Mit kleinen Kindern über den Ursprung des Lebens nachdenken

Die Evolutionstheorie wird in Kindergarten und Unterstufe kaum gelehrt. Die Kindergärtnerin Susanne Leumann möchte das mit einem Bilderbuch ändern.

Das im Zoologischen Museum Zürich ausgestellte Skelett eines Mammuts zeugt von der letzten Eiszeit. Susanne Leumann erklärt in ihrem Buch, warum gewisse Arten aussterben.

Das im Zoologischen Museum Zürich ausgestellte Skelett eines Mammuts zeugt von der letzten Eiszeit. Susanne Leumann erklärt in ihrem Buch, warum gewisse Arten aussterben. Bild: Marc Dahinden

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Wie sind Sie dazu gekommen, über ein so komplexes Thema wie die Evolution ein Buch für Kindergarten- und Unterstufenkinder zu schreiben?
Susanne Leumann:*
Mein Mann ist Biologe und nahm an einem Symposium teil, an dem sich herausstellte, dass die Evolution in der Regel erst an der Oberstufe thematisiert wird. Als Kindergärtnerin fand ich das schade, denn Kindergartenkinder sind schon sehr kompetent. Man muss nicht bis zur Oberstufe warten, um die relevanten Themen zu behandeln. Und die Evolution ist ein sehr wichtiges Thema: Sie ist das konzeptionelle Dach der Biologie. Alles hängt mit der Evolution zusammen, sie hat die riesige Vielfalt an Tieren und Pflanzen hervorgebracht. Ich wollte das anspruchsvolle Thema jungen Kindern attraktiv und lustvoll vermitteln.

Wie sind Sie da vorgegangen?
Sachbücher zum Thema Evolution gibt es viele. Mir war es wichtig, dass in meinem Buch eine Figur vorkommt, mit der sich die Kinder identifizieren können. Das gibt es noch nicht. Kinder im Kindergarten und in der Unterstufe sind noch stark im magischen Denken verwurzelt und sprechen gut darauf an, wenn eine Figur durch eine Geschichte führt. Das ist die Schildkröte Tortuga.

Sind Vierjährige in der Lage, die Zusammenhänge zu verstehen?
Mit Vierjährigen kann man das Buch anschauen und staunen über die verschiedenen Tiere, die es gibt und wie sie sich an ihre Umwelt angepasst haben. Natürlich macht es keinen Sinn, dass man mit Kindern in diesem Alter über Variation und Mutation spricht. Aber man kann zum Beispiel zusammen überlegen: Warum hat der Eisbär ein weisses Fell? Warum hat der Pfau so schöne Federn? Was denkst du? Die Kinder wollen die Welt verstehen.

"Man muss nicht bis zur Oberstufe warten, um die relevanten Themen zu behandeln."Susanne Leumann, 
Kindergärtnerin und Psychologin

Die Evolution ist auch für Erwachsene nicht einfach zu verstehen.
Natürlich. Die Lehrperson muss keine Biologin sein, sondern sich einfach ein bisschen damit auseinandersetzen, wie die Menschen, Tiere und Pflanzen entstanden sind. Mein Buch kann da Hilfestellung bieten. Man findet darin auch Wimmelbilder und Rekorde von Tieren. Schon kleine Kinder interessiert es, wer etwas am besten kann, wer am schnellsten oder am giftigsten ist. Der Kindergarten wird oft unterschätzt; dort wird viel mehr gemacht als gebastelt und gemalt.

Sie möchten, dass die kleinen Kinder noch mehr Kopflastiges lernen müssen.
Nein, ich möchte nur, dass man die Kinder und ihre Neugier ernst nimmt. Man kann mit einer Lupe Blätter anschauen und sich fragen, warum die Brennessel brennt. Oder warum ein Tier ein dickes Fell hat. Warum ist die Natur so, wie sie ist? Das ist die Evolution.

Die Evolutionstheorie hat auch Kritiker: Nach Meinung der Kreationisten hat Gott die Welt erschaffen.
Ich habe mit vielen Biologen gesprochen, und diese haben mir versichert, dass es keinen Zweifel daran gibt, dass die Evolution stattfindet. Mich stört, dass die Kinder heute im Religionsunterricht die Geschichte von Adam und Eva erfahren, in der Schule aber meist nichts von der wissenschaftlichen Erklärung hören.

Sollte die biblische Geschichte nicht mehr gelehrt werden?
Darum geht es mir überhaupt nicht. Es ist sehr wichtig, dass sich die Kinder mit Religion und Kultur auseinandersetzen. Doch ich finde es nicht richtig, dass die Schöpfungsgeschichte in der Regel mehr Gewicht erhält als die Evolutionstheorie. Beide Weltanschauungen sollten in der Schule thematisiert werden.

Sie sagen, das Thema Evolution im Kindergarten sei kontrovers. Inwiefern?
Einerseits habe ich während meiner Recherchen viel Widerstand von Leuten erfahren, die fanden, das Thema sei zu kompliziert für diese Stufe. Andererseits ist der Zusammenhang zwischen Religion und Naturwissenschaft aus meiner Sicht nicht immer geklärt. Einige Lehrpersonen sagten zu mir, die Evolution sei ein heikles Thema, sie wüssten nicht, ob sie es im Unterricht behandeln wollten. Sie haben Angst, dass sich Eltern beschweren könnten. Hier besteht eine grosse Diskrepanz zwischen den Wissenschaftlern, welche die Evolution als sehr wichtig wahrnehmen und einem Teil der Öffentlichkeit, der davon ausgeht, dass die Evolution eine Erklärung unter vielen ist – dabei ist sie eine Tatsache.


* Susanne Leumann ist Kindergärtnerin und Psychologin. Sie arbeitet als Dozentin für Bildung und Erziehung an der Pädagogischen Hochschule Zürich. (Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 06.10.2017, 16:44 Uhr

Das Buch

Eine Schildkröte erklärt die Evolution

Eine Galapagos-Schildkröte führt durch das Sachbilderbuch «Tortuga erforscht die Evolution». Die Schildkröte erklärt den Kindern in einfachen Worten, wie es auf der Erde zur faszinierenden Vielfalt an Pflanzen und Tieren gekommen ist. Das Thema ist komplex, doch schon kleine Kinder können verstehen, dass eine Libelle, die zufällig schärfere Augen hat als ihre Geschwister, Feinde früher sieht, deshalb bessere Überlebenschancen hat – und schliesslich mehr Nachkommen mit der gleichen Eigenschaft zeugt.

Im Buch werden die Überlebenstricks von Tieren und Pflanzen gezeigt. So sieht beispielsweise die ungiftige Scharlachnatter sehr ähnlich aus wie die giftige Korallenotter. Oder die Brombeere schützt sich mit ihren Stacheln vor dem Gefressenwerden. Es gibt auch Suchbilder, auf denen getarnte Tiere gefunden werden müssen. Die wunderschön schlichten Zeichnungen von Juliana Aschwanden Vilaça illustrieren das Buch sehr ansprechend. Der Inhalt wurde von Fachpersonen überprüft.

«Tortuga erforscht die Evolution» richtet sich an Kinder zwischen 4 und 8 Jahren und eignet sich fürs Erzählen in Kindergarten/Schule und zu Hause. Das Buch wird im Zoologischen Museum Zürich verkauft und kann bei Susanne Leumann (susanne.leumann@phzh.ch) oder Juliana Aschwanden-Vilaça (juvilaca@gmail.com) bestellt werden.

Tortuga erforscht die Evolution: Über die Vielfalt der Natur, Susanne Leumann und Juliana Aschwanden- Vilaça (Illustrationen), Eigenverlag, 2017, 48 Seiten, 34.90 Fr.

Die Evolution im Lehrplan

Die Evolution ist nicht Teil des Lehrplans im Kindergarten und in der Primarschule. Auch im Lehrplan 21, der im Kanton Zürich auf das Schuljahr 2018/19 eingeführt wird, kommt der Begriff «Evolutionstheorie» für die unteren Stufen nicht vor. Implizit werden Kenntnisse über die Entwicklung des Lebens aber als Lernziel erwähnt. Erst im Lehrplan für die Sekundarstufe wird die Evolutionstheorie namentlich erwähnt.

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