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Hölzerne Schönheiten mit einem hohen Nutzwert

Gedrehte Holzprodukte sind mehr als nur praktisch. Sie zeigen mit Holzfarbe und Struktur stets auch die Schönheit des Materials. In Hombrechtikon pflegt Thomas Meier das Drechslerhandwerk.

Thomas Meier an der Drehbank in seiner Werkstatt.
Thomas Meier an der Drehbank in seiner Werkstatt.
Johanna Bossart
Restauration eines alten Schmuckstücks: Meier frischte das alte Spinnrad aus Zwetschgenholz auf und ersetzte fehlende Teile passend zum Original.
Restauration eines alten Schmuckstücks: Meier frischte das alte Spinnrad aus Zwetschgenholz auf und ersetzte fehlende Teile passend zum Original.
Johanna Bossart
In der Werkstatt auf dem Hof ist auch eine Korbmacherin eingemietet.
In der Werkstatt auf dem Hof ist auch eine Korbmacherin eingemietet.
Johanna Bossart
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Aus dem Karton schauen vier muntere Pferdeköpfe heraus. Sie gehören zu einem neuen Projekt, auf das sich Drechslermeister Thomas Meier richtig freut: «Ein Kunde möchte ein Rasenschach im Garten aufbauen und wir drehen die Figuren dazu.» Die Köpfe sind alles, was extern vom Schnitzer kommt. Alle anderen Spielfiguren enstehen in der Drechslerei. Zunächst leimt Meier Holzblöcke zur richtigen Grösse zusammen, aus denen später Dame, Turm oder Springer gedreht werden können.

Renaissance des Werkstoffs Holz

Das für den Kunden scheinbar so harte Holz ist für den Drechsler ein lebendiges Material: «Es verändert sich nicht nur farblich mit der Zeit», sagt Meier. «Wer Holz bearbeitet, muss sich auf die Eigenheiten des Materials einlassen.» An der Drehbank merkt Meier schnell, wann er das Werkzeug wechseln muss und demonstriert den Effekt unterschiedlicher Klingenformen an einem Probestück: Rauh mit ausgerissenen Fasern auf der einen Hälfte, fast schon glatt auf der anderen.

Holz «lesen» zu können, ist auch wichtig beim Materialeingang. «Der wichtigste Mann in der Drechslerei steht an der Zuschnittmaschine», findet Meier. «Ein Könner schafft aus dem krummsten Holz noch Stücke für die Drechslerei. Ansonsten fällt durch falschen Schnitt viel Materialverlust an.»

Man muss im Proportionen denken können

Das Gespür für das Material ist das Eine, ein gutes und lernfähiges Auge das Andere. «Man muss in Proportionen denken können und vor dem Start wissen, welche Form man haben will», erläutert Meier. Heute wird viel mit CAD-Zeichnungen gearbeitet und solch detaillierte Vorgaben landen auch bei ihm in der Werkstatt.

Trotzdem lassen sich viele Ideen nicht so umsetzen, wie sie im Computer attraktiv erscheinen. «Wir haben einen Hocker produziert, dessen Füsse jeweils eine Kugelverzierung haben. Ein Probestück zeigte, dass es nicht wirkt. Eigentlich muss man eine leicht ovale Form schaffen, damit es von oben wirklich wie eine Kugel aussieht. Ein CAD-Zeichner sieht das nicht. Dafür braucht es Erfahrung und Augenmass.»

Manche Produkte sind verschwunden

Holz wird als Werkstoff wieder beliebter. Gleichzeitig beobachetet Meier, dass Materialwissen langsam verloren geht: «Liefere ich Kuchenschaufeln aus Kirschholz an einen Laden, kann es passieren, dass Beschwerden über die unterschiedliche Farbigkeit kommen. Das geht manchmal bis zur fixen Idee, es sei gar kein Kirschholz.»

Das Produkt, das die Werkstatt einst gross gemacht hatte, gibt es nicht mehr: Stickrahmen. Gegen den Stickrahmen aus Asien kommt Meier preislich nicht an. Zwar ist die Qualität spürbar geringer, derzeit nehmen die Kunden das aber in Kauf. Meiers Spezialität sind individuelle Anfragen. Und die reichen von Reparaturen über Restaurationen bis hin zu Mobiliar.

Die Reparatur eines alten Spinnrads aus Zwetschgenholz bereitete ihm spürbar Freude: «Ich mag es, wenn es keine Pläne gibt, wenn ich aus dem was noch übrig ist, die Struktur erarbeiten muss», erklärt Meier. «Das ist echtes Handwerk: Knowhow sowie einen Blick für die Formensprache.» Denn die neuen Knochen, die er in das Rad einarbeitete, mussten zum Original passen. «Wenn es knifflig wird, ist es erst richtig spannend», sagt er.

Frische Bratwurst vom Drechslertisch

Die meisten Stücke aus einer Drechslerei sind eher handlich. So wie die, die er für das Rössli in Stäfa fertigte: Brotschalen und Kaffeetabletts aus Nussbaum und Eiche.

Bisweilen aber kommen Anfragen für deutlich grössere Teile. Kronleuchter und Tischlampen für ein Zürcher Restaurant beispielsweise oder die grossen Stehtische beim Bellevue-Rondell in Zürich. «Mit ein paar Umbauten sind mehr als zwei Meter Drehlänge möglich und wir können auch Stücke fertigen mit mehr als 60 Zentimeter Durchmesser», erklärt der Drechsler. «Viele wissen gar nicht, was für Möglichkeiten ich habe. Technisch geht mehr, als man denkt.»

Wichtig ist eine gute Kommunikation zwischen den beteiligten Handwerkern und dem Kunden, damit die Wünsche und die einzelnen Teilleistungen aufeinander abgestimmt werden können.

Nötige Zusatzarbeiten besorgt sich Meier über ein gewachsenes Netzwerk verschiedener Handwerker. Ein Projekt, das gerade auf diese Weise realisiert wird, sind Brotplättli für einen Verband. Diese haben alle eine passend geformte Vertiefung für jeweils ein Messer, das von einem traditionell arbeitenden Messerschmied aus dem Engadin stammt.

Holz von den Bauern aus der Region

Seine Hölzer erhält der Drechsler oft von Bauern aus der Region. Meiers Materialliste übersteigt bei Weitem das, was spontan an Hölzern in den Sinn kommt: Birne, Zwetschge oder Strauchhölzer zum Beispiel. Bei ihm erhält man Zitronenpressen aus Goldregen oder Kugeln aus Christusdorn, Dosen aus Weissbuche und Kerzenhalter aus Ulme. Obstgehölze werden nicht oft gefällt, aber da ein Drechsler meist nur kleine Stücke braucht, kommt er eine Weile mit dem Holz aus.

Für alles andere meldet er sich bei bewährten Holzhandlungen. Exotische Hölzer verarbeitet Meier nur, wenn es zum Produkt passt: «Zu Schmuckstücken passen Ebenholz oder Teak gut. Bei anderen Einsatzbereichen ist einheimische Thermobuche besser», erläutert er. «Dieses Holz wurde gebacken, ist wetterstabil, insektenresistent und bringt eine ungewöhnlich dunkle Farbe mit.»

Bei der Holzauswahl berät Meier seine Kunden ausführlich, denn man muss die Holzarten gut kennen, um sie richtig einzusetzen. «Mit Palisander bekommen sie immer schöne Stücke»“ sagt er. «Schlichte Hölzer wie Ahorn dagegen brauchen eine gute Form, um zur Geltung zu kommen. So etwas gehört zur Kunst im Holzhandwerk.»

Der Beruf hat sich in den letzten Jahren verändert

Der Ausbildungsberuf des Drechslers hat sich seit der Gründung seines Betriebs verändert. «Ich hatte drei Jahre Grundausbildung, stand aber stundenlang an der Drehbank», erinnert sich Meier. «Das sorgt für eine Erfahrung, die heute während der Ausbildung nicht mehr so intensiv geschult wird.»

Er ist seit fast dreissig Jahren selber Ausbildner und betreut die Lernenden während inzwischen vier Jahren Lehrzeit. Heute wird mehr über Automation gearbeitet, die Dreher-Routine kommt erst später.

Thomas Meier bildet aus

Thomas Meier bildet zudem selber aus: Silvan Krebser ist gelernter Landschaftsgärtner und schult gerade auf Drechsler um. Neben dem Handwerk selbst ist von ihm Mitdenken im Betrieb gefragt. Das liegt an kleinen Stückzahlen und kurzen Projektspannen, die in der Drechslerei typisch sind.

Drechsler entscheiden oft erst am Morgen, welche Stücke gefertigt werden, welche Teilarbeiten eingeschoben werden oder ob Projekte vorgezogen werden können. Das erfordert Flexibilität und selbständiges Planungsvermögen. Alles in Allem steckt in diesem Handwerk sehr viel mehr als die Produktion an der Drehbank.

World Craftsist eine Organisation, die altes und neues Handwerk aus aller Welt stärkt, damit Wissen und Kultur erhalten bleiben. Thomas Meier spricht am 13. Juni 2017 beim World Crafts Talk in Zürich über das Drechslerhandwerk.www.drechslerei-meier.chwww.kleinstberufe.chwww.world-crafts.org

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