Spielerisch den Kapitalismus kennen lernen

Ein neues Bilderbuch bringt Kindern ab vier das Thema Geld näher. In diesem Alter gehe es vor allem darum, dass die Kinder das Warten lernen, sagt Marianne Heller von Pro Juventute.

Wenn Kinder kein Geld haben, dann zeichnen sie eben welches! Alma und Milan schreiben Zahlen mit ganz vielen Nullen dran.

Wenn Kinder kein Geld haben, dann zeichnen sie eben welches! Alma und Milan schreiben Zahlen mit ganz vielen Nullen dran. Bild: Claudia de Weck (aus dem Buch)

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Pro Juventute hat das Bilderbuch «Geld zu verkaufen» initiiert – warum braucht es dieses Buch?
Marianne Heller:* Kinder kommen heutzutage unter anderem als Zielgruppe der Werbung schon sehr früh mit den Themen Geld und Konsum in Berührung. Wir wollten ein Bilderbuch machen, in dem wir das abstrakte Thema in eine kindergerechte und spannende Geschichte verpacken. Nur sehr wenige Kinder- und Jugendmedien greifen den Umgang mit Geld und Konsum auf.

Was ist die Botschaftdes Buches?
Dass Geld zwar in unserer Welt eine wichtige Rolle spielt, dass die stärkste Währung aber die Freundschaft bleibt. Dass es Werte gibt, die über Konsum und Geld hinausgehen. Für die Schuldenprävention ist es sehr wichtig, dass die Kinder ein gesichertes Wertesystem haben. Sie sollten über Werte verfügen, bei denen es darum geht, was sie sind, und nicht, was sie haben. Wir wollten auch aufzeigen, dass man nicht alles haben kann – und auch nicht haben muss, um glücklich zu sein.

Wann soll man als Eltern beginnen, mit dem Kind über Geld und Konsum zu sprechen?
Die Gelegenheiten ergeben sich im Erziehungsalltag ganz von allein. Viele Eltern sind zum Beispiel mit Auseinandersetzungen vor der Kasse im Supermarkt konfrontiert, weil das Kind gerne die Bonbons hätte, die dort angeboten werden. Das kann eine Gelegenheit sein, das Thema aufzugreifen.

Wie können Kinder lernen,mit Geld umzugehen?
Zuerst einmal ist es wichtig, dass sie lernen, auf etwas, das sie gerne hätten, zu verzichten, ohne einen Tobsuchtsanfall zu bekommen. Man nennt das Belohnungsaufschub. Wenn man den Belohnungsaufschub aushalten kann, hilft einem das auch sonst im Leben. Zudem ist es mit dem Geld wie mit anderen Dingen: Den Umgang damit lernen Kinder schrittweise. Wenn sie Velofahren lernen, fangen sie auch zuerst auf dem Vorplatz an und gehen erst dann auf die Strasse. Gibt man den Kindern in einem übersichtlichen Rahmen Geld, können sie den Umgang damit üben, ohne gleich auf die «Autobahn» zu kommen.

Sie meinen, indem man Taschengeld gibt?
Taschengeld ist ein gutes Instrument, um dem Kind einen Handlungsspielraum zu geben. Jede Familie muss für sich entscheiden, ob sie es einführen will oder nicht. Denn auch ohne Taschengeld erhalten die meisten Kinder Geldgeschenke von den Grosseltern oder Götti und Gotte. Wichtig beim Taschengeld ist vor allem, dass die Kinder lernen, mit dem umzugehen, was sie zur Verfügung haben, und dass die Eltern nicht sofort aushelfen, wenn das Geld nicht reicht.

Sie empfehlen das Geben von Taschengeld nicht ausdrücklich?
Nein, auch ohne Taschengeld können Kinder den Umgang mit Geld lernen. Was wir aber ab 12 Jahren empfehlen, ist der Jugendlohn.

Was ist das?
Mit dem Jugendlohn bekommt ein Jugendlicher jeden Monat einen fixen Geldbetrag, mit dem er für gewisse, vorher abgemachte Lebensbereiche aufkommen muss. Zum Beispiel für Kleider, Hygieneartikel und Freizeitaktivitäten.

Warum ist der Jugendlohnso wichtig?
Mit zwölf Jahren sind die Kinder am Anfang oder kurz vor der Pubertät. Die Teenager möchten nicht immer zu den Eltern gehen, um um jeden Franken zu bitten. In diesem Alter fordern Jugend­liche mehr Mitbestimmung und einen grösseren Handlungsspielraum. Sie können auch schon gut ihre Bedürfnisse einschätzen und sind in der Lage, Geld einzuteilen. Unsere Erfahrungen zeigen zudem, dass auch Jugendliche, die kein Taschengeld hatten, gut mit dem Jugendlohn umgehen können.

Noch einmal zum Taschengeld: Darf ein Kind damit kaufen, was es will?
Bevor man Taschengeld einführt, sollte man klare Regeln abmachen: Was wird von den Eltern bezahlt, was muss vom Taschengeld bezahlt werden? Wenn das grundsätzlich geregelt ist, entscheidet das Kind selbst über sein Geld. Es soll auch mal Fehler machen dürfen. Sonst gibt es keinen Lerneffekt.

Ein 6-Jähriger darf also Woche für Woche sein Taschengeld für Süssigkeiten ausgeben.
Ja. Die Familienregeln sollen aber trotzdem gelten. Wenn man zum Beispiel die Regel hat, dass vor dem Essen keine Süssigkeiten konsumiert werden, dann werden auch keine Süssigkeiten gegessen, die vom Taschengeld gekauft wurden.

Zurück zu den kleineren Kindern, an die sich das Bilderbuch «Geld zu verkaufen» richtet: Wie lernen 4- bis 6-Jährige, die noch kein eigenes Geld haben, das System kennen?
Man kann zum Beispiel erklären, dass aus dem Bancomaten nicht unendlich viel Geld herauskommt oder dass die Eltern ihre (Arbeits-)Zeit gegen Geld eintauschen. Oder man fragt das Kind, was es sich auf den Geburtstag wünscht, und schreibt gemeinsam eine Wunschliste. Das Kind sollte das Warten lernen und vielleicht merkt es dann, dass es sich noch mehr über etwas freut, wenn es darauf warten musste. Kann das Kind schon rechnen, kann man zum Beispiel nach einem Ausflug in den Europapark zusammen ausrechnen, was der Tag gekostet hat. Es ist wichtig, dass die Kinder altersgerecht erfahren, was das Leben so kostet.


* Marianne Hellerist Leiterin Bildung und Information bei der Stiftung Pro Juventute und unter anderem zuständig für die Aktivitäten zum Thema Finanzkompetenz. Sie hat das Buchprojekt «Geld zu verkaufen!» initiiert und begleitet. ()

Erstellt: 24.02.2017, 15:16 Uhr

Zur Person

Marianne Heller

Marianne Heller ist Leiterin Bildung und Information bei der Stiftung Pro Juventute und unter anderem zuständig für die Aktivitäten zum Thema Finanzkompetenz. Sie hat das Buchprojekt «Geld zu verkaufen!» initiiert und begleitet.

Das Buch

Geld ist wichtig - aber nicht das Wichtigste

Alma baut ein Baumhaus. Milan will auch. Seine Mutter kauft ihm Bretter – doch plötzlich ist ein Teil weg. Alma hat die Bretter geklaut! «Wenn dort viel ist und hier wenig, dann teilt man», erklärt sie. Schliesslich bauen die beiden gemeinsam weiter und haben eine kreative Idee, wie sie zu Geld kommen könnten, um die fehlende Strickleiter zu kaufen. Es geht ums Schenken, Tauschen, Teilen, Arbeiten, Kaufen, Verkaufen, Zielehaben, Sparen und um Freundschaft.
«Geld zu verkaufen!» ist ein schön illustriertes Bilderbuch, durch das kleine Kinder spielerisch lernen, wie das kapitalistische System funktioniert. Lehrpersonen finden auf der Web­seite von Pro Juventute (www. projuventute.ch) Anregungen, wie sie das Buch in den Unterricht integrieren können.

Geld zu verkaufen! Lorenz Pauli, Claudia de Weck. Atlantis-Verlag. 2017 (ab 27.2. im Handel), ca. 25 Fr. Ab 4 J.

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