«Stress beginnt dort, wo wir ihn empfinden»

Mütter und Väter sind besonders stressgefährdet. Die Psychologin Christina Breitenstein rät, sich selbst Gutes zu tun – und mit dem Partner über den eigenen Stress zu reden.

<b>Kinder betreuen, arbeiten, waschen, aufräumen</b> ­– Eltern sind im Alltag besonders gefordert. Sind die Anforderungen grösser als die verfügbaren Ressourcen, fühlt man sich gestresst.

Kinder betreuen, arbeiten, waschen, aufräumen ­– Eltern sind im Alltag besonders gefordert. Sind die Anforderungen grösser als die verfügbaren Ressourcen, fühlt man sich gestresst. Bild: Shotshop

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Was führt bei Eltern zu Stress?
Christina Breitenstein: Das sind die gleichen Faktoren, die bei allen Menschen zu Stress führen: Eine Häufung von Anforderungen. Das kann ein langer Arbeitsweg sein plus Zeitdruck bei der Arbeit plus eine kurze Nacht und dazu noch ein schwieriges Gespräch mit dem Partner. Stress entsteht, wenn die Anforderungen grösser sind als die Ressourcen, über die man verfügt. Dadurch, dass Kinder zusätzliche Anforderungen stellen, fällt das System bei Eltern schneller aus dem Gleichgewicht als bei Kinderlosen. Stress ist allerdings etwas sehr Subjektives, er beginnt dort, wo wir Stress empfinden.

Welche Ressourcen helfen einem dabei, Anforderungen gut zu bewältigen?
Wenn man gesund ist, gut geschlafen hat und grundsätzlich ein positiv denkender Mensch ist, dann verträgt man mehr. Neben den internen gibt es auch externe Ressourcen, zum Beispiel die Unterstützung, die man bekommt. Das können die eigenen Eltern sein, die in der Nähe wohnen und die Kinder ab und zu hüten, oder eine flexible Kinderkrippe, die das Kind auch mal nimmt, wenn man selbst krank ist.

Wie vermeidet man Stress?
In der heutigen Zeit ist es schwierig, Stress ganz zu vermeiden. Aber wenn man die eigene Belastungsfähigkeit erhöht, tut man viel für die Stressprävention. Wie man die persönlichen Ressourcen stärkt, ist sehr individuell: Dem einen tut Sport gut, ein anderer möchte lieber meditieren, ein Bad nehmen oder einen Spaziergang machen. Diese Aufmerksamkeit muss man sich schenken. Und man sollte diese Zeit geniessen, denn Genuss ist sehr wichtig für den Stressabbau.

Die Strategien, um Stress zu vermeiden sind also die gleichen, ob man Kinder hat, oder nicht.
Ja, aber für Eltern ist es schwieriger, sich solche Auszeiten zu nehmen. Doch egal, wie eingespannt man ist mit dem Beruf und den Kindern, man sollte unbedingt versuchen, sich selber Inseln für den Stressabbau zu schaffen. Denn wenn der Stress einmal chronisch geworden ist, dauert es viel länger, bis man sich wieder erholt. Paare können sich zum Beispiel alternierend einen freien Abend pro Woche zugestehen oder man spannt die eigenen Eltern zur Kinderbetreuung ein. Diese Freiräume sollten möglichst regemässig ein.

Angenommen, man ist bereits gestresst. Wie kommt wieder daraus heraus, ohne ein Magengeschwür zu bekommen?
Der Stressabbau beginnt mit der Selbstaufmerksamkeit. Zuerst sollte man wahrnehmen, dass man an seine Grenzen kommt und das vielleicht auch dem Umfeld kommunizieren.

Schönreden oder Verdrängen ist also keine gute Strategie?
Nein. Denn erst wenn man sich eingestanden hat, dass man gestresst ist, wird man handeln. Dann kann man überlegen, inwiefern man etwas an den Anforderungen ändern kann. Das können die Anforderungen sein, die man an sich selbst stellt oder Anforderungen, die von aussen kommen. Oder man holt sich Unterstützung und gibt Aufgaben ab. Eine der wichtigsten Stressbewältigungs-Ressourcen, die man hat, ist übrigens der Partner. Der Partner kann zwar einerseits ein grosser Stressfaktor sein, umgekehrt ist er aber auch eine grosse Ressource.

Warum ist der Partner wichtig für den Stressabbau?
Für eine zufriedene Partnerschaft ist die gemeinsame Stressbewältigung zentral. Funktioniert sie, wird die Partnerschaft als Ganzes als unterstützend und wertvoll erlebt.

Wie kann der Partner helfen?
Man hat herausgefunden, dass Frauen durch Berührungen besonders gut Stress abbauen.

Männer nicht?
Doch, aber weniger! Bei Frauen wirkt eine feste Umarmung oder eine Massage stärker Cortisol abbauend als bei Männern. Männer profitieren vor allem von Gesprächen.

Das widerspricht ja jeglichen Klischees!
Frauen tun Gespräche auch gut, aber weniger stark als Männern.

Männer ziehen sich bei Stress häufiger zurück und sind zurückhaltend mit Stressäusserungen. Doch wenn sie reden, dann tut es ihnen gut.

Wie sieht ein stressabbauendes Gespräch aus?
In erster Linie geht es darum, dem Partner zu sagen, dass man gestresst ist. Viele glauben, dass der Partner das von alleine merkt. Da Stress jedoch etwas sehr Individuelles ist, ist es für eine andere Person nicht immer offensichtlich oder gar nachvollziehbar, dass einen etwas stresst. Es ist sehr wichtig, dass man sich als Paar Zeit nimmt für ein solches Gespräch. Dieses kann nicht zwischen Tür und Angel stattfinden, auch nicht, wenn man kocht und daneben noch die Kinder beaufsichtigt. Man sollte sich eine kurze Auszeit nehmen, in der man die Ruhe hat, dem anderen zuzuhören. Man muss dem Partner die ganze Aufmerksamkeit schenken. Das alleine kann schon zum Stressabbau beitragen. Zuhören ist etwas, das viele Paare unterschätzen.

Warum?
In unserer Leistungswelt haben wir die Mode, auf jedes Problem eine Lösung zu präsentieren, statt sich das Problem anzuhören und mit dem anderen zusammen auszuhalten. Eine Partnerschaft funktioniert nicht wie die Arbeitswelt. In der Partnerschaft zählen die Emotionen und nicht die Leistung. Vom Partner möchte man Verständnis und Interesse, aber keine Lösung. Sagt der Partner Dinge wie «du hättest halt...», wirkt das zusätzlich stressend, weil es sich wie eine zusätzliche Anforderung anhört.

Wenn beide Partner gestresst sind, ist es schwierig, dem anderen zuzuhören.
Ja, das ist eine Herausforderung in der Paarbeziehung. Man muss nicht nur mit dem eigenen Stress umgehen, sondern auch noch mit jenem vom Partner. Wenn der eine die Ressourcen hat, dem anderen bei der Stressreduktion zu helfen, dann kann das ein Paar stärken. Fehlen aber beiden die Ressourcen, dann braucht es viel Vertrauen und Stabilität, dass man bereit ist, den eigenen Stress etwas zurückzustellen und zuerst dem anderen zuzuhören, weil man weiss, dass man später auch noch dran kommt. Sind beide gestresst, kommt es oft zu Missverständnissen und Konflikten.

Ist der Stress grösser, je mehr Kinder man hat?
Unsere Studien zeigen, dass die Zeit nach der Geburt des zweiten Kindes noch einmal eine grosse Herausforderung ist für die Eltern. Beim dritten Kind nimmt der Stress dann sukzessive ab, denn die Paare haben Strategien entwickelt, die auch für mehrere Kinder funktionieren. Es kommt aber auch auf den Charakter der Kinder an, wie gross der Altersabstand ist und ob ein älteres Kind schon Aufgaben übernehmen kann, um die Eltern zu entlasten. Je mehr Menschen zusammenleben, desto mehr potenziellen Stress gibt es – denn die Eltern müssen ein Stück weit auch den Stress der Kinder regulieren. Familien haben oft mehr Stress als Personen, die nur für sich selbst sorgen müssen.

Sollte man also keine Kinder haben, wenn man weniger Stress will?
Familie ist etwas, das viel Energie braucht – andererseits kann sie auch eine Ressource sein. Verbringt man Qualitätszeit mit dem Kind, gibt einem das oft mehr Energie, als dass es einem entzieht.

(Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 27.01.2017, 15:59 Uhr

Zur Person

Die Psychologin Dr. phil. Christina Breitenstein ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Paartherapeutin am Psychotherapeutischen Zentrum der Universität Zürich. Sie leitet zudem Paarlife-Trainings. Paarlife ist ein Angebot der Universität Zürich zur Beziehungspflege und Prävention von Partnerschaftsstörungen. Das Programm wurde von Prof. Dr. Guy Bodenmann aufgrund seiner wissenschaftlichen Forschung zum Thema Stressbewältigung und Partnerschaft entwickelt. Mittels Studien, an denen Christina Breitenstein mitwirkt, wird Paarlife ständig auf seine Wirksamkeit überprüft und weiterentwickelt.
www.paarlife.ch

Stress hat körperliche Auswirkungen

In welchen Situationen ein Mensch Stress empfindet, ist sehr individuell. Fühlt sich ­jemand gestresst, wird seine ­Gehirnanhangsdrüse aktiviert und in der Nebenniere wird das Hormon Cortisol ausgeschüttet. Die Konzentration des Cortisols kann im Blut oder Speichel ­gemessen werden.
Stress kann körperliche Auswirkungen haben wie Kopfschmerzen, Bauchweh oder Schwitzen. Bleibt die Cortisol-Konzentration über längere Zeit hoch, ist man chronisch gestresst und kann an Herz-Kreislauf- Beschwerden, Herzinfarkten oder Magengeschwüren ­erkranken. Studien haben ­zudem gezeigt, dass Menschen, die unter chronischem Stress ­leiden, mehr Karies haben als der Durchschnitt.

Stress hat auch positive Seiten: Er ermöglicht enorme Leistungen. Wenn man sich gefordert fühlt im Sinne von: «Das ist schwierig, aber ich schaffe das», dann tut einem der Stress gut. Erst wenn man sich überfordert fühlt, kippt die Situation ins ­Negative.

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