Muttertag

Die Professorin hat eine Karriere – und eine Familie

Gunhild Godenzi arbeitet als Professorin mehr als hundert Prozent – und hat zwei Kinder im Vorschulalter. Eine Frau könne heute beides haben, Kinder und Karriere, findet sie. Wenn sie den richtigen Mann hat.

<b>Prof. Dr. iur. Gunhild Godenzi in ihrem Büro.</b> Hier steht auch ein Sofa, auf dem sie übernachten könnte, sollte es einmal sehr spät werden.

Prof. Dr. iur. Gunhild Godenzi in ihrem Büro. Hier steht auch ein Sofa, auf dem sie übernachten könnte, sollte es einmal sehr spät werden. Bild: Madeleine Schoder

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Gunhild Godenzi ist Strafrechtsprofessorin an der Universität Zürich und Mutter eines 5-jährigen Sohnes und einer bald 7-jährigen Tochter. Ist das im Jahr 2017 noch etwas Besonderes? Prof. Dr. iur. Gunhild Godenzi winkt erst einmal ab. Die 42-Jährige ist keine, die sich als Frau benachteiligt fühlt. «Ich hatte immer die gleichen Chancen wie meine männlichen Kollegen», betont sie. Wer gute Arbeit liefere, könne aufsteigen in der Wissenschaft. Das mag zutreffen – doch während die Frauen heute 57 Prozent der Studierenden an der Universität Zürich stellen, so liegt ihr Anteil an den Professuren bei lediglich 22 Prozent (siehe Kasten).

Als Frau auf der wissenschaft­lichen Karriereleiter die oberste Sprosse zu erklimmen, ist eine Sache. Aber auch noch Mutter kleiner Kinder zu sein, eine andere. Voraussetzung dafür, dass das klappt, ist für Gunhild Godenzi das Umfeld: «Will man Karriere und Familie vereinen, braucht man zu Hause Rahmenbedingungen, die eine Vollzeitarbeit ermöglichen», sagt sie. Einen Mann also, der bereit ist, für Kinder und Haushalt Verantwortung zu übernehmen. «Und das ist heutzutage offenbar noch immer etwas Besonderes.»

Mann übernimmt vieles

Ihr Mann werde jedenfalls oft nicht ganz ernst genommen, wenn er in einer Small-Talk-Runde erzähle, dass er teilzeitlich erwerbstätig ist und sich zu Hause für Kinder und Haushalt engagiert, erzählt die Professorin. Das Modell «Frau arbeitet Vollzeit, Mann Teilzeit» ist tatsächlichimmer noch wenig verbreitet: Schweizweit leben dieses lediglich 2,4 Prozent der Paare mit Kindern, wie einem kürzlich erschienenen Bericht des Bundesamtes für Statistik zu entnehmen ist.

Luca Godenzi arbeitet aufs Jahr gesehen 45 Prozent, unter dem Semester faktisch aber 80 Prozent als Ausbildner von Primarlehrern. Fix ist er unter der Woche einen Tag zu Hause. Doch auch an den anderen Tagen ist meist er da, wenn die Kinder vom Kindergarten oder von der Fremdbetreuung – Hort oder Nanny – nach Hause kommen. In der Regel kocht er das Abendessen. Und er ist fürs Sortieren der Kinderkleider zuständig, kauft neue Schuhe für die Kinder, bezahlt gemeinsame Rechnungen oder besorgt das Geschenk für einen Kindergeburtstag.

Gemeinsame Zeit ist rar

«Mein Mann übernimmt sehr viele der alltäglichen Arbeiten», sagt Gunhild Godenzi anerkennend. «Ich würde das gar nicht schaffen.» Denn die Juristin arbeitet Vollzeit, was in manchen Wochen einem Arbeitspensum von 60 bis 70 Stunden entspricht. Unter der Woche isst selten die ganze Familie gemeinsam. Und auch an den Wochenenden arbeiten Mutter und Vater in der Regel je einen Halbtag. Gemeinsame Unternehmungen als Familie sind rar. Einziger Fixpunkt: Wenn möglich bringen die Eltern ihre Kinder gemeinsam ins Bett.

"Ich habe eine funktionierende Ehe, einen Beruf und Kinder - das ist für mich ein grosses Geschenk."Prof. Dr. iur. Gunhild Godenzi

Verglichen mit anderen Müttern verbringt Gunhild Godenzi wenig Zeit mit ihren Kindern. Deswegen ein schlechtes Gewissen zu haben oder zu jammern, liegt der gebürtigen Deutschen aber fern. Sie weiss, dass die Kinder in ihrer Abwesenheit in guten Händen sind. Und ganz bestimmt will sie kein Mitleid dafür, dass sie in ihrem Alltag tun kann, was sie fasziniert. Als Wissenschaftlerin kann sie sich so lange mit einem Thema beschäftigen, bis sie es komplett verstanden hat – und nicht nur solange es ein Mandant bezahlt. Sie verweist auf Working-Poor-Familien, die nach der Tagesschicht an der Kasse abends putzen gehen und am Ende des Monats trotzdem Geldsorgen haben. «Ich habe eine funktionierende Ehe, einen Beruf und Kinder – das ist für mich insgesamt ein grosses Geschenk», betont Gunhild Godenzi.

Herausforderung Krankheit

In intensiven Zeiten beklagen sich die Kinder manchmal, dass die Mama zu oft weg ist. Die Professorin versucht dann, alles, was nicht unbedingt nötig ist, abzusagen und mehr zu Hause zu sein. «Die Zeit, die ich mit den Kindern habe, geniesse ich sehr», betont sie. «Auch wenn die Kinder dann nicht auf Knopfdruck guter Laune sind, nur weil ich da bin.»

Zur Doppelbelastung kommt es dann, wenn es in der gut organisierten Familie zu Unvorhergesehenem kommt. Wenn zum Beispiel ein Kind oder die Nanny, welche die Kinder an zwei Nachmittagen betreut, krank wird. Dann muss das Paar verhandeln: Wer sagt welche Termine ab und bleibt zu Hause?

"Es kommt mir nicht im Traum in den Sinn, eine Vorlesung abzusagen, weil die Nanny krank ist."Prof. Dr. iur. Gunhild Godenzi

Am heikelsten ist der Montag, wenn beide Elternteile zeitgleich Unterricht geben. «Es kommt mir nicht im Traum in den Sinn, eine Vorlesung mit 400 Studierenden abzusagen, weil unsere Nanny krank ist», sagt Gunhild Godenzi. Deshalb ist der Montagnachmittag doppelt abgedeckt: Eigentlich hütet die Nanny, doch zusätzlich – für den Fall, dass die Kinderfrau krank ist – ist der Hort gebucht.

An anderen Tagen ist die Professorin flexibler – und genau das hält sie für einen grossen Vorteil der Wissenschaft: wenig Präsenzzeiten, viel Flexibilität. Oft kommt Gunhild Godenzi abends nach Hause, um zusammen mit ihrem Mann die Kinder ins Bett zu bringen. Schlafen die Kinder, arbeitet sie häufig noch einmal bis Mitternacht.

Ausziehsofa im Büro

Als sich die Deutsche und der Schweizer kennen lernten, waren die Weichen noch nicht gestellt. Sie begann eine Dissertation, er studierte auf dem zweiten Bildungsweg Pädagogik. Erst als das Paar eine Familie gründen wollte, klärten die Partner in langenGesprächen, wer von ihnen was brauchte, um beruflich glücklich zu werden. «Ich hatte Wahlfreiheit», betont Gunhild Godenzi, «ich musste nicht Professorin werden.» Sie hätte sich auch gut vorstellen können, dass beide Elternteile 80 Prozent gearbeitet hätten. Dann hätte sie sich in der Strafrechtspraxis für ein Teilzeitpensum beworben. Denn eines war dem Paar klar: Sie wollten nicht beide Vollzeit arbeiten und die Kinder fünf Tage pro Woche fremdbetreuen lassen.

Priorität haben für Gunhild Godenzi nach wie vor Familie und Beruf – in dieser Reihenfolge. Alles andere ist zweitrangig. Im Ausgang ist sie kaum, das Rudern hat sie aufgegeben, Zeit für sich hat sie nicht. In intensiven Phasen wird der Schlaf gekappt, dann müssen vier bis fünf Stunden Nachtruhe reichen. Für den Fall, dass sie es nachts mal nicht mehr vom Büro im Hochschulquartier nach Hause in Zürich-Wiedikon schafft, hat sie ein Schlafsofa gekauft. Bisher ist es unbenutzt geblieben. (Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 12.05.2017, 16:40 Uhr

Statistik

Mütter und Väter mit Professoren-Titel

Der Anteil der Professorinnen an der Universität Zürich ist in den vergangenen Jahren stetig gestiegen. Im Jahr 2015 (neuere Zahlen gibt es nicht) waren an der Universität Zürich insgesamt 139 Professorinnen angestellt, das entspricht einem Frauenanteil von 22 Prozent. Wie viele von ­ihnen Kinder haben, wird nicht erfasst.

An der ETH Zürich beträgt der Frauenanteil zurzeit 14 Prozent. 43 Prozent der ETH-Professorinnen haben Kinder unter 25 Jahren. Das ist viel, wenn man bedenkt, was die 60-jährige ETH-Rektorin Sarah Springman kürzlich in einem Interview mit der Internetplattform Familienleben.ch gesagt hat: «Die meisten Professorinnen in meinem Alter hatten beruflich Erfolg ohne Kinder.» Bei den ETH-Professoren ist der Anteil an Vätern ­allerdings immer noch deutlich höher: 60 Prozent der Männer mit Professorentitel haben eine Familie.

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