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Exzessives Schreien belastet die Eltern

Manche Eltern geraten mit ihrem kleinen Schreihals gehörig an ihre Grenzen. Eine Fachfrau des Kantonsspitals Winterthur zeigt Auswege auf.

Ein Baby, das sehr viel weint, kann die Eltern an den Rand ihrer Kräfte bringen. Schreibabys sind meistens Kinder, die sehr sensibel auf Reize reagieren.
Ein Baby, das sehr viel weint, kann die Eltern an den Rand ihrer Kräfte bringen. Schreibabys sind meistens Kinder, die sehr sensibel auf Reize reagieren.
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Schlaflose Nächte und kaum einen freien Moment, um zu duschen oder aufs WC zu gehen, ohne dass das Baby schreit – das kennen wohl die meisten frisch gebackenen Eltern. In vielen Fällen entspannt sich die Situation nach ein paar Monaten von selber. Doch manchmal spitzt sie sich auch so stark zu, dass das gesamte System aus den Fugen gerät. Wenn Eltern total am Anschlag sind, kann es soweit kommen, dass sie nicht mehr richtig für ihr Kind sorgen können oder es in ihrer Verzweiflung gar schütteln. Für Babys ist das lebensgefährlich. Die Sozialpädagogin Erika Imhof erklärt, wie sie betroffene Eltern in dieser schwierigen Lebenslage unterstützt. Imhof leitet die Sprechstunde für frühkindliche Regulationsstörungen am Sozialpädiatrischen Zentrum des Kantonsspitals Winterthur.

Ein Kind zu bekommen ist die natürlichste Sache der Welt, müsste man meinen. Woran liegt es, dass manche Eltern dermassen an den Anschlag kommen?Erika Imhof:Es gibt Neugeborene, die sich relativ gut an die neue Situation ausserhalb des Mutterleibs anpassen können und andere, die unruhiger und schwieriger sind. Früher sprach man von den sogenannten Dreimonatskoliken. Es ist aber nicht erwiesen, dass Verdauungsprobleme die einzige Ursache für exzessives Schreien sind. Eher handelt es sich um eine Art generelle Anpassungsstörung und Reizbarkeit. Trifft ein solches Kind auf eine Mutter, die bereits erschöpft oder anderweitig problembeladen ist, kann sich ein ungutes Beziehungsmuster entwickeln.

"Es ist nicht erwiesen, dass Verdauungsprobleme die einzige Ursache für exzessives Schreien sind."

Erika Imhof, Leiterin Sprechstunde für frühkindliche Regulationsstörungen am Kantonsspital Winterthur

Zum Beispiel? Wenn eine Mutter erschöpft oder depressiv ist, was nach einer Geburt gehäuft vorkommt, spricht sie vielleicht kaum mehr mit dem Kind. Das ist verheerend. Man weiss heute, dass bereits Neugeborene Kontakt suchen. Sie wollen ein Gesicht sehen, eine Stimme hören und eine Reaktion auslösen. Andere Eltern unternehmen zu viel, um ihr Kind zu beruhigen. Sie tragen es die ganze Zeit herum, schaukeln es oder fahren sogar mit dem Auto, damit es einschläft.

Wie erkennen Sie solche ungünstigen Verhaltensweisen? Einerseits im Gespräch, anderseits arbeiten wir mit Videoaufnahmen. Ich filme eine Mutter zum Beispiel während einer Wickelsituation. Danach schauen wir die Aufnahme zusammen an und ich weise vor allem auf die positiven Ausschnitte hin: Dort, wo das Kind zur Mutter schaut und eine Interaktion stattfindet. Man sieht auch, wo es sich vielleicht wegdreht, weint oder strampelt. Wir besprechen, wie man mit dieser Situation besser umgehen könnte. So können Eltern lernen, die Signale ihres Kindes zu lesen. Ich versuche ihnen auch zu vermitteln, wie wichtig es ist, mit ihrem Kind zu sprechen.

Vielen fällt es schwer, mit einem Baby zu kommunizieren, weil es ja nicht antwortet. Manchen Eltern kommt dies seltsam vor. Ich rate ihnen, dem Kind einfach zu erzählen, was sie gerade tun oder was das Baby selber sieht und macht.

"Untersuchungen haben gezeigt, dass Babys gut auf die sogenannte Ammensprache reagieren."

Erika Imhof

Muss man mit einem Kleinkind Babysprache reden oder kann man normal kommunizieren? Die meisten Erwachsenen wechseln im Kontakt mit einem Kleinkind automatisch in die sogenannte Ammensprache – eine Art Singsang in leicht höherer Tonlage. Dies macht tatsächlich Sinn. Untersuchungen haben gezeigt, dass Babys gut darauf reagieren. Doch natürlich sollte man allmählich wieder davon abkommen, wenn das Kind grösser wird.

Wie bringt man ein Kind zum Durchschlafen? Ein wichtiges Instrument ist das Schlafprotokoll. Eltern notieren während zwei Wochen genau, wann das Kind schläft. So kann ich erkennen, wie viele Stunden Schlaf es insgesamt braucht – das ist nämlich nicht bei allen gleich. Schläft ein Kind zum Beispiel tagsüber sehr lange, ist es in der Nacht häufiger wach. Man muss versuchen, den Tagesablauf zu rhythmisieren und den Schlaf gut zu verteilen, indem man das Kind zum Beispiel nach zwei Stunden Mittagschlaf weckt – am besten nach Absprache mit einer Fachperson.

Was raten Sie jenen Eltern, die zu stark auf ihr Kind eingehen? Ab etwa sechs Monaten sind Säuglinge und Kleinkinder zunehmend in der Lage, selber einzuschlafen. Man sollte sie dann nicht mehr zu fest schaukeln, wiegen und herumtragen. Wenn man sie nachts nicht mehr aus dem Bett nimmt, sondern vielleicht nur etwas streichelt, gewöhnen sie sich meist schnell daran. Sie müssen auch lernen, kurze Trennungen auszuhalten. Die Mutter sollte dem Kind jetzt immer mehr zumuten, mal kurz alleine zu bleiben, wenn sie aufs WC geht oder die Waschmaschine füllt. Das Kind weint vielleicht, aber es merkt, dass danach wieder jemand zu ihm kommt.

"Neugeborene können sich nur über das Weinen äussern. Wenn sie lernen, dass dies vergebens ist, kann sie das frustrieren."

Erika Imhof

Bis in die 1960er-Jahre haben Eltern nicht so ein Tamtam um ihre Babys gemacht. Säuglinge wurden bereits im Spital von der Mutter weggenommen und in ein eigenes Bettchen gesteckt. Nach einer Woche haben die meisten durchgeschlafen. Wenn man heutzutage die vielen erschöpften Eltern sieht, könnte man auf die Idee kommen, dass wir übertreiben. Ich bin selber ein Kind dieser Generation. Man kann nicht direkt sagen, dass uns die Methode geschadet hat und wir alle traumatisiert sind. Trotzdem raten heute sämtliche Fachleute zu einem anderen Umgang. Neugeborene können sich nur über das Weinen äussern. Wenn sie lernen, dass dies vergebens ist, kann sie das frustrieren. Bei jedem Pieps sollte man aber nicht zum Kind rennen. Sonst haben etwas ältere Säuglinge gar keine Gelegenheit, zu lernen, wie sie sich selber beruhigen können.

Wie gelingt die Umstellung vom Stillen oder Schoppen auf Brei und feste Nahrung? Auch dies ist eine häufige Fragestellung. Manche Kinder sind von sich aus neugierig und wollen neue Speisen ausprobieren. Andere tun sich schwer damit. Man sollte wissen, dass man einen neuen Geschmack bis zu 18 Mal probieren muss, bis man sich an ihn gewöhnt hat. Geduld ist also gefragt.

Wie merkt man, wieso ein Kind weint? Ob es ihm einfach etwas langweilig ist oder ob es Hunger oder Schmerzen hat? Die meisten Eltern hören das intuitiv an der Art des Weinens und reagieren richtig. Doch wenn es einem selber nicht gut geht, kann diese Differenzierung verloren gehen. Bei uns in der Beratung haben wir es oft mit Leuten zu tun, die Probleme haben: psychische Schwierigkeiten, Spannungen in der Partnerschaft oder in der erweiterten Familie. Viele sind sehr auf sich alleine gestellt.

"Die meisten reagieren intuitiv richtig auf das Weinen ihres Kindes."

Erika Imhof

Die isolierte Kleinfamilie ist ja ein Modell der heutigen Zeit in unserer nordwestlichen Kultur. Haben es Menschen aus anderen Ländern einfacher? Das kann man nicht so pauschal sagen. Ich bin häufig in Italien und beobachte dann jeweils mit Interesse, wie Familien ihre Babys bis spät abends ins Restaurant mitnehmen. Obwohl es da manchmal laut zu- und hergeht, habe ich selten erlebt, dass die Kleinen schreien. Sie schlafen im Kinderwagen. Wenn sie quengelig werden, geht jemand von der Familie mit ihnen spazieren. Doch hier in der Schweiz haben Menschen ausländischer Abstammung wahrscheinlich nicht weniger Probleme als Alteingesessene. Schwierig wird es, wenn etwa eine Frau hier aufgewachsen ist und dann nach der Geburt plötzlich die Mutter oder Schwiegermutter aus einer anderen Kultur mit ganz anderen Vorstellungen kommt und helfen will.

Das Kantonsspital Winterthur bietet neben einer ambulanten Beratung auch einen stationären Aufenthalt für Schreibabys und ihre Eltern an. Was ist der Mehrwert der stationären Betreuung? Das Angebot ist vor allem für Familien geeignet, die meine Ratschläge nicht umsetzen können. Im Familienzimmer werden sie rund um die Uhr von einem Pflegeteam unterstützt. Sie können das Kind auch für eine Nacht abgeben, wenn sie mal durchschlafen müssen. Das Ziel ist aber, dass sie lernen, selbstständig nach ihm zu schauen, sodass die Situation zuhause nachhaltig entschärft wird.

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