Schuhdesign ist Handwerk

In liebevoller Handarbeit stellt Ena Ringli Schuhe her. Vor einem Jahr hat die Schuhdesignerin ihre erste eigene Damenschuhkollektion «yép» auf den Markt gebracht. Im Oktober folgen Herrenschuhe.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Vor den Fenstern ein idyllischer Essplatz unter einem grossen Baum, im Atelier überall Maschinen und Werkzeuge, die der Laie nicht kennt. Die Werkstatt von Ena Ringli in einer umgebauten Scheune liegt etwas abgelegen, in einem kleinen Weiler ausserhalb von Weinfelden.

Werkstatt für Prototypen

Hier ist sie aufgewachsen. Hierher, in ihr Elternhaus, ist sie nach ihrem Studium zur Schuhingenieurin in Deutschland und nach Jahren des Reisens für verschiedene Firmen der Schuhindustrie zurückgekehrt. Und hier stellt sie nun von Hand die Prototypen für ihre eigenen Schuhkollektionen her (siehe Box).

Schaut ihrem Gegenüber öfter mal auf die Füsse: Schuh-Designerin Ena Ringli. Warum sie Leute dennoch nicht anhand ihrer Treter beurteilt, sagt sie im Inverview.
(Video: Chantal Hebeisen)

Ena Ringli hat während mehr als zwölf Jahren in Italien, China, Holland und Österreich gelebt. Sie entwickelte für internationale Firmen der Schuhindustrie Kollektionen, überwachte Produktionen und verkürzte ganze Produktionsprozesse. Ständig pendelte sie zwischen den Firmenstandorten und Produktionsstätten hin und her, die auf der ganzen Welt angesiedelt waren.

Für grosse Firmen unterwegs

«Ich war soviel unterwegs, dass ich manchmal beim Aufwachen am Morgen im Hotelzimmer nicht mehr wusste, wo und in welcher Stadt ich mich befinde», erinnert sich die 37-jährige Designerin. Und: Manchmal sei sie morgens um sieben Uhr in Holland oder der Schweiz ins Flugzeug gestiegen, um darauf in Rumänien zu arbeiten. «Da wurde mir klar, jetzt ist es genug. Ich will nach Hause. Ich hatte genug vom Leben aus dem Koffer», sagt sie.

So konnte sie durch all die Reisen wertvolle Kontakte knüpfen und viele Erfahrungen sammeln. Doch mit dem ursprünglichen Beruf des Schuhmachens, hatte ihre Arbeit nicht mehr viel zu tun. «Ich liebe das Handwerk», sagt sie. Das Handwerk und das Entwickeln von neuen Modellen will sie denn auch in ihrer Werkstatt pflegen.

Sie hätte durch ihre früheren Tätigkeiten durchaus genug Kontakte, um ihre Schuhe in grösseren Mengen und günstiger produzieren zu lassen. Das will sie nicht. «Ich habe mir zum Ziel gesetzt, Schuhe in der Schweiz zu produzieren, auch wenn ich im Moment damit gegen den Strom schwimme und manch einer mich für etwas verrückt hält. Einen Versuch ist es Wert.»

Eine glückliche Fügung

Sie reiste also in die Schweiz zurück, mit der Idee im Gepäck, etwas eigenes zu schaffen. Und wie das Leben spielt, erhielt sie kurz darauf einen Anruf von einem Studienfreund aus Deutschland. Ein Kollege von ihm löste seine Schuhwerkstatt für Prototypen auf und liess anfragen, ob sie Interesse an den Maschinen habe. Ena Ringli musste nicht lange nachdenken. Sie sagte zu und übernahm den grössten Teil der Maschinen. «Der Kollege war glücklich und ich war glücklich.» Sei sie dadurch doch zu einem Komplettset gekommen, samt Zubehör zum Befestigen von Ösen.

Eigenes Label gegründet

In der Scheune ihrer Eltern, die das Haus zu dieser Zeit gerade umbauten, konnte sie ihre Werkstatt für Prototypen einrichten. Vor einem Jahr hat sie unter dem Label «yép» ihre erste Damenschuhkollektion auf den Markt gebracht. Diesen Herbst folgen die ersten swiss made Herrenschuhe.

Bevor sie sich an die Umsetzung ihrer Idee machte, verkaufte sie an zwei Tagen in der Woche in einem grossen Modehaus in Zürich Schuhe. «Ich wollte herausfinden, was die Kunden möchten und am Markt gefragt ist, um nicht an den Leuten vorbei zu produzieren.» Und so stellt sie eher klassische Schuhe her, die man länger als eine Saison tragen kann.

Noch hat sie ihr Ziel nicht erreicht, ihre eigenen Kollektionen selbst zu produzieren. Im Moment fertigt sie in ihrem Atelier «nur» ihre Prototypen an. Die Damenschuhe werden danach in Italien produziert, in Vigevano, der Schuhmacherstadt südwestlich von Mailand. Die Herrenschuhe lässt sie in Othmarsingen, in der Schweiz herstellen.

Reisen nicht aufgegeben

Das Reisen hat Ena Ringli nicht ganz aufgeben. Rund zwei Mal im Monat fährt sie nach Vigevano, um die Produktion der Damenschuhe zu überwachen. Sie arbeitet dort mit einem kleinen Familienbetrieb zusammen. Und sie wählt die Leder, die sie in Italien bezieht, selber aus. Ausserdem reist sie für eine grössere Firma regelmässig zur Kontrolle von deren Schuhherstellung in die Türkei. Daneben übernimmt sie externe Designaufträge. Denn leben kann sie von ihrem eigenen Label noch nicht.

Ena Ringli präsentiert ihre Schuhe am 2. Oktober am Stadt und Handwerkerfest in Wiesendangen, am 7. und 8. Oktober im Rahmen einer offenen Werkstatt in ihrem Atelier in Weinfelden, vom 3. bis 6. November an der Designgut in Winterthur und vom 27. bis 27. November an der Blickfang in Zürich. Weitere Informationen: www.yepstore.ch (Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 27.09.2016, 11:14 Uhr

Von der Idee zum fertigen Schuh

Wenn Ena Ringli in ihrer Werkstatt steht und erklärt, wie ein Design entsteht, ist sie in ihrem Element. Mit der Vorstellung im Kopf, wie der Schuh am Schluss aussehen soll, entwickelt sie zuerst die Grundform. Oder wie sie in der Fachsprache sagt: Sie erarbeitet zusammen mit einem Leistenmodelleur die Leistenform.

Das heisst, sie legt fest, ob der Schuh spitz oder rund sein soll und ob sie einen Stiefel oder Ballerina herstellen will. Der Leisten, ein Stück aus Kunststoff, das einem Fuss ähnlich sieht, dient ihr als Grundlage für die Form, die sie mit Klebeband übernimmt.

Diese Form überträgt sie auf den Computer und entwickelt das Schnittmuster. Darauf geht es an die eigentliche Herstellung des Schuhs. Und die hat sich in den letzten 100 Jahren nicht gross verändert. «Noch immer wird vieles von Hand gemacht», sagt Ena Ringli.

Nach dem Zuschneiden folgen unzählige Arbeitsschritte, in denen sie näht, formt und das Leder auf der Grundsohle (der sogenannten Brandsohle, wie es in der Fachsprache heisst) befestigt oder anzwickt. Und manchmal ändert sie noch ganz zum Schluss wieder etwas am Schnitt. Wenn sie nach dem Probetragen zum Beispiel feststellt, dass der Schuh zu eng sitzt.

Die Schuhe von «yép» werden Probe getragen. Entweder von Ena Ringli selber, wenn es sich um Damenschuhe handelt, oder von Männern aus ihrem Bekanntenkreis, wenn es Herrenschuhe sind. «Das ist wichtig, weil ich nur so feststellen kann, ob ein Schuh bequem ist, wenn man ihn längere Zeit braucht.» Denn: «Ein Schuh muss nicht nur schön aussehen, er muss auch gut am Fuss sitzen.» Für sie seien Schuhe Alltagsgegenstände, in denen man sich wohlfühlen müsse. «Da bin ich wohl mehr Technikerin als Designerin.»

Das Schwierigste an der Schuhherstellung sei, dass es «immer einen Zweiten braucht». Denn jeder Schuh muss gespiegelt werden und dazu ist exaktes Arbeiten gefordert. «Es gibt nichts, was mehr stört, als wenn man von oben auf die Schuhe schaut und denkt, da stimmt etwas nicht.»

Die Farben spielen zu Beginn des Designprozesses eher eine untergeordnete Rolle. Das obwohl die «yép»-Kollektionen durch ausgefallene Farbkombinationen ins Auge stechen und Ena Ringli auch mal Kuhfelle mit Leder kombiniert.

Die Formen an sich sind klassisch. Die Schuhe sind von A bis Z handgefertigt, es gibt sie ab 300 Franken das Paar. Das ist nicht günstig, dafür können sie dank der klassischen Formen länger als eine Saison getragen werden. Zum Vergleich: Hochwertige Markenschuhe kosten schnell einmal um 200, Designerschuhe sogar mehr als 400 Franken, und das obwohl sie aus grossen Serienproduktionen stammen.

Ena Ringli stellt Damen- und Herrenschuhe her. Für die Damen gibt es klassische Schnürschuhe, Pumps, Ballerinas und im Winter auch Stiefeletten, für die Herren ganz neu, ab Oktober drei Modelle in verschiedenen Farben. Erhältlich sind die Schuhe an Messen, im Onlineshop oder in der Werkstatt in Weinfelden. ssc

Das Label

Der Labelname «yép» bedeutet, angelehnt ans Vietnamesisch, Schlarpe. Er stammt aus der Zeit, als Ena Ringli mit ihrem Freund, einem Vietnamesen, der in der Schweiz aufgewachsen ist, und ihrer besten Freundin einen kleinen Laden in Zürich führte.

Die drei importierten Produkte aus Vietnam. «Wir waren jung und probierte etwas aus. Um den Laden weiterzuführen, hätten wir nach zwei, drei Jahren etwas ändern müssen. Da reiste ich aber für mein Studium nach Deutschland», sagt Ena Ringli. Da sie den Namen «yép» schon registriert hatten, übernahm Ringli ihn für ihr Label. «Er passt, auch wenn das Label keinen direkten Bezug mehr zu Vietnam hat.» ssc

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Bonus-Angebote

Bonus-Angebote

Alle Bonus-Angebote im Überblick.

Kommentare

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben