neutral ‹Mein Leben/dein Leben›», erzählt die Psychologin. «Aber schon damals kamen nur Mütter.» Es sei sicher so, dass jene Person, die zeitlich mehr präsent sei in der Familie, eher Gefahr laufe, sich nicht mehr abgrenzen zu können. «Doch ich erlebe, dass Männer generell weniger anfällig sind dafür, zur alles ausgleichenden Pufferstelle zu werden – auch wenn sie viel zu Hause sind.»

Für das Kind ist es bequem, wenn die Mutter stets Schwierigkeiten aus dem Weg räumt. Aber langfristig ist das nicht nur für die Mutter, sondern auch für das Kind ungesund. «Das Kind hat ein Recht auf negative Erfahrungen», betont Weber Häner. Kinder müssten den Umgang mit dem Scheitern lernen, sonst werde die Frustrationstoleranz zu wenig trainiert. «Kommt das Kind zu spät in die Schule, weil es getrödelt hat, kann es an den Konsequenzen auch wachsen.»

Das Eingreifen wird zum Automatismus

Natürlich müssen Eltern ihre Kinder unterstützen. Ein Kindergartenkind ist darauf angewiesen, dass ihm jemand sagt, wann es das Haus verlassen muss, um rechtzeitig im Kindergarten zu sein. «Doch in vielen Familien wird das dauernde Eingreifen der Mutter zu einem Automatismus. Die Mütter helfen zu lang und zu viel. Einerseits merken sie nicht, dass das Kind für eine Sache schon selbst Verantwortung übernehmen könnte, andererseits möchten sie das Kind vor den Konsequenzen seiner Fehler schützen.»

Der Begriff «Helikoptermutter» macht die Runde. Warum halten die Mütter die Zügel heute fester in den Händen als früher? Yvonne Weber Häner ortet einen Grund dafür im Optimierungsdruck in unserer Gesellschaft. Die Angst, das eigene Kind werde nicht optimal erzogen, betreut und gefördert und könne später seinen Traumberuf nicht erlernen, sei weit verbreitet. Bevor der Jugendliche kurz vor der Lehrstellensuche erneut eine schlechte Note schreibt, übernimmt die Mutter die Verantwortung fürs Lernen. «Viele Mütter machen den sozialen und schulischen Erfolg ihres Kindes zum Massstab ihrer Erziehungsarbeit, nach dem Motto ‹ist das Kind beliebt, erfolgreich und zufrieden, habe ich es richtig gemacht.›»

Gelassenheit ist gefragt

Dazu komme der Druck der Schule. «Die Anforderungen der Schule an Selbstorganisation und selbstständiger Arbeitseinteilung sind heute sehr hoch», findet Weber Häner. «Oft wird zu früh zu viel an Selbstkompetenzen verlangt – viele Kinder sind überfordert». Da seien die Eltern tatsächlich als Unterstützer gefragt. Doch sobald das Kind reif genug ist, sollte der Ball dem Kind zugespielt werden, rät die Expertin.

Und: Statt im Hintergrund still die Fäden zu ziehen, dürften die Eltern auch ruhig zur Lehrperson gehen und sagen, dass die Anforderungen für das eigene Kind zu hoch sind. Kinder werden irgendwann ihre Aufgaben selber erledigen – manche früher, andere später. Damit das möglich wird, ist aber eher Gelassenheit als umtriebige Dauerhilfe gefragt. Die Gelassenheit, dass das Kind seinen Weg machen wird.

Nächste Vorträge von Yvonne Weber Häner zum Thema «Und immer bin ich mittendrin – Mütter zwischen Nähe und Distanz» am 16. September in Aadorf und am 21. November in Männedorf. Infos kann man anfordern unter info@familiezyt.ch. (Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 23.06.2017, 10:13 Uhr

Tipps

Die Intuition trainieren

Mütter, die das Gefühl haben, sie könnten zu stark Verantwortung für ihr Kind übernehmen, sollten als erstes beobachten, welche Muster sich in der Familie eingeschlichen haben. Welche Aufgaben übernimmt die Mutter, obwohl das Kind sie selber erledigen könnte? Es gilt, die Intuition zu trainieren und eine Balance zu finden: Was ist gut für mich, was ist gut für mein Kind? Denkt die Mutter «nicht schon wieder!» ist vermutlich der Moment gekommen, eine neue Regelung zu finden. Yvonne Weber Häner empfiehlt, dem Kind Schritt für Schritt Verantwortung zu übergeben. Indem man zum Beispiel sagt «ich denke, du kannst jetzt alleine mit dem Wecker aufwachen – wollen wir das mal eine Woche lang ausprobieren?»

Klappt es noch nicht, sollte man aber auch bereit sein, die Aufgabe wieder zu übernehmen. Wie selbständig ein Kind in einem gewissen Alter ist, ist sehr individuell. Hat das Kind eine Herausforderung gemeistert, darf und soll man es loben!

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