Warum es in den Ferien oft kriselt

Ferien können die schönste Zeit des Jahres sein, in der sich ein Paar wieder neu verliebt. Doch oft kommen in der Sommerhitze latente Konflikte an die Oberfläche. ­Paarforscher Prof. Dr. Guy Bodenmann erklärt, warum das so ist – und wie man es schafft, die Ferien für eine Annäherung zu nutzen.

<b>In den Ferien hat man Zeit</b> und lebt auf engem Raum – dadurch kommen oft lang angestaute Themen hoch. Werden die Probleme nicht gelöst, kann das zu schlechter Stimmung führen.

In den Ferien hat man Zeit und lebt auf engem Raum – dadurch kommen oft lang angestaute Themen hoch. Werden die Probleme nicht gelöst, kann das zu schlechter Stimmung führen. Bild: Shotshop

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ein Drittel der Scheidungen wird laut Statistik nach den Sommerferien eingereicht. Gibt es nach den Sommerferien auch mehr Anfragen für Paarberatungen bei Ihnen?
Guy Bodenmann: Erfahrungsgemäss finden im Juli und August ferienbedingt weniger Paarberatungen statt, dadurch kommt es zu mehr Anmeldungen ab September.

Warum sind Ferien ein Liebeskiller?
Das würde ich nicht so generell formulieren. Während bei den einen Paaren die Ferien zur Zerreissprobe werden können, sind die Ferien für andere die beste Zeit im ganzen Jahr, in der sie sich ­wieder neu ineinander verlieben. Durch den Wegfall des Alltagsstresses können sich diese Paare in den Ferien aufeinander einlassen, nehmen sich Zeit für Zuneigung und Sexualität und erleben wieder Nähe und Verbundenheit. Bei Paaren, welche sich bereits in einer latenten oder manifesten Krise befinden, können überhöhte Erwartungen an die Ferien zu erneuten Enttäuschungen und einer weiteren Entfremdung führen. Anstatt der erhofften Entspannung kommt es bei diesen Paaren in den Ferien vermehrt zu Konflikten und zu einer weiteren Verschlechterung der Partnerschaft.

"Da man während der Ferien oft auf engem Raum lebt, kommt es häufiger zu Auseinandersetzungen als zu Hause."Guy Bodenmann,
Psychologieprofessor an der Universität Zürich

Was sorgt für Stress in den Ferien?
Da man während der Ferien oft auf engem Raum lebt, kommt es häufiger zu Auseinandersetzungen als zu Hause, wo man sich besser ausweichen kann. Lang angestaute Themen kommen hoch und wollen besprochen und gelöst werden. Wenn nun einer oder beide Partner Konflikte vermeiden, wird dies als weiterer Beweis dafür genommen, dass man die Probleme nicht mehr lösen kann und alles ausweglos ist. Dabei böten gerade die Ferien durch die entspanntere Atmosphäre und die zeitlichen Möglichkeiten, sich stärker auszutauschen, das Potenzial, grössere Probleme anzusprechen.

Er will Party und Strand, sie ­Ruhe und Berge – gibt es bei so unterschiedlichen Vorstellungen eine Lösung?
Bei unterschiedlichen Bedürfnissen gibt es kein richtig oder falsch. Es kann nicht beurteilt werden, ob derjenige, welcher an den Strand möchte, recht hat oder derjenige, welcher in die Berge fahren möchte. Die Paare sollten lernen, sich deswegen nicht auf einen Machtkampf einzulassen, den anderen nicht als Problem zu sehen und ihn nicht von der Richtigkeit der eigenen Bedürfnisse überzeugen zu wollen. Sondern sie sollten anerkennen, dass das Problem die unterschiedlichen Bedürfnisse sind. Somit kommen als Lösung nur Kompromisse infrage, indem man einen ruhigen Strand, Party in den Bergen oder abwechslungsweise Party und Strand und dann das nächste Mal Ruhe und Berge als Feriendestination wählt.

Ein Trennungswunsch kommt vermutlich nicht aus heiterem Himmel – warum entscheiden sich Paare ausgerechnet in oder nach den Ferien für eine Trennung?
Trennungsgedanken sind in aller Regel die Folge einer längeren Unzufriedenheit und einer gewissen Hoffnungslosigkeit, dass man es als Paar nicht mehr schaffen wird, glücklich zusammenzusein. Wie bei einem vollen Fass braucht es dann häufig nur einen weiteren Tropfen und es läuft über. Dies können in den Ferien weitere Frustrationen sein. Man hatte sich Nähe und Zärtlichkeit und das Besprechen von Problemen gewünscht, sieht sich nun aber enttäuscht und versetzt. Anstatt Tiefgang erlebt man Oberflächlichkeit, Rückzug des anderen oder Zurückweisung. Diese Erfahrungen können aufgrund der Dichte während der Ferien den Entschluss festigen, dass es so nicht weitergehen kann.

"Wichtig ist, dass man mit realistischen Erwartungen in die Ferien fährt."Prof. Dr. Guy Bodenmann

Wie kann ein Paar in der Krise die Ferien für eine Annäherung nutzen statt danach zum ­Scheidungsanwalt zu gehen?
Prinzipiell sollte ein Paar nach einer Krise nicht vorschnell einen Scheidungsanwalt aufsuchen. Für einen selber und besonders im Falle von Kindern lohnt es sich immer, sorgfältig zu prüfen, ob eine Scheidung der richtige und letzte Ausweg ist. Zur Klärung dieser Frage sollte eine Paarberatung in Anspruch genommen werden, wenn man selber nicht mehr weiterweiss.

Haben Paare mit Kindern noch mehr Stress?
Ja, Paare mit Kindern weisen deutlich mehr Stress auf als kinderlose Paare. Je mehr Kinder, desto grösser die emotionalen, instrumentellen, zeitlichen und finanziellen Belastungen. Andererseits sind Kinder auch ein Geschenk und sollten nicht nur unter der Optik von Belastungen gesehen werden.

Wie schafft man es, mit dem Partner harmonische Ferien zu verbringen?
Wichtig ist, dass man mit realistischen Erwartungen in die Ferien fährt und sich bewusst ist, dass man sich und den Beziehungsalltag in die Ferien mitnimmt. Dort wird nicht einfach alles anders und besser sein. Ferien sind jedoch eine Chance, sich entspannter zu begegnen. Man hat die Musse, sich wieder neu zu entdecken, wieder die Seiten am Partner zu sehen, die man früher so gemocht hat, sich auszutauschen und sich Zeit für Zärtlichkeit und Sexualität zu nehmen. Diese Gelegenheit sollte man als Paar nutzen. Paare, welche im Alltag wenig Zeit füreinander haben, sollten die Ferien als exklusive Zeit für sich nutzen und die Kontakte zur Aussenwelt reduzieren.

Welche Paare haben gute ­Chancen, gestärkt aus den ­Ferien nach Hause zu kommen?
Das sind Paare, welche die Ferienzeit für gemeinsame Gespräche, gemeinsame Erfahrungen und Aktivitäten, für Zweisamkeit und geteilte Entspannung nutzen. Die Liebe ist wie eine Pflanze, die man hegen und pflegen sollte – die Ferien bieten dazu eine gute Gelegenheit.


Das Interview wurde schriftlich ­geführt. (Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 13.07.2017, 13:44 Uhr

Zur Person

Guy Bodenmann

Der Psychologe Prof. Dr. Guy Bodenmann forscht nicht nur zum Thema Stressbewältigung in der Partnerschaft, sondern er bietet mit Paarlife auch praktische Hilfe in Form von Paartherapien und Kursen an. Paarlife ist ein nicht kommerzielles Angebot der Universität Zürich. Mittels Studien, die an Bodenmanns Lehrstuhl für klinische Psychologie (Kinder/Jugendliche & Paare/Familien) durchgeführt werden, wird Paarlife auf seine Wirksamkeit überprüft und weiterentwickelt. Guy Bodenmann schreibt auch Sachbücher, zuletzt «Bevor der Stress uns scheidet: Resilienz in der Partnerschaft» (Hogrefe-Verlag, 2016).
www.paarlife.ch

Tipps

Damit die Paar-Ferien ein Erfolg werden

Erwartungen klären. Wer sich im Voraus darüber austauscht, wer welche Wünsche für die Ferien hat, läuft weniger Gefahr, mit übersteigerten Erwartungen an die gemeinsame Zeit loszufahren.

Neues ausprobieren. Lernt man als Paar unbekannte Orte oder Kulturen kennen, wird das Wirgefühl gestärkt. Zusammen staunen verbindet.

Solotrips. Auch in Paar-Ferien muss man nicht jede Minute ­zusammen verbringen. Kleine Freiräume vermeiden Streit und liefern Gesprächsstoff.

Offline sein. Hängt der eine Partner ständig am Handy, ist das nervig für den anderen. Ein guter Kompromiss sind Maximalnutzungszeiten, die man vereinbart.

Streit ist okay. Konflikte gehören dazu, sollten aber fair aus­getragen werden. Gemeinsam sollte man eine konstruktive ­Lösung suchen.

Erinnerung konservieren. Fotos von den Ferien versüssen zu Hause den Alltag und holen die positiven Gefühle zurück. Auch Kochrezepte aus der Ferienregion rufen die Erinnerung an die schöne Zeit wieder hervor.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Den Landboten digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Gebärdensprache Lernen mit den Händen zu sprechen

Hier kocht Kochen ist wie ein Spiel ohne Grenzen

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben