Klare Abläufe helfen beim Schlafen

Schlafstörungen gehören zu den häufigsten Verhaltensauffälligkeiten im Kindesalter. Der Zürcher Kinderarzt Oskar Jenni weiss, was Eltern tun können, damit Kinder gut schlafen.

Wie schön ist es, ein schlafendes Kind zu betrachten! Nur: Wie bringt man es dazu?

Wie schön ist es, ein schlafendes Kind zu betrachten! Nur: Wie bringt man es dazu? Bild: Shotshop

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Die meisten Eltern möchten, dass ihr Kind abends schnell ­einschläft und bis zum Morgen durchschläft. Was muss ich als Mutter tun, damit das klappt?
Oskar Jenni: Erstens: Das Kind braucht einen regelmässigen Tagesablauf. Zweitens: Die Zeit, die das Kind im Bett verbringt, muss an seinen Schlafbedarf angepasst sein. Die Eltern sollten also wissen, wie viel Schlaf das Kind benötigt. Und drittens sollte man dem Kind die Möglichkeit geben, selbst einzuschlafen.

Warum ist ein regelmässiger Rhythmus wichtig für Kinder?
Nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene können mit einem regelmässigen Rhythmus besser schlafen. Den Schlaf an sich können die Eltern nicht rhythmisieren, das Kind kann ja nicht zum Schlafen gezwungen werden. Doch mithilfe von sozialen Zeitgebern kann die innere Uhr eingestellt werden. Wichtig ist also ein geregelter Tagesablauf. Ein Einschlafritual kann so aussehen: Abendessen, Baden, Geschichte vorlesen, Pyjama anziehen, Zähne putzen. Anhand des immer gleichen Ablaufs merkt das Kind, dass es Zeit zum Schlafen ist.

Braucht jedes Kind einen Rhythmus?
Es gibt Familien, die unregelmässig essen und schlafen und gut damit leben. Doch spätestens, wenn das Kind in den Kindergarten kommt, kann der Leidensdruck zunehmen. Denn unsere Gesellschaft gibt einen recht starren Rhythmus vor.

Wie pingelig sollte man den Rhythmus einhalten, damit das Kind gut schlafen kann? Muss das Abendessen um Punkt 18 Uhr auf dem Tisch stehen?
Nein. Das Ziel ist ein einigermassen regelmässiger Ablauf, sagen wir plus/minus eine halbe Stunde. Es ist aber nicht nur das Essen wichtig, sondern auch das, was vorher geschieht: das Geklapper des Geschirrs, das Kochen etc. Das alles signalisiert dem Kind, was jetzt dann kommt.

Was halten Sie vom Ausschlafen am Wochenende?
Für den Schlaf ist eine grosse Abweichung am Wochenende von der Aufstehzeit während der Wochentage nicht optimal.

Dann sollte man das Schulkind auch am Sonntag um 7 Uhr wecken?
Eine gewisse Flexibilität ist in Ordnung, vielleicht schläft das Kind am Wochenende bis um 7.30 oder 8 Uhr. Auch hier hängt alles vom Leidensdruck von Kind und Eltern ab. Es gibt Jugendliche, die haben kein Problem damit, unter der Woche um 6 Uhr aufzustehen, am Wochenende aber erst um 11 Uhr. Nur wenn Probleme entstehen, ist es sinnvoll, den Tagesablauf zu rhythmisieren.

Variiert der Schlafbedarf je nach Jahreszeit und der Erlebnisse, die man am Tag hatte?
Die individuelle Schlaflänge ist eine relativ feste Grösse, unabhängig von den Erlebnissen oder der Jahreszeit. Nur wenn man sehr lange wach war, schläft man länger. Man holt den Schlaf aber nicht in erster Linie mit der Schlaflänge nach, sondern mit der Schlaftiefe. Der Tiefschlaf ist für die Erholung wichtig. Es gibt aber Ausnahmen bei der Schlafdauer, zum Beispiel, wenn man krank ist. Fieber intensiviert den Schlaf in der Tiefe und in der Länge.

Schulkinder sind manchmal zu Beginn der Ferien erschöpft. Brauchen sie dann nicht mehr Schlaf?
Das kann sein. Vor allem Kinder, die Eulen sind und deren innere Uhr so eingestellt ist, dass sie abends etwas später ins Bett gehen und am Morgen später aufstehen, bekommen im Alltag durch die fixen Schulzeiten eher zu wenig Schlaf. Über das Wochenende können manche diesen Mangel kompensieren, andere schaffen es aber nicht ganz und bauen über die Wochen einen chronischen Schlafmangel auf. Hellhörig muss man dann werden, wenn sich tagsüber Probleme zeigen. Wenn das Kind im Alltag aber gesund und leistungsfähig ist, dann bedeutet das, dass es in der Lage ist, den milden Schlafmangel mit tieferem Schlaf zu kompensieren.

Soll man ein solches Kind in den Ferien länger schlafen lassen?
Ja, auf jeden Fall.

Für einen guten Schlaf soll man zudem den individuellen Schlafbedarf des Kindes berücksichtigen, sagen Sie. Wie stellt man diesen fest?
Die meisten Eltern wissen intuitiv, wann die optimale Bettzeit für ihr Kind ist, wie hoch sein Schlafbedarf ist und wie lange es im Bett bleiben sollte. Bestehen Unsicherheiten, empfehlen wir, während 14 Tagen ein Schlafprotokoll zu führen. Dort trägt man ein, zu welchen Zeiten das Kind geschlafen hat. So kann man ermitteln, wie viele Stunden Schlaf es braucht. Bei vielen Kindern, die Schlafprobleme haben, wird der Bedarf überschätzt. Das heisst, die Eltern bringen das Kind ins Bett, bevor es müde ist. Wenn ein Kind abends nicht einschläft oder nachts mehrmals erwacht, muss man sich fragen, ob es nicht zu lange im Bett liegt. Die Bettzeit muss in diesem Fall an den Schlafbedarf angepasst werden.

Warum ist es wichtig, dass Kinder alleine einschlafen können?
Alleine einschlafen ist eine Voraussetzung zum Durchschlafen. Einschlafen hat mit der Fähigkeit zu tun, sich selber beruhigen zu können. Das ist eine anspruchsvolle Entwicklungsaufgabe, welche die Kinder im Vorschulalter lernen.

Dann ist es also normal, wenn ein Kind im Trotzalter noch nicht gut alleine einschlafen kann?
Ja, denn im Trotzalter ist ein Kind sehr ichbezogen. Es kann sein Verhalten noch nicht genügend steuern und sich nicht gut selber beruhigen.

Viele Eltern legen sich zum Kind oder halten dessen Hand beim Einschlafen. Das sollte man also nicht tun? Dabei geniessen es auch viele Erwachsene, neben dem Partner einzuschlafen.
Tatsächlich spricht nichts gegen das Familienbett. Eine ganze ­Reihe von Studien zeigt, dass Kinder langfristig in ihrer Entwicklung nicht beeinträchtigt werden, wenn sie im Familienbett schlafen.

Auch wenn sie nicht alleine ­einschlafen?
Wenn das in einer Familie kein Problem ist, gibt es keinen Handlungsbedarf. Aber viele Eltern rutschen da hinein. Zuerst finden sie es schön, wenn das Kind neben ihnen einschläft, doch mit der Zeit wird die Situation zur Belastung, weil das Kind unruhig schläft und auch nachts nach ­ihnen verlangt.

Wie kommt man wieder vom ­gemeinsamen Einschlafen weg?
Man muss die Einschlafhilfe, also zum Beispiel die elterliche Hand, langsam verändern. So soll die Mutter die Hand des Kindes beim Einschlafen nicht mehr halten, sondern einfach nur neben dem Kind auf einem Stuhl sitzen bleiben. Sobald das Kind das leicht veränderte Setting akzeptiert, geht die Mutter einen Schritt weiter. Sie rückt zum Beispiel den Stuhl immer weiter weg, bis sie schliesslich das Kinderzimmer verlässt.

Jedes dritte Kind zeigt einmal eine Schlafstörung. Gehört eine solche schon fast zur Entwicklung eines Kindes dazu – selbst wenn die Eltern alles richtig ­machen?
Ja. Bei den meisten Kindern sind Schlafschwierigkeiten ein Entwicklungsphänomen, das sich bis spätestens zum Kindergarten auswächst. Es gibt aber schlechte Schläfer, die auch noch im Schulalter, als Jugendliche oder Erwachsene Schlafprobleme haben.

Sie sagen, bei den meisten Kindern hören die Schlafprobleme mit dem Eintritt in den Kindergarten auf. Doch wenn die ­Kinder älter sind, haben sie ­vielleicht Sorgen und können deshalb nicht gut einschlafen.
Ja, Sorgen können zu Einschlafschwierigkeiten führen. Aber auch in diesen Fällen ist ein regelmässiger Tagesablauf wichtig und dass die Kinder nicht zu lange im Bett liegen. Dazu kommt der Handykonsum: Studien haben gezeigt, dass das Licht der Smartphones einen sehr hohen Blauanteil hat, der bewirkt, dass sich die innere Uhr in die Nacht verschiebt. Es gibt aber die Möglichkeit, dieses Licht zu dimmen.

Wann wird ein Schlafproblem zu einer Schlafstörung?
Wir definieren eine Schlafstörung über die Belastung der Eltern. Halten zum Beispiel die Eltern das nächtliche Erwachen ihres Kindes nicht mehr aus, dann gibt es Handlungsbedarf. Schlafgewohnheiten sind allerdings je nach biologischen Eigenheiten, kulturellen Normen und familiären Bedürfnissen sehr unterschiedlich ausgeprägt. Ein «normales» Schlafverhalten gibt es nicht.

(Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 20.01.2017, 16:57 Uhr

Zur Person

Prof. Dr. med. Oskar Jenni ist ärztlicher Leiter der Abteilung Entwicklungspädiatrie am Kinderspital Zürich. Er hat die Abteilung 2005 vom bekannten Kinderarzt und Bestsellerautor Remo Largo übernommen. Jennis Team erforscht die Entwicklung und das Verhalten von gesunden und kranken Kindern vom Säuglingsalter bis in die Adoleszenz und klärt Kinder mit Entwicklungsstörungen und Verhaltensauffälligkeiten ab. Oskar Jenni ist verheiratet und Vater von vier Kindern.

Schlafbedarf ist eine stabile Grösse

Der Schlafbedarf unter gleich­altrigen Kindern ist sehr unterschiedlich. Gemäss den Langzeitstudien am Kinderspital ­Zürich schlafen zum Beispiel ­4-Jährige zwischen 9½ und 13 Stunden (im Schnitt 11 Stunden). Deshalb gibt es keine ­Regel, wie viel Schlaf ein Kind in einem bestimmten Alter braucht. Der individuelle Schlafbedarf ist jedoch eine relativ ­stabile Grösse, die genetisch ­vorgegeben ist und nicht verändert werden kann. Um diesen festzustellen, kann man ein Schlafprotokoll führen.

Schlafprotokoll herunterladen auf www.kispi.uzh.ch; im Suchfeld «Schlafprotokoll» eingeben.

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