Therapie auf dem Pferderücken

Die Bewegungen des Pferdes können heilend wirken. Die Hippotherapie-K-Stunden sind bei Patienten jeden Alters sehr beliebt. Das zeigt der Therapie-Besuch bei Remo und Lina.

Was wie ein netter Reitausflug aussieht, ist eine Physiotherapie-Stunde: Remo (vorne) und Lina (hinten) trainieren auf dem Pferderücken unter anderem eine bessere Haltung.

Was wie ein netter Reitausflug aussieht, ist eine Physiotherapie-Stunde: Remo (vorne) und Lina (hinten) trainieren auf dem Pferderücken unter anderem eine bessere Haltung. Bild: Enzo Lopardo

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Geübt schwingt Remo ein Bein über Pedros Rücken und hält sich am Gurt gut fest. Für den geistig und körperlich behinderten 21-Jährigen ist es nicht die erste Therapiestunde auf einem Pferd. «In der Hippotherapie trainieren wir mit Remo eine aufrechte Haltung, da er meist sehr gebückt geht. Wir versuchen, Rücken- und Bauchmuskulatur gezielt zu stärken», erklärt Ceverine Keller, Therapeutin für Hippotherapie-K bei der Brühlgut Stiftung in Winterthur. Die Fortschritte waren schon nach wenigen Wochen sichtbar: Remo geht nun deutlich aufrechter durchs Leben.Bei der Hippotherapie wird die Bewegungsübertragung vom Pferdeschritt auf den Patienten genutzt – ohne dass dieser aktiv auf das Pferd einwirkt. So werden die Muskeln gelockert, das Gleichgewicht trainiert und die Stabilität gefördert. «Die Patienten lassen sich von der Bewegung des Pferdes mittragen, während wir Therapeuten die notwendigen Hilfestellungen geben und die Bewegungen verstärken, lenken und steuern», sagt Ceverine Keller. Vor und zurück, schnell und langsam lässt sich Remo von Pferd Pedro – der von einer erfahrenen Pferdeführerin geführt wird – über Wiesen und Felder Richtung Wald tragen. Die Hippotherapie findet stets im Freien statt.

Für kleine Kinder gut geeignet

Gerade bei kleinen Kindern hat das Vorteile, wie Lina beweist. Die Dreijährige leidet an Trisomie 21 und damit verbunden an einer sehr tiefen Körperspannung. Mit Therapeut André Roeder sitzt sie nun auf Pferd Samira und lacht fröhlich in die Runde. Schon nach wenigen Metern kann der Therapeut absteigen. Es ist eine Premiere: Stolz sitzt das kleine Mädchen nun alleine auf dem Pferd. «In einer normalen Physiotherapie-Stunde hätte ich ihre Aufmerksamkeit für die Übungen schon nach wenigen Minuten verloren. Hier kann ich den therapeutischen Input über 45 Minuten aufrechterhalten. Und dies ganz nebenbei», sagt André Roeder.

Kleinere Kinder sind im Freien besonders wach und aufmerksam – vieles ist neu und spannend. Sie sind dadurch sehr aufnahmefähig, was die Wirkung der Hippotherapie erhöht. Sanft unterstützt André Roeder Lina beim Reiten. «Auf einem Pferd lässt sich die zu tiefe Muskelspannung auf ideale Art und Weise leicht erhöhen, sodass Lina an Stabilität gewinnt», erklärt der Therapeut und stellt dann erfreut fest, dass sich das kleine Mädchen gut am Sattel festhält. «In ihrer ersten Hippotherapie-Stunde waren Linas Hände ständig in der Luft. Dass sie sich nun festhält, wirkt sich positiv auf Muskelspannung und Stabilität aus.»

Schnelle Fortschritte

Pferd Pedro hält abrupt an. Ceverine Keller will Remos Reaktion auf den plötzlichen Stopp testen. Der 21-Jährige kann die Balance sehr gut halten. «Noch vor ein paar Wochen wäre dies nicht möglich gewesen», sagt die Therapeutin. Oft wird das Tempo leicht variiert, es werden neue Routen gesucht, um Steigungen und Gefälle einzubauen und die Patienten – je nach Schwierigkeitsgrad – zu fordern. Als Gleichgewichtstraining und zur Lockerung der Muskulatur bei spastischen Lähmungen oder erhöhter Körperspannung eignet sich die Hippotherapie besonders gut.

«Oft beobachten wir ein ganz anderes Bewegungsverhalten auf dem Pferd. So können sich beispielsweise Patienten mit Ataxie, deren Hände normalerweise immer in der Luft sind und sehr unkontrollierte Bewegungen machen, meist gut festhalten auf dem Pferd», sagt Ceverine Keller. Remo übt unterdessen das freihändige Reiten. Auch das klappt problemlos – ganz zur Freude von Patient und Therapeutin.

Auf Neues einlassen

Die Hippotherapie eignet sich nicht für alle Patienten. «Gerade bei Schwerbehinderten ist es zu Beginn ein Austesten, was möglich ist», sagt Ceverine Keller. Damit die Brühlgut Stiftung am Standort Wyden in Winterthur-Wülflingen auch Menschen im Rollstuhl die Hippotherapie ermöglichen kann, wurde von einem der internen Ateliers eigens eine Rampe erstellt, um besser auf die Pferde aufsteigen zu können. Manche Patienten sind der Hippotherapie gegenüber eher skeptisch eingestellt – wie vielem Neuem. «Gerade Patienten mit Trisomie 21 haben oft Schwierigkeiten, sich auf Neues einzulassen. Bei ihnen wird diese Konfrontation mit neuen Situationen aber immer wieder gezielt gesucht, damit sie lernen können, damit umzugehen», erklärt die Therapeutin.

Oft ist auch grosser Respekt vor den Pferden vorhanden – vor allem bei den Kindern. Auch Lina traut sich noch nicht so richtig, Samira zu streicheln. Dies, obwohl die Pferde gutmütiger nicht sein könnten. «Unsere Therapie-Pferde sind sehr ruhige, ausgeglichene Tiere und keinesfalls schreckhaft. Sie lassen sich sehr auf die Begegnung mit den Patienten ein. Damit sie nicht überansprucht werden, werden sie pro Tag nur für drei Therapien eingesetzt», sagt Ceverine Keller. Die Therapeuten arbeiten mit Kleinpferden. Auf ihrem Rücken wird die Bewegung durch den Patienten besser aufgenommen und die Therapeuten können dank der geringen Höhe besser Hilfestellungen geben.

Highlight der Woche

Als hätte sie gehört, dass über sie gesprochen wird, schnaubt Samira. Lina lacht und ahmt das Geräusch nach. Fröhlich brabbelt sie vor sich hin und zeigt immer wieder stolz auf ihren Helm. «Für viele Patienten ist die Hippotherapie das Highlight der Woche», erzählt Ceverine Keller. «Sie freuen sich auf das Reiten und die Zeit im Freien. Gerade bei Menschen im Rollstuhl spüren wir die Freude darüber, in der Natur unterwegs zu sein. Endlich einmal schränken die Beine nicht mehr ein! Dieser psychische Aspekt der Therapie ist fast genauso wichtig wie der physische.» So waren die Hippotherapie-Stunden bei der Brühlgut Stiftung nach dem Start schnell ausgebucht. Das Angebot wird deshalb laufend ausgebaut.

Die Therapiestunde von Remo und Lina nähert sich ihrem Ende und von weitem kann das kleine Mädchen bereits seinem Vater zuwinken. Therapeut André Roeder berichtet von Linas Fortschritten und diese liefert gleich noch eine Premiere: Zum Abschied bekommt Samira eine kleine Streicheleinheit, bevor sie mit dem nächsten Patienten auf dem Rücken wieder geduldig los trottet. (Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 24.11.2017, 14:38 Uhr

Maja Rauber,
Co-Präsidentin Schweizer Gruppe für Hippotherapie-K

Nachgefragt

Was ist Hippotherapie-K?
Maja Rauber: Unter Hippotherapie-K versteht man Physiotherapie für neurologische Patienten mit Hilfe von Kleinpferden. Das K im Namen stammt von der Begründerin Ursula Künzle und dient der klaren Abgrenzung von anderen Therapien mit Pferden. Dies ist für die Kostenübernahme entscheidend. Hippotherapie-K wird als anerkannte medizinische Massnahme vom Arzt verschrieben und von Krankenkasse oder IV übernommen. Durchgeführt wird die Therapie von ausgebildeten Physiotherapeuten mit Weiterbildung in Hippotherapie-K. Seit rund einem Jahr wird die Ausbildung an der ZHAW Winterthur angeboten.

Wie wirkt Hippotherapie-K?
Der Pferderücken bewegt sich im Schritt dreidimensional – analog der Fortbewegung des Menschen. Die Bewegung des Pferderückens überträgt sich auf den Patienten und kann so therapeutisch genutzt werden. Die rhythmischen, dreidimensionalen Bewegungen führen zu einer Verbesserung der selektiven Bewegungsfähigkeit zwischen Becken und Brustkorb, was zu einer Lockerung der überlasteten Muskulatur und Schmerzlinderung in diesen Bereichen führt. Zudem wird die Körpersymmetrie geschult.

Welche Patienten können von Hippotherapie-K am meisten profitieren?
Patienten, die unter Bewegungsstörungen leiden, wie sie bei Cerebralparesen, Multipler Sklerose, Halbseitenlähmungen, traumatisch bedingten Hirnverletzungen oder Querschnitts-läsionen auftreten, profitieren von Hippotherapie-K.

Hippotherapie-K-Therapiestellen bei Kliniken und Stiftungen sowie aktive Therapeutinnen und Therapeuten aus der ganzen Schweiz finden auf www.hippotherapie-k.org.

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