Jobsuche

Neue Chancen für Jobsuchende Ü50

Eine Fünf auf dem Rücken und auf Stellensuche? Keine einfache Sache. Doch immer mehr Firmen erkennen den Wert von älterenMitarbeitenden. Dazu trägt auch die Geschäftsidee eines Winterthurers bei.

Samuel Stalder hat seine Geschäftsidee umgesetzt und ein Portal für Stellensuchende ab 50 ins Leben gerufen - mit Erfolg.

Samuel Stalder hat seine Geschäftsidee umgesetzt und ein Portal für Stellensuchende ab 50 ins Leben gerufen - mit Erfolg. Bild: Madeleine Schoder

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Es ist paradox: Die meisten Menschen sind heutzutage bis über das Pensionsalter hinaus gesund und leistungsfähig. Mit der älter werdenden Bevölkerung zeichnen sich bei AHV und Pensionskasse Engpässe ab. Und um die Zuwanderung aus dem Ausland zu reduzieren, braucht es genügend einheimische Arbeitskräfte. Aber dennoch: Für über 50-Jährige ist es oft ein schwieriges Unterfangen, eine neue Stellezu finden. Vorurteile gegenüber älteren Arbeitnehmern halten sich hartnäckig.

Erfahrungen eingebracht

Samuel Stalder ist zwar selber erst 34. Doch was es heisst, mit bald 60 seinen Job zu verlieren, hat er bei einem Verwandten hautnah miterlebt. Trotz guten Qualifikationen und langjähriger Erfahrung hat dieser erst nach zahlreichen Bewerbungen und Absagen schliesslich nochmals eine Stelle gefunden. Damals, vor drei Jahren, war Stalder selber auf Arbeitssuche. Aufgrund von Umstrukturierungen hatte er seine Stelle als Geschäftsführer bei einem digitalen Immobilienportal verloren. Seine früheren Erfahrungen bei einem digitalen Stellenportal trugen zu seiner neuen Geschäftsidee bei: eine eigene Webseite für Stellensuchende ab 50.

Namhafte Betriebe an Bord

Seit letztem Sommer ist das Portal Work50.ch online. Dahinter steckt eine Menge Arbeit. Seit einem guten Jahr ist der Medienfachmann intensiv am Entwickeln. Während er anfangs noch für die Vergleichsseite Comparis arbeitete und seine Geschäftsidee nebenamtlich weiterverfolgte, hat der Winterthurer auf Ende letzten Jahres gekündigt, um sich vollamtlich seinem Projekt zu widmen. Als Startkapital hat er sein eigenes Erspartes investiert. Und um die Spesen tief zu halten, arbeitet er in einem Co-Working-Place in der Nähe des Bahnhofs Winterthur.

Stalder ist es gelungen, bekannte und grosse Unternehmen sowie öffentliche Verwaltungen dafür zu gewinnen, bei ihm Stellen auszuschreiben. Eine der ersten Firmen war Ikea. «Das schwedische Möbelhaus inseriert unterdessen nur noch bei mir und auf der eigenen Webseite», freut sich der Jungunternehmer.

Den Verantwortlichen sei anscheinend klar geworden, dass ein gesunder Generationenmix sinnvoll ist. Aber auch Versicherungen und Telecomunternehmen suchen neues Personal über Work50.ch. Während die Unternehmen eine Gebühr entrichten, ist das Angebot für Stellensuchende umsonst. Sie haben zudem die Möglichkeit, auf der Webseite einen Lebenslauf zu hinterlegen, den Personalverantwortliche abrufen können.

Nur sensibilisierte Firmen

Doch was genau ist der Vorteil eines Portals extra für ältere Stellensuchende? «Bei uns inserieren nur Firmen, die für das Problem sensibilisiert sind und ältere Mitarbeitende zu schätzen wissen», erklärt Stalder. Wenn er neue Kunden gewinnen will, spricht er höchstpersönlich bei den Firmen vor und versucht, sie vom Wert der Generation 50 plus zu überzeugen.

«Sie verfügen über enorm viel Wissen und Erfahrung, sowohl für die Arbeit als auch imsozialen Umgang», weiss der Un­ter­nehmensgründer. Auch Verantwortungsbewusstsein, Gelassenheit in Stresssituationen, Loyalität sowie Identifikation mit dem Unternehmen seien bei den sogenannten Babyboomern oder Best Agers besonders ausgeprägt, betont er.

Die Zahl steigt

Die Zahl der altersaffinen Firmen steigt stetig. Anfang Januar waren auf Work50.ch bereits 158 Stellen ausgeschrieben. Stalder engagiert sich auch beim World Demographic & Ageing Forum (s. Box), welches sich mit dem Generationenwandel in der Wirtschaft und Gesellschaft befasst.

«Der Kontakt zu grossen Firmen verhilft mir zu mehr Hintergrundwissen über die Probleme, die mit dem demografischen Wandel auf uns zukommen», sagt Stalder und präsentiert ein Säulendiagramm mit deutlicher Aussage: Während die über 45-Jährigen in der Schweiz noch zahlreich vertreten sind, ist bei den Jüngeren ein markanter Einbruch zu verzeichnen. Samuel Stalder ist deshalb überzeugt: «Firmen, die auf erfahrene Fachkräfte angewiesen sind, sollten auch älteren Mitarbeitenden eine Chance geben.» www.work50.ch (Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 12.01.2017, 11:15 Uhr

Nachgefragt

Gut durchmischte Teams sind am erfolgreichsten

Wie steht es aktuell um die Chancen von über 50-jährigen Arbeitnehmern? Ist bei den Firmen allmählich ein Wandel in der Einstellung wahrzunehmen?
Regina Regenass: Ja, es gibt Veränderungen zum Positiven: ­Immer mehr Unternehmen erkennen, dass eine gute Durch­mischung ihrer Mitarbeitenden Sinn macht ­– sowohl vom Geschlecht als auch der Nationalität und dem Alter her. Die Entwicklung ist aber erst in den Anfängen. Und sie findet nicht in allen Branchen gleichermassen statt.

Welche Wirtschaftsbereiche sind offener für ältere Mitarbeitende?
Sensibilisiert sind vor allem Firmen, die von ihrem Produkt oder ihrer Dienstleistung her vom demografischen Wandel betroffen sind. So sind zum Beispiel die meisten vermögenden Bankkunden nicht mehr ganz jung. Ein Anlageberater in ihrem Alter wirkt für sie glaubwürdiger als ein 25-Jähriger. Auch Telecom­anbieter setzen bewusst auf verschiedene Altersgruppen. Die Swisscom zum Beispiel versucht, bei einem Kundenanruf auf die Helpline bewusst jemanden in einem ähnlichen Alter zuzuordnen. Denn so ist eher gewährleistet, dass sich die beratende und die ratsuchende Person verstehen und die gleiche Sprache sprechen. Auch im Gesundheitswesen sind ältere Mitarbeitende wichtig, weil auch der Grossteil der Patienten betagt ist. Zudem ist der Fachkräftemangel in dieser Branche besonders akut.

Welche Branchen tun sich noch schwer?
Zum Beispiel der IT- und Tech­nologiebereich. In Unternehmen wie Google oder Facebook sind ­ältere Mitarbeitende wenig vertreten. Solange genügend Junge auf dem Arbeitsmarkt sind, werden sie nicht zum Umdenken gezwungen. Das ist aber eine sehr kurzsichtige Denkweise. Es ist ­erwiesen, dass die Zusammenarbeit verschiedener Generationen am erfolgreichsten ist.

Verlangen ältere Arbeitnehmer wirklich mehr Lohn als jüngere?
Nicht alle. Wenn jemand länger arbeitslos ist, sinken die Ansprüche meist. Und viele sind auch bereit, eine Lohneinbusse in Kauf zu nehmen, wenn sie dafür nochmals eine spannende, neue Herausforderung annehmen können. Das Problem ist aber auch unser System der Altersvorsorge: Die Beitragssätze für die Pensionskasse steigen mit zunehmendem Alter. Das ist nicht mehr zeitgemäss. Mit der Altersreform 2020 von Bundesrat Alain Berset sucht man nun nach Lösungen für die Probleme, die mit der steigenden Lebenserwartung entstehen. Bis sich etwas ändert, dürfte es aber noch Jahre dauern.

Ist es nicht verständlich, wenn Unternehmen lieber jüngere Mitarbeitende einstellen? Die sind doch flexibler als die ältere Generation.
Das ist ein verbreitetes Klischee. Wissenschaftliche Analysen haben gezeigt, dass die meisten ­55-Jährigen noch stark an Veränderungen interessiert sind und die Kreativität erhalten bleibt. Viele möchten nochmals etwas Neues machen und geben in diesem Lebensabschnitt nochmals richtig Gas. Frauen haben dann mehr Zeit zur Verfügung, weil die Kinder bereits selbstständig sind. Und Männer möchten endlich flexibler arbeiten und ihr Pensum reduzieren, um Frei­räume für andere Interessen zu schaffen.

Und wie steht es mit der Gesundheit?
Dass Ältere mehr krank sind, ist ein Vorurteil. Die Absenzen wegen Krankheit oder Unfall sind bei allen Altersklassen etwa gleich. Ältere brauchen vielleicht etwas länger, um sich zu erholen, wenn sie mal krank sind. Dafür haben Jüngere mehr Sportunfälle oder fallen wegen familiärer Verpflichtungen aus – zum Beispiel wegen der Betreuung eines kranken Kindes.

Wie begegnen Sie diesen ­hartnäckigen Vorurteilen?
Das WDA-Forum versucht, Firmen und Organisationen mit Workshops und Auftritten an Symposien für das Thema zu sensibilisieren. Wir vermitteln Fakten und Wissen. So arbeiten wir daran, dass sich die Einstellung der Gesellschaft allmählich ändert. Denn eine negative Haltung älteren Menschen gegenüber ist wie eine selbsterfüllende Prophezeiung. Wenn man ältere Arbeitnehmer gering schätzt, können sie ihr Potenzial nicht ausschöpfen. Das ist Diskriminierung. Interview: Andrea Söldi

(Bild: pd)

Geschäftsführerin World Demographic & Aging Forum

Regina Regenass (62) ist Geschäftsführerin des WDA-Forums (World Demographic & Ageing Forum). Die 2002 gegründete Organisation mit Sitz in St. Gallen setzt sich mit dem demografischen Wandel auseinander. Die international tätige Stiftung betreibt Forschung und Lehre und organisiert Anlässe. Zielpublikum sind Personen aus Wirtschaft, Politik, Nichtregierungsorganisationen und Wissenschaft, aber auch eine breite Öffentlichkeit. Im Mitgliederverzeichnis sind zahlreiche Konzerne und bekannte Organisationen zu finden. asö www.wdaforum.org

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