So schenkt man anderswo

Heute Abend liegen in den meisten Schweizer Haushalten Geschenke unter dem Christbaum. Wie funktioniert das Schenken in anderen Kulturen? Zu welchen Gelegenheiten schenkt man sich etwas – und was? Fünf Menschen aus fünf Ländern erzählen von ihren Erfahrungen mit dem Schenken.

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Kirgistan:
50 Hemden zur Hochzeit

Baktygul Karimova aus Kirgistan lebt seit 12 Jahren in Zürich.

«Bei uns in Kirgistan ist Schenken sehr wichtig. Wenn ich zufällig auf der Strasse einen Onkel treffe, dann gebe ich ihm Geld. Der Betrag hängt davon ab, wie nahe er mir steht oder wie viel Geld er unserer Familie schon geschenkt hat. Man sagt dazu «Das Geld ist für Samosas und Schaschlik» oder «Trinke mal einen Tee». Gemeint ist, dass er damit essen gehen soll.

Der Onkel wird dann weitererzählen, dass und wie viel Geld ich ihm gegeben habe und so steigt der Status meiner Eltern – denn bei uns gilt: «Gute Eltern erziehen gute Kinder.» Wenn unsere Familie von jemandem ein Geschenk erhalten hat, geben wir bei der nächsten Gelegenheit mehr zurück. Man versucht sich immer zu überbieten. Das ist aber nur ausserhalb der Kernfamilie so, unter Eltern und Kindern oder Grosseltern und Grosskindern beschenkt man sich aus reiner Freude. Als Geschenk ist Geld sehr beliebt, aber auch Esswaren oder Kleider. Zu Hochzeiten schenkt man zum Beispiel vor allem Kleider. Es kann gut sein, dass das Brautpaar nach der Hochzeit 50 Männerhemden, 60 Jacken, diverse Hüte und Schuhe etc. hat. Was sie nicht brauchen können, geben sie einfach an der nächsten Hochzeit weiter. Manchmal wird zum Beispiel ein Kopftuch so oft weiterverschenkt, dass es alt wird und nicht mehr schön aussieht.

In Kirgistan schenkt man etwas zu Feiertagen wie Geburtstagen, Hochzeiten oder Traueranlässen, aber auch, wenn man zu Besuch geht. Im Norden von Kirgistan leben russisch-orthodoxe Christen, die feiern am 7. Januar Weihnachten. Bei uns im Süden ist seit der Sowjetzeit Silvester sehr wichtig, dann beschenken wir uns auch.»


Japan: Die Verpackung ist wichtig
Yoko Sawa aus Japan lebt seit vier Jahren in Zürich.
«In Japan ist nicht nur der Inhalt wichtig, sondern auch die Verpackung: Geschenke werden kunstvoll dekoriert. Aus Papier gefaltete Dekorationen sind Teil unserer Kultur. In den Läden findet man bereits schön eingepackte Kleinigkeiten, die man mitbringt, wenn man bei jeman­dem eingeladen ist. Das können zum Beispiel japa­nische Süssigkeiten aus Reismehl sein, Kekse oder Kuchen.

Zu Hochzeiten schenkt man vor allem Geld. Es darf allerdings ­keine gerade Zahl sein, weil man diese teilen kann und das symbolisch für eine Trennung steht. Aus dem gleichen Grund darf man ­keine Spiegel schenken, schliesslich sind sie zerbrechlich. Am Ein­gang­ zum Fest stehen jeweils zwei Per­so­nen, denen man das Ge­schenks­­geld abgibt – man schenkt das Geld also nicht ganz offiziell.

Wichtig ist bei uns, dass der Beschenkte etwas zurück schenkt. Bei einer Hochzeit soll man zum Beispiel einen Fünftel bis einen Viertel des Betrages, den man bekommt, wieder zurückgeben. Allerdings nicht in Form von Geld, sondern man verschenkt ein Tuch, einen Teller oder etwas anderes als Erinnerung. Oft bereitet das Brautpaar die Geschenke schon vor der Hochzeit vor und legt diese auf den Esstischen bereit. In Japan schenkt man sich zu allen Feierlichkeiten wie Geburts­tagen, Schulanfang oder Hochzeiten etwas. Obwohl es nur etwa fünf Prozent Christen gibt, ist Weihnachten in den Städten präsent. Das kommt aus Amerika, es geht vor allem ­darum, Sachen zu verkaufen. Am 24. Dezember feiert man dann eine Party mit Freunden. Man beschenkt sich auch – allerdings bekommt jede Person nur ein bis zwei ­Geschenke.»

Brasilien: Je süsser, desto besser
Tina Billeter aus Zürich lebt seit 1½ Jahren in Brasilien.
«Die meisten Brasilianer sind Christen und viele sind sehr religiös. Weihnachten ist deshalb ein grosses Thema. An der Art, wie Weihnachten gefeiert wird, sieht man, dass Brasilien einerseits ein Immigrationsland ist und andererseits die USA das grosse Vorbild sind. Am 24. Dezember bringt nämlich der Samichlaus die Geschenke vorbei, allerdings ohne die Kinder zu loben oder zu tadeln. Das ist eine Mischung aus der europäischen Kultur des Samichlaus, der am 6. Dezember als wahrhaftige Person vorbeikommt, und der amerikanischen Kultur, wo der Weihnachtsmann durch den Kamin ins Haus steigt und – ohne gesehen zu werden – die Weihnachtsgeschenke bringt.

Wenn man in Brasilien zu jemandem zu Besuch geht, bringt man etwas mit. Ähnlich wie in der Schweiz sind Blumen, Wein und etwas zum Spielen für die Kinder beliebt. Süssigkeiten sind auch immer willkommen: je süsser, desto besser. Die Brasilianer konsumieren weltweit am meisten Zucker pro Kopf. Zur Weihnachtszeit bringen viele einen Panettone mit, der mit flüssigem Caramel gefüllt ist. Geschenke werden in Brasilien immer sehr üppig verpackt mit viel Papier, Mäschchen und Glitzer.

Man beschenkt sich in Brasilien an den gleichen Anlässen wie bei uns: zu Geburtstagen, an Hochzeiten etc. Es gibt zwei Dinge, die man nicht verschenken darf: lila Blumen, denn die symbolisieren Trauer, und argentinischen Wein – mit dem Nachbarland Argentinien steht Brasilien in Konkurrenz.»

Nigeria: Der Schenkende erwartet kein «Danke»
Amos Omoruyi aus Nigeria lebt seit 23 Jahren in der Schweiz und seit sieben Jahren in Winterthur.

«Hochzeiten und Geburten sind in Nigeria die Hauptanlässe, zu denen man sich etwas schenkt. Am siebten Tag nach der Geburt eines Kindes wird ein grosses Fest gefeiert. Die Gäste bringen Geschenke mit und an diesem Fest wird auch entschieden, wie das Kind heissen wird. Alle machen Vorschläge und am Schluss stimmt man darüber ab, welcher Name der beste ist.

Eine Hochzeit ist in Nigeria ein offenes Fest: Jeder darf kommen und jeder bringt etwas mit. Als Geschenke sehr beliebt sind elektronische Geräte wie Mikrowelle, Fernseher oder Ventilatoren. Das Brautpaar verschickt im Vorfeld anders als in der Schweiz keine Wunschliste, sondern es lässt sich von den Geschenken überraschen. Das kann dazu führen, dass es vier Mikrowellengeräte oder drei Ventilatoren erhält. Was es nicht brauchen kann, schenkt es einfach an der nächsten Hochzeit weiter.

Wer ein Geschenk bringt, legt es auf einen Tisch. Manchmal weiss das Brautpaar nicht, wer welches Geschenk gebracht hat. Das macht aber nichts, man muss sich nicht dafür bedanken; der Schenkende erwartet keine Rückmeldung.

Etwa 40 Prozent der Bevölkerung in Nigeria sind Christen, die Weihnachten feiern. Vor 40 Jahren, als ich ein Kind war, bekamen wir an Weihnachten immer neue Kleider und Schuhe – aber keine Spielsachen. Am 25. und am 26. Dezember zogen wir Kinder frisch eingekleidet von Verwandten zu Verwandten. Dort bekamen wir etwas zu trinken und zu essen und vor allem etwas Geld. Das war das Highlight des Jahres! In den zwei Tagen legten wir weite Strecken zurück. Heute ist das anders, die Jungen sind ein bisschen bequem geworden.»

Burma: Messer sind tabu
Sanda Haas aus Zürich hat Verwandte in Burma und besucht das Land regelmässig.

«Wenn ich als Gast aus dem Ausland nach Burma komme, dann bringe nicht nur ich etwas mit, sondern auch ich werde beschenkt von den Gastgebern. Meistens sind das selbst gekochte oder gekaufte Esswaren, die sie mir entweder bei der Ankunft oder beim Abschied geben: Spezialitäten aus der Region, zum Beispiel getrockneten Fisch, getrocknete Crevetten oder Grüntee.

Die Burmesen selber haben Freude an Dingen, denen man ansieht, woher sie kommen, also Kalender aus der Schweiz oder Schokolade mit Bildchen aus der Schweiz. Oder Dinge, die es zwar gibt in Burma, aber in nicht so guter Qualität: Kugelschreiber, Kleider, Make-up oder Taschenlampen. Meine Verwandten sind stolz, wenn sie solche Souvenirs herumzeigen können.

Kindern und Angestellten darf man Geld schenken, aber nie offen, sondern in einem Couvert. Stoff ist auch ein beliebtes Geschenk: entweder unverarbeitet oder zu einem Rock vernäht (Sarong).

Was man nicht schenken darf, sind Messer – diese werden als aggressiv empfunden. Schenkt man ein Messer, beeinträchtigt man die Freundschaft, heisst es. Doch es gibt einen Trick, um doch ein Messer – zum Beispiel ein Schweizer Sackmesser – schenken zu können: Der Beschenkte gibt einen symbolischen Geldbetrag zurück. So hat er das Messer quasi selbst gekauft.

Es gibt wenige Christen in Burma, die Weihnachten feiern. Knapp 90 Prozent der Bevölkerung sind Buddhisten. Ein wichtiger Anlass ist das buddhistische Lichterfest Mitte Oktober. Mit Geschenken wie Kuchen, Früchten, Kleidern oder Kerzen (um sie in der Pagode anzuzünden) ehrt man die Alten. Wie in der Schweiz beschenkt man sich in Burma auch zu Geburts­tagen und an Hochzeiten.» (Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 23.12.2016, 12:01 Uhr

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