Zum Hauptinhalt springen

Ein Land voller Wein und Geschichten

In der grossen Politik spielen Worms und Mainz keine Rolle. Das war früher anders, bevor die Region selbst zum Spielball der Politik wurde und einen heute irritierenden Namen erhielt.

Von Rheinhessen nach Hessen führt diese Brücke über den Rhein. Aufgenommen von der rheinland-pfälzsiche Landeshauptstadt Mainz aus.
Von Rheinhessen nach Hessen führt diese Brücke über den Rhein. Aufgenommen von der rheinland-pfälzsiche Landeshauptstadt Mainz aus.
Peter Granwehr

Rheinhessen, was, wo? Keine Sorge – selbst viele Deutsche stehen hier vor einem Rätsel. Eine Studie ermittelte noch vor elf Jahren, dass nur zwei Prozent von ihnen wussten, wo Rheinhessen wirklich liegt.

Weil inzwischen fast 40 Prozent mehr Gäste in das Gebiet kommen, gehen Touristiker davon aus, dass sich dessen Bekanntheitsgrad verbessert hat. Trotzdem müsse man als Rheinhesse ausserhalb der Heimat nach wie vor den Menschen erklären, «wo man eigentlich herkommt». Dabei müssten es zumindest Weintrinker besser wissen: Mit 26‘600 Hektar Rebfläche ist Rheinhessen – die linksrheinische Region von Worms über Mainz bis Bingen (siehe Karte) – Deutschlands grösstes Weinbaugebiet.

Tradition von Römern übernommen

Begonnen mit dem Weinbau haben die Römer, die das Gebiet um 50 v. Chr. eroberten. Er wurde zur festen Tradition: «Niemand schämt sich der Weinlust», schrieb Goethe 1814 aus Bingen. «Hübsche Frauen gestehen, dass ihre Kinder mit der Mutterbrust zugleich Wein geniessen.»

Das war gegen Ende der französischen Zeit, die trotz ihrer Kürze das Gebiet stark geprägt hatte: 1797 wurde es Teil der französischen Republik und kam in den Genuss der Errungenschaften der bürgerlichen Revolution. Bis 1900 noch galt hier Napoleons Code civil. Und auch die Weinkultur gilt als französisch beeinflusst. Savoir-vivre ist seither kein Fremdwort dort.

Dem Grossherzogtum Hessen zugewiesen

1816 war freilich Schluss mit der Zugehörigkeit zu Frankreich: Auf dem Wiener Kongress wurde das Gebiet links des Rheins dem Grossherzogtum Hessen zugewiesen und erhielt vom neuen Herrscher die Bezeichnung Rheinhessen. Das war durchaus logisch – bis 1946, als Frankreich als Besatzungsmacht das Bundesland Rheinland-Pfalz schuf, dem Rheinhessen als einer von fünf Regierungsbezirken angehörte.

Mittlerweile ist es keine eigene Verwaltungseinheit mehr, doch der irreführende Name hat sich erhalten zur Kennzeichnung des Weinbaugebiets sowie der Tourismus- und Wirtschaftsregion. Mit 1400 Quadtratkilometern ist es etwas kleiner als der Kanton Zürich, aber mit gut 600 000 Einwohnern weniger als halb so dicht besiedelt.

Geschichtsmächtige Orte

Die Region im Rheinknie spielte während des Mittelalters eine zentrale Rolle im Heiligen Römischen Reich. Die drei Kaiserdome in Mainz, Worms und dem nahen Speyer zeugen davon. Mainz und Worms waren häufig Schauplätze von Hof- und Reichstagen.

Das Wormser Konkordat beendete 1122 den Investiturstreit zwischen Kaiser und Papst. 1521 sollte Martin Luther auf dem Reichstag in Worms vor dem Kaiser seine Thesen widerrufen. Weil er sich weigerte, wurde er im Wormser Edikt als Ketzer geächtet. Ein imposantes Denkmal erinnert an dieses Schlüsselereignis der Reformation.

«Heiligen Sand» – der älteste jüdische Friedhof Europas

Mainz und Worms wiesen grosse jüdische Gemeinden auf, die wiederholt unter Massakern litten. Die beiden Städte bildeten zusammen mit Speyer ein Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit. Ein Relikt, das besucht werden kann, ist der Friedhof «Heiliger Sand» in Worms mit Grabsteinen aus dem 11. Jahrhundert – es ist der älteste jüdische Friedhof in Europa.

Nach dem Holocaust im Zweiten Weltkrieg entstand langsam wieder eine jüdische Gemeinde mit heute rund 1000 Mitgliedern in Mainz und Worms. Hier stand seit 1034 Deutschlands älteste Synagoge; nach mehrfachen Zerstörungen wurde nach dem letzten Wiederaufbau 1961 zum sechsten Mal eine neue Synagoge eingeweiht. In Mainz steht seit 2010 wieder ein jüdisches Gotteshaus.

Nibelungen-Festspiele

Wer diese beiden Städte besucht, wird also mit viel Geschichte konfrontiert, obwohl die historische Bausubstanz im Februar und März 1945 durch Bombenangriffe grösstenteils unwiederbringlich zerstört wurde. In Worms dominiert der 1130 bis 1181 erbaute Dom St. Peter das Stadtbild, der zu den grossartigsten Schöpfungen romanischer Kirchenbaukunst gehört.

Vor ihm werden seit 2002 wieder jedes Jahr im Sommer die Nibelungen-Festspiele durchgeführt – am Originalschauplatz der Sage, wie aus dem um 1200 niedergeschriebenen Nibelungenlied hervorgeht: «In Worms hielten sie Hof, drei edle und mächtige Könige, die Burgunderkönige Gunther, Gernot und Giselher und ihre Schwester Kriemhild, ein junges Edelfräulein, so schön wie keine andere auf der Welt.» Ganzjährig geöffnet ist das multimediale Nibelungenmuseum in zwei Türmen der staufischen Stadtmauer, wo Mario Adorf über Audio-Guides die Heldengeschichte erzählt.

Bei Gutenberg in Mainz

Auch in Mainz ist der ab 975 erbaute Dom mit der romanischen St. Gotthardkapelle das beeindruckendste Bauwerk. Im spätgotischen Kreuzgang befindet sich das Dom- und Diözesanmuseum, wo Kunstwerke aus der Domgeschichte und der Diözese ausgestellt sind. Ein besonderer Anziehungspunkt sind die blau leuchtenden Glasfenster von Marc Chagall in der Stiftskirche St. Stephan – ein Zeichen der jüdisch-christlichen Verbundenheit.

Einladend ist die Innenstadt, zu der man vom Bahnhof in südlicher Richtung über den Schillerplatz gelangt. Von dort lässt es sich gemütlich schlendern, zum Gutenbergplatz mit dem Staatstheater und weiter Richtung Rathaus, wo man die Rheinpromenade erreicht. Kurz zuvor passiert man das Gutenberg-Museum, in dem der berühmteste Sohn der Stadt gewürdigt wird als Erfinder des Buchdrucks mit beweglichen Lettern.

Ein Basler in Oppenheim

Etwas im Schatten der beiden gewichtigen Städte liegt zwischen ihnen Oppenheim am Rhein Dabei wird es vom bedeutendsten gotischen Sakralbau zwischen Köln und Strassburg überragt, der Katharinenkirche. An deren Südseite schmiegt sich das hübsche 7300-Einwohner-Städtchen mit seinen verwinkelten Gassen an einen Weinberg. Bemerkenswert sind das Deutsche Weinbaumuseum sowie das Oppenheimer Kellerlabyrinth aus dem Mittelalter.

Das ausgedehnte System von unterirdischen Gängen, Treppen und Räumen auf verschiedenen Ebenen unterhalb der Altstadt diente als Lagerraum für alle möglichen Güter. Etwa 500 Meter sind erschlossen und können geführt besichtigt werden. Schliesslich gibt es hier auch einen Bezug zur Schweiz: Der berühmte Basler Matthias Merian, der sich in Zürich zum Kupferstecher ausbilden liess, kam 1616 nach Oppenheim, wo er für den Verleger Johann Theodor de Bry arbeitete und im Jahr darauf dessen Tochter heiratete. Ihm verdankt die Nachwelt eine Fülle von Landkarten und detailgetreuen Städteansichten.

http://www.rheinhessen.deDiese Seite ist das Resultat einer von Rheinland-Pfalz Tourismus organisierten Pressereise.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch