Nicht alles, was machbar ist, ist auch richtig

Wie weit darf ein Paar gehen, um sich seinen Kinderwunsch zu erfüllen? Als Gesellschaft sollten wir die Möglichkeiten der künstlichen Befruchtung nicht verbieten, sondern gut regeln, fordert die Philosophin Barbara Bleisch.

In der Schweiz ist die Leihmutterschaft zwar verboten – trotzdem leben hier Kinder, die von einer fremden Frau ausgetragen wurden.

In der Schweiz ist die Leihmutterschaft zwar verboten – trotzdem leben hier Kinder, die von einer fremden Frau ausgetragen wurden. Bild: Keystone

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Es ist verständlich, wenn ein Paar, das sich sehnlichst Kinder wünscht, alle technischen Möglichkeiten in Anspruch nimmt, um sich den Traum zu erfüllen. Aber wie ist das als Gesellschaft: Sollen wir alles, was technisch machbar ist, zulassen?
Barbara Bleisch: Nein, auf keinen Fall. Jede neue technische Errungenschaft braucht Rahmenbedingungen zu ihrer Nutzung.

Wo sind Ihrer Meinung nach die Grenzen der Reproduktionsmedizin?
Dort, wo das Kindeswohl bedroht ist. Theoretisch kann man zum Beispiel einer Frau acht Embryonen einsetzen. Doch das ist ethisch verwerflich, denn eine Achtlingsschwangerschaft ist für die Kinder wie auch für die Frau sehr gefährlich. Und: Werden Embryonen nach einer künstlichen Befruchtung aufgrund gewisser Merkmale ausgewählt, könnte die Gefahr einer Diskriminierung von beispielsweise behinderten Menschen bestehen.

Sie haben das Wohl des Kindes angesprochen – doch eine künstliche Befruchtung ist grundsätzlich ein Gesundheitsrisiko für das Kind.
Da sprechen Sie neuere Studien an, die vermuten, dass in vitro gezeugte Menschen ein erhöhtes Risiko für bestimmte Gefässkrankheiten haben könnten. Ich glaube, es ist zu früh, um abschliessend etwas dazu zu sagen. Man muss sich vor Augen halten, dass das erste Kind erst 1978 in vitro gezeugt wurde – die entsprechenden Kinder sind als noch nicht alt. Wenn sich der Verdacht erhärten würde und massive Gesundheitsschädigungen bei diesen Kindern festgestellt werden könnten, dann sähe die Sachlage anders aus.

Dank Social Freezing kann eine Frau heute ihr Leben planen: Ausbildung abschliessen, Karriere machen, richtigen Mann finden – und dann vielleicht mit 50 ein Kind bekommen. Ist das sinnvoll?
Ihr Leben planen kann eine Frau vor allem dank der Verhütung. Wenn man grundsätzlich der Meinung ist, dass Frauen selbst entscheiden können sollen, ob oder wann sie schwanger werden, dann scheint Social Freezing erst einmal eine Erweiterung ihrer Freiheit.

"Obwohl wir länger leben, hat sich die Grenze der natürlichen Fruchtbarkeit der Frau nicht verschoben"Barbara Bleisch

Sie sind also für Social Freezing.
Ich bin nicht «dafür», aber ich sehe keine moralischen Gründe für ein grundsätzliches Verbot. Das ist ein grosser Unterschied. Ich sehe aber auch kritische Punkte. Erst einmal ist die totale Planbarkeit Humbug. Den Frauen zu suggerieren, sie könnten ihren Kinderwunsch auf 50 verschieben, ist unehrlich. Denn wenn man mit eingefrorenen Eizellen schwanger werden will, braucht es eine künstliche Befruchtung. Und da liegt die Erfolgsrate bei 20 bis 30 Prozent. Dazu kommen gesetzliche Bestimmungen, welche die Sache erschweren. Momentan darf man Eizellen nämlich maximal zehn Jahre aufbewahren. Am besten ist die Qualität der Eizellen aber mit 20. Wenn man als 20-Jährige Eizellen einfriert, müsste man also mit 30 schwanger werden. Das ist aber meist nicht das Alter, das diese Frauen anstreben.

Sondern?
Eher 45 oder 50. Hier stellt sich die Frage, bis in welches Alter es sinnvoll ist, einer Frau zu einer Schwangerschaft zu verhelfen. Die ganz wenigen Frauen, die mit 60 oder älter schwanger werden, nutzen meist Eizellspenden. Die meisten Mediziner mit denen ich gesprochen habe, meinten, 50 sei eine sinnvolle Grenze.

Warum 50?
Bei sehr späten Schwangerschaften ist das Risiko für Komplikationen für Mutter und Kind erhöht. Es ist allerdings unklar, ob das mit der Qualität der Eizellen zu tun hat oder mit dem Alter der Frau. Ausserdem muss sich eine ältere Frau überlegen, dass sie ihr Kind vielleicht früh zum Waisen macht. Und ob sie sich fit genug fühlt, einen Säugling zu betreuen. Mit 50 steckt man eine schlaflose Nacht nicht mehr gleich gut weg wie mit 30.

Aber eine Grenze bei 50 zu ziehen, wäre willkürlich – schliesslich gibt es sehr fitte 55-Jährige.
Genau. Deshalb ist es problematisch, dies gesetzlich zu regeln. Sinnvoll wären ärztliche Richtlinien, die festlegen, was Ärzte aus Sicht ihrer Profession noch als sinnvoll erachten. Bei der Adoption gibt es im Übrigen auch eine Altersobergrenze.

Was bedeutet die zunehmende Langlebigkeit für das Social Freezing?
Tatsache ist: Obwohl wir länger leben, hat sich die Grenze der natürlichen Fruchtbarkeit der Frau nicht verschoben. Doch werden wir immer älter, ist das Argument der Gefahr der Verwaisung der Kinder hinfällig. Es gibt noch ein feministisches Argument gegen das Einfrieren der Eizellen: Man dürfe den Frauen nicht das Gefühl geben, sie seien verantwortlich dafür, dass ihr Kinderwunsch dann erfüllt wird, wenn er in die Karriere passt.

Sie sprechen die Praxis von Firmen wie Facebook oder Google an, die ihren Mitarbeiterinnen das Einfrieren ihrer Eizellen bezahlen.
Genau. Solche Firmen setzen zwar offiziell niemanden unter Druck, aber einige kritisieren, die Aufforderung sei klar: Zuerst die Karriere, dann das Kind. Stimmt das, erweitert diese Technik natürlich nicht die Freiheit der Frau, sondern bedroht sie. Ihre Selbstbestimmung ist neben der Rücksichtnahme auf das Kindeswohl oberstes Gebot.

"Die Leihmutter sollte keine Frau sein, die man anonym bucht, sondern jemand, mit dem das Paar Kontakt hält"Barbara Bleisch

Eigene Eizellen darf eine Frau entnehmen und einfrieren lassen. Die Eizellenspende an Fremde ist aber in der Schweiz verboten. Warum?
Damit möchte man die sogenannt gespaltene Mutterschaft verhindern. Die Natur sieht vor, dass die gebärende Mutter immer die genetische Mutter ist. An dem wollte der Gesetzgeber in der Schweiz bis anhin festhalten – und benachteiligt so Regenbogenfamilien.Was denken Sie darüber?
Das Verbot ist nicht mehr zeitgemäss. Im Nationalrat ist gerade ein Vorstoss hängig, der verlangt, dass die Eizellenspende erlaubt wird. Es sind zwar schon mehrere entsprechende Vorstösse gescheitert, doch auf Dauer wird sich das Verbot nicht halten lassen. Es bräuchte aber auch hier klare Rahmenbedingungen.

Was wären Ihre Bedingungen?
Eine Eizellenspende ist ein schmerzhafter medizinischer Eingriff mit Risiken. Die Anzahl der Frauen, die Eizellen aus altruistischen Gründen spenden, wird klein sein. Die Missbrauchsgefahr ist gross. Sinnvoll fände ich das sogenannte Eggsharing: Dass eine Frau, der sowieso Eizellen entnommen werden für eine eigene Befruchtung, die überzähligen spenden dürfte. Momentan reisen die Schweizerinnen ins Ausland, um an Eizellen ranzukommen, oft nach Spanien. Es wäre klüger, wir würden das Verbot in der Schweiz fallenlassen, die Eizellenspende unter eng gefassten Bedingungen zulassen und gleichzeitig für internationale Abkommen kämpfen, welche die Ausbeutung von Frauen bekämpfen.Müssen wir alles erlauben, nur weil andere Staaten es tun?
Die Reproduktionsmedizin ist zum globalisierten Geschäft geworden. Ich sehe das aus moralischen Gründen kritisch. Aber Verbote in der Schweiz bekämpfen Ausbeutung in anderen Ländern nicht.

Noch mal zurück zur gespaltenen Mutterschaft: Ist da nicht etwas dran? Man weiss, dass wir Menschen wissen wollen, wo wir herkommen.
Ja, das ist sogar in der UNO-Kinderrechtskonvention festgeschrieben: Jedes Kind hat das Recht, seine genetische Abstammung zu kennen. Deshalb ist in der Schweiz auch die anonyme Samenspende verboten. Daran würde ich unbedingt festhalten. Wissen zu dürfen, von wem man abstammt, ist aber nicht gleichbedeutend mit dem Recht, bei den genetischen Eltern aufzuwachsen. Kinder brauchen verlässliche Bezugspersonen und das können soziale Elternteile ebenso gut sein. Das Leid, von dem Adoptions- oder Spenderkinder zum Teil erzählen, hat meistens damit zu tun, dass sie entweder keine Möglichkeit haben, herauszufinden, wer ihre genetischen Eltern sind, oder dass man sie hinsichtlich ihrer Herkunft belogen hat.

Ein schwules Paar hat in der Schweiz keine Möglichkeit, ein Kind zu bekommen. Sollte man die Leihmutterschaft zulassen?
Ja, aber wie die Eizellenspende unter sehr strengen Auflagen. Die Frau, die das Kind austrägt, muss entscheiden können, welche Eingriffe an ihrem Körper gemacht werden. Und: Die Leihmutter müsste erfasst werden. Denn die austragende Frau ist die erste Bezugsperson des Kindes. Das Kind sollte die Möglichkeit haben, diese Mutter kennenzulernen. Wenn Leihmutterschaft, dann bin ich für eine geteilte Elternschaft: Die Leihmutter sollte keine Frau sein, die man anonym bucht, sondern jemand, mit dem das Paar Kontakt hält.

Mit der Reproduktionsmedizin greift man massiv in die Natur ein. Dürfen wir das?
Es ist ein urmenschliches Bedürfnis, die Natur zu zähmen. Wenn man der Meinung ist, alles müsse natürlich ablaufen, dann muss man auch gegen das Impfen und die Organspende sein. Hinnehmen zu wollen, was die Natur vorgibt, kann eine überzeugende Position sein – aber sie lässt sich nicht per Gesetz der Mehrheit aufzwingen. ()

Erstellt: 05.05.2017, 16:49 Uhr

Zur Person

Barbara Bleisch

Dr. phil. Barbara Bleisch ist Mitglied des Ethik-Zentrums der Universität Zürich und schreibt an einem Sachbuch zur «Ethik der Familienbeziehungen». Die Philosophin ist zudem Moderatorin der Sendung Sternstunde Philosophie beim Schweizer Radio und Fernsehen. Bleisch lebt in Zürich.

Reproduktionsmedizin

Der Weg zum eigenen Kind

Künstliche Befruchtung: Bei der In-vitro-Fertilisation (IVF) werden Eizellen ausserhalb des Körpers befruchtet und anschliessend in die Gebärmutter eingepflanzt.

Eizellenspende/Samenspende:
Die Eizellenspende ist verboten. Unentgeltliche Samenspenden sind erlaubt, doch das Kind hat das Recht, mit 18 Jahren den Namen des Vaters zu erfahren.

Social Freezing: Eine Frau lässt sich in jüngeren Jahren Eizellen entnehmen und lässt sie einfrieren. Jenseits der Fruchtbarkeitsgrenze werden ihr die Eizellen nach einer künstlichen Befruchtung wieder eingesetzt. Gefrorene Eizellen dürfen maximal zehn Jahre aufbewahrt werden.

Leihmutterschaft: Eine Frau trägt ein Kind aus, das genetisch nicht mit ihr verwandt ist (die Eizelle stammt nicht von ihr). Nach der Geburt übergibt sie das Kind den Eltern, die das Kind «bestellt» haben. Die Leihmutterschaft ist in der Schweiz verboten.

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